Drachenmärchen

                 Auszüge aus meinem Buch

 

 

Zeichnung: Jutta E. Schröder

                               Ikaas aus dem Drachental



Ikaas, der grüne Drache, rekelte sich nach einer geruhsamen Nacht und
seufzte: „Ach, was bin ich es leid, allein zu sein!“
Schwerfällig erhob er seinen massigen Körper und stampfte zum Ausgang
der Felsenhöhle, reckte die breite Schnauze in die Luft, atmete tief ein und
erfreute sich an den fröhlich zwitschernden Vögeln. Die Sonne hatte den Tag
schon lange wachgeküsst und stand hoch am Firmament.
Da Ikaas oft die Langeweile quälte, nahm er sich für den Abend vor,
spazieren zu gehen. „Ich werde meinen alten Freund Mux besuchen. Ja, das
ist eine gute Idee! Hab das Wachsmännchen schon lange nicht mehr
besucht“, murmelte er vor sich hin und blinzelte dabei in die grelle Sonne.
Schwülwarm war die Luft, genau wie Ikaas sie liebte.
„Dieses Klima ist goldrichtig für meine Drachenhaut, so bleibt sie weich und
geschmeidig‟, freute er sich.
Als die Abenddämmerung einsetzte, machte er sich auf den Weg. Das
Wachsmännchen spürte sein Nahen, da bei jedem Schritt des Freundes der
Boden erzitterte. ‟Na, der war ja lange nicht mehr bei mir. Schön, dass er
sich mal aufgerafft hat“, grinste er.
„Mux, bist du Daheim?“, rief Ikaas.
„Ja, aber ich komme nicht raus!“, antwortete Mux aus seinem Erdloch.
„Warum denn nicht? Ich wollte ein wenig mit dir schwatzen!“
„Ikaas, du weißt doch, dass ich mich im Sommer nicht der Wärme aussetzen
kann. Oder willst du, dass ich dahinschmelze?“
„Nein Mux, natürlich nicht, du bist doch mein Freund. Dann ziehe doch zu mir
in die Höhle, darin ist es kühl und ich bin nicht mehr einsam. Wir wären dann
sozusagen zweisam!“
„Ach nein, du weißt doch, ich bin Einzelgänger, freue mich aber ab und an
über eine kurze Unterhaltung“, erklärte Mux.
„Aber einen Rat kannst du mir vielleicht geben! Mux, was soll ich machen,
um nicht mehr alleine zu sein?“
‟Schaff dir einen Löwen an, oder Vögel, die wecken dich früh am Morgen mit
Gesang. Du, bei dir leben doch Fledermäuse in der Drachenhöhle! Wäre das
nichts für dich?“, rief Mux aus seinem Erdloch.
„Ein Löwe, einen Vogel, Fledermäuse? Du hast Ideen! So ein Löwe frisst
jede Menge, da bleibt für mich nichts übrig. Ein Vogel ist mir zu klein,
außerdem könnte er mir davonfliegen und einsperren will ich niemanden.
Fledermäuse hängen den ganzen Tag schlafend herum, abends sind sie
dann auf Beutezug. Einen Kumpel, der nichts fressen muss, dass wäre der
Richtige für mich!“, erklärte der Drache.
„Na, du bist gut! Einen Freund, der keine Nahrung braucht, den wirst du nicht finden!“
Ikaas verabschiedete sich und setzte seinen Weg fort.
„Ich war noch nie im Dorf. Vielleicht sollte ich mich dort einmal umsehen!“,
beschloss er.

 

Ikaas betrat eine für ihn fremde Welt. „Mux hätte mir sicher davon
abgeraten‟, überlegte er. Doch seine Neugier war groß, so groß wie seine
Einsamkeit.
Das Dorf lag im Schlaf, nur ein Fenster war erleuchtet. Ikaas näherte sich
und sah hinein. Am Tisch saß gebeugt der Schneider Bock über einer
Näharbeit. Eine alte Öllampe spendete ihm schummeriges Licht. Die
verhornten Fingerkuppen zeigten Spuren eines harten Arbeitslebens.
In dem kleinen Häuschen lebte der verwitwete Schneider mit seiner Tochter
Luisa, seinem einzigen Kind und dem alten dicken Hund Aiko, den er meist
liebevoll Dickerchen nannte.
„Armer Aiko! Wegen der vielen Arbeit bekommst du zu wenig Bewegung.
Über die Wiesen solltest du jagen, Stöckchen holen, dann wärst du nicht so
träge und dick geworden!“, sprach er zum Hund und streichelte ihn dabei
über den Kopf.
Ikaas schaute traurig zu und dachte: „Das Schneiderlein hat wenigstens ein
Haustier, ich aber bin ganz allein. Soll ich ihm den Hund wegnehmen? Nein,
der frisst zu viel und außerdem würde das Schneiderlein bestimmt bald
unglücklich sein. Ich such mir einen anderen Kameraden.‟

Geknickt machte sich der Drache auf den Weg nach Hause. Jedoch ging ihm
Schneider Bock nicht aus dem Kopf. Er beschloss, am nächsten Abend
wieder ins Dorf zu gehen.
Wie immer saß der Schneider bei seiner Arbeit. Doch dieses Mal saß seine
Tochter Luisa bei ihm und sortierte allerlei Knöpfe in kleine Fächer.
„So, so, da kann man Mal sehen, was das Schneiderlein so alles besitzt“,
sprach Ikaas neidisch. „Beide braucht er nicht. Es reicht, wenn er den dicken
Hund hat. Das schlanke Mädchen isst sicher nur wenig und sie kann mich
unterhalten. Ja, das ist eine sehr gute Idee!“ Ikaas lächelte bei der
Vorstellung, bald Gesellschaft zu haben. Wie aber sollte er das anstellen?
Voller Vorfreude, in Gedanken versunken, machte er sich wieder auf den
Heimweg. Er musste sich einen Plan zurechtlegen. Der Heimweg führte beim
Wachsmännchen vorbei. Da der Drache nicht zu überhören war, rief Mux aus
seinem Erdloch: „Ikaas! Du wirst doch nicht des Schneiders Tochter stehlen?“
Isaak erschrak, blieb abrupt stehen und stotterte ertappt: „Wo...wo...denkst
du hin? Ich habe doch nur einen Spaziergang gemacht. Aber wieso bist du
noch wach?“
„Weil ich auf dich gewartet habe!“
„Mux, du brauchst nicht wegen mir solange wachzubleiben. Du brauchst
deinen Schlaf!“
„Das könnte dir so passen! Da du mir so nahe bist, kann ich deine Gedanken
lesen. Ich weiß um deinen Plan."
Oh je! An diese besondere Fähigkeit seines Freundes hatte der Drache gar
nicht mehr gedacht und tappte flugs weiter, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
Am frühen Nachmittag des folgenden Tages betrat Luisa die Nähstube ihres
Vaters. „Papa, ich gehe in den Wald Beeren pflücken. Ich will uns einen
Kuchen backen und Marmelade kochen!“
„Das ich lieb von dir, mein Kind!“
So nahm Luisa ihr Körbchen von der Bank unter dem Fenster und lief auf
den Wald zu. Da entdeckte sie plötzlich eigenartige Spuren. „Wer trägt so
komische Schuhe? Und schwer muss er sein, ein rechter Koloss!“ Sie setzte
einen ihrer Füße in einen Taps und versank bis zur Wade darin. Lächelnd
schüttelte das Mädchen den Kopf. Wie von fremder Hand geführt, folgte sie
den riesigen Abdrücken. Vergessen waren die Beeren. Unvermittelt stand
Luisa nun vor einer Höhle, in der sich die Spur verlief. „Ist hier jemand?“, rief
sie mutig und ihr Ruf schallte durch den Felsen. „Wie dumm von mir! In
dieser Höhle habe ich als Kind mit meiner Freundin Nele gespielt. Wer sollte
hier wohl wohnen?“
„Ja, ich!“, dröhnte eine Stimme. Komm nur herein, ich tue dir kein Leid an!“
Luisa zuckte zusammen. Schritt für Schritt trat sie näher, obwohl sie hätte
weglaufen mögen, war ihre Neugier stärker als die Angst. Dann stand sie vor
dem großen grünen Drachen, der sie verschmitzt anlächelte. „Keine Angst,
Mädchen! Ich bin nicht böse. Über jeden Besuch freue ich mich. Bist du nicht
die Tochter des Schneidermeisters Bock?“, fragte der scheinheilig.

 

 

 

Zeichnungen Jutta E. Schröder

 

 

 

 

 

 

Pitsch, Kiki und Rußmarie im Seidenkleid
 

Zeichnungen: Jutta E. Schröder

 

Es geschah einmal, dass ein Herzog und seine Gemahlin viel zu früh das Zeitliche segneten. Auf dem Sterbebett vertrauten sie der ältesten Tochter Gloria ihr jüngstes Kind Rosemarie an. Gloria mochte ihre kleine Schwester nicht. Bei deren Geburt war sie selbst bereits fünfzehn Jahre alt gewesen und hätte Vater und Mutter gern weiter für sich allein gehabt. Nun war die Kleine schutzlos ihrer Willkür ausgesetzt.
 

Schon bald behandelte Gloria die Schwester wie eine Dienstmagd, während sie selbst vor dem Spiegel saß, sich das goldblonde Haar kämmte und die eigene Schönheit bestaunte.
Sie nannte ihre Schwester nie anders als Rußmarie.
An jedem Morgen schallte Glorias Stimme im Befehlston durch die Burg: „Rußmarie, nimm die Axt, besorg Kohle und Holz, denn mir ist kalt. Erst nach getaner Arbeit bekommst du deinen Kanten Brot!”
„Was du mir aufträgst, schaffe ich nicht auf einmal”, seufzte Rosemarie.
Aber Gloria kannte kein Erbarmen. „Dann läufst du eben zweimal oder dreimal! Beeile dich, ich möchte ein Bad nehmen!”
Vergeblich versuchte Rosemarie, ihrer Schwester die Augen für deren Ungerechtigkeit zu öffnen. „Sieh mich doch an, ich bin kleiner und viel jünger als du. Von trockenem Brot und einem Apfel dann und wann bekomme ich keine Kraft. Ich bin mager und müde. Meine Kleider rutschen mir vom Leib.” Gloria blickte Rosemarie missbilligend an. „Du bist undankbar. Meine Jugend habe ich für dich geopfert. Andere sind längst mit einem Prinzen verheiratet. Und was deine Kleider betrifft: Binde dir einen Strick um die Taille, dann rutscht nichts mehr.”
Traurig nahm Rosemarie nach einem dieser Gespräch den Kohlensack und das schwere Werkzeug und machte sich auf den Weg in den Wald. „Kein Wunder, dass uns die Dienerschaft verlassen hat”, dachte sie. „Bis auf die taube Putzfrau, die eh nichts hört und deshalb immer lächelt, sind alle vor Gloria geflüchtet.”
Das bedauerndswerte Mädchen blickte an sich herunter: Die Füße steckten in durchgetretenen, viel zu kleinen Schuhen, über ein zerrissenes, viel zu großes Kleid hatte es sich eine zerlumpte Schürze gebunden. Bei jedem Schritt schmerzten die Füße, denn spitze Steine drückten sich durch die alten Latschen. Wie sollte sie sich da beeilen?
„Sieht so eine Herzogstochter aus?”, fragte sich Rosemarie traurig. Die Kleine ahnte nicht, dass sie bei ihrem täglichen Gang in den Wald beobachtet wurde. Der Drache Pitsch hatte dort seine Höhle und sein weiches Herz empfand Mitleid mit dem traurigen Mädchen. Er machte auch seinen kleinen Freund, den Murmelzwerg Kiki, auf Rosemarie aufmerksam.
„Wir müssen der Kleinen helfen”, sagte er an diesem Morgen, als Rosemarie mit schleppendem Schritt den Wald betrat. „Sieh doch nur, sie hat kein ordentliches Kleid am Leib und kann sich kaum aufrecht halten. Wer schickt sie nur zu solch schwerer Arbeit allein in den Wald?”
„Da spricht wieder dein gutes Drachenherz.” Kiki legte seine kleine Hand auf die gewaltige Klaue des Drachen. „Du hast Recht! Wir sollten uns schnell etwas einfallen lassen.”
Rosemarie schlug inzwischen mit der Axt dünne Äste von den Bäumen ab und band sie zu einem Bündel. Danach hackte sie Kohle aus den Wänden eines Stollens, füllte den Sack und zerrte ihn mühsam nach draußen. Sie war gerade dabei, sich die Last aufzubürden, als sie ein angestrengtes Stöhnen vernahm und der Waldboden unter ihren Füßen sich bewegte. Erschrocken sprang Rosemarie zur Seite. Jetzt erst bemerkte sie, dass sie auf einem Erdloch stand. Ein Stück Moos klappte zurück und ein kleines Männlein kam zum Vorschein.
„Hast du mir den Ausgang versperrt, Mädchen?”, rief es mit heller Stimme. „Ich dachte, mein
Freund, der Drache Pitsch, hätte sich wieder einmal mit dem Hinterteil darauf gesetzt. Ab und zu erlaubt er sich solche Scherze mit mir!”
„Wer bist denn du?”, fragte Rosemarie und machte großen Augen.
„Ich heiße Kiki und bin ein Murmelzwerg. Wie ein Murmeltier halte auch ich Winterschlaf. Und wer bist du?”
„Ich bin Rosemarie. Aber meine Schwester Gloria nennt mich Rußmarie. Tag für Tag muss ich ihr Holz und Kohle heimbringen, sonst bekomme ich nichts zu essen.”
„Und du plagst dich mit der Arbeit ganz allein herum?”
„Ja! Meine Schwester liebt mich nicht. Sie behandelt mich wie ihre Dienstmagd. Unsere Eltern sind leider tot. Wenn sie noch lebten, wäre alles anders.”
Kiki fragte und fragte, bis er alles über Rosemarie und ihr Schicksal wusste.
Plötzlich erzitterte der Wald. Das Mädchen warf sich verängstigt auf den Boden. Kiki aber lachte
fröhlich und rief: „Das kann nur mein Freund Pitsch sein. Es ist sein Schritt.”
„Ei ... ei ... ein Drache kommt?”, stotterte Rosemarie.
„Ja, und deine Furcht ist unbegründet. Du wirst gleich merken, er ist harmlos. Und du wirst ihn mögen.”
Da brach Pitsch auch schon durchs Gebüsch, sah das Mädchen am Boden liegen und fragte scheinbar streng: „Kiki, was hast du mit dem armen Kind gemacht?”
„Gar nichts”, sagte Rosemarie verlegen und stand auf. „Der Boden zitterte und ich dachte, das sei ein Erdbeben.“
„Sei ehrlich”, grollte der Drache freundlich, „du hattest Angst vor mir, wie jeder, der mich hört und sieht.”
Kiki erzählte Pitsch nun alles, was er soeben von Rosemarie erfahren hatte. Dabei zwinkerte er dem Freund in stillem Einverständnis zu.

 

 

 

Das große Abenteuer des kleinen Gumok

   

Zeichnungen: Jutta E. Schröder

 

Gumok, das Drachenkind, wachte an jenem verhängnisvollen Morgen viel zu zeitig auf und
blickte sich verwirrt in der Höhle um. Sein Herz begann heftig zu pochen und Angst kroch ihm
an den Rückenschuppen empor, denn die Schlafstelle der Eltern war verlassen. Gumok war
noch nie von seinen Eltern allein gelassen worden!
„Mama, Papa wo seid ihr?“ rief er laut, plumpste von seinem Lager und tapste hilflos und
verzweifelt im Kreis umher. Schließlich wagte er sich aus der Höhle, horchte in die Stille, doch
die vertrauten schweren Tritte seiner Eltern vernahm er nicht.
„Ich muss sie suchen“, dachte Gumok. „Aber wo?“
In der Ferne sah er Flammen in den Himmel schießen.
„Da sind sie!“, schrie er freudig auf.
Wer hatte die Eltern verärgert, dass sie so heftig Feuer spuckten?
Gumok stopfte das Grünfutter vom Vortag in seinen kleinen Rucksack und begab sich auf Wanderschaft.
Dem kleinen Drachen war nicht bewusst, auf was für ein Abenteuer er sich einließ. Das weite
Drachenland grenzte an einen Vulkan. So oft Gumok auch einen Fuß vor den anderen setzte, er kam dem Feuer einfach nicht näher. „Wie lange muss ich denn noch gehen? Die Hornhaut auf meinen Pranken ist fast ab“, jammerte er, tappte jedoch tapfer weiter.
Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel und Gumok verspürte heftigen Durst. Ein Bächlein kam ihm gerade recht. Zuerst füllte er sich das Bäuchlein mit Wasser, dann setzte er sich auf einen Stein und hielt die brennenden Pranken ins kühle Nass. „Oh, tut das gut!“, seufzte er wohlig.
Das Wasser hatte zwar seinen Durst gelöscht, aber nun packte ihn der Hunger. Der Kleine öffnete seinen Rucksack, doch darin befand sich statt des saftigen Grünfutters mittlerweile nur noch vertrocknetes Blätterwerk. „Meine Mama würde das wegwerfen“, dachte Gumok. „Aber
hab’ ich was Besseres? Nein! Also, rein damit!“ Und er stopfte alles in sich hinein.

 

Es wurde Zeit, den Weg fortzusetzen. Den wunden Pranken hatte das Wasser gut getan. Gumok kam wieder besser voran.
Unterwegs versuchte er hin und wieder, durch Rufen auf sich aufmerksam zu machen. Aber es schien außer ihm in dieser Gegend niemand unterwegs zu sein.
Wenn er doch bloß selbst schon richtig Feuer speien könnte, dann würden die Eltern ihn sicher sofort bemerken. Leider kam aber außer unscheinbaren Flämmchen nichts seinem Rachen.
Entmutigt trottete Gumok weiter und haderte mit der bösen Welt: „Das ist so gemein! Mama sagt, dass Drachenkinder glücklich groß werden sollen. Warum bin ich dann so fürchterlich unglücklich?“
Endlich kreuzte ein Eichhörnchen seinen Weg.
„Kleiner Drache, warum jammerst du denn? Kann ich dich mit ein paar Nüssen trösten?“
„Die können mir nicht helfen“, seufzte Gumok und zeigte zum Horizont. „Ich möchte zum großen Feuer, wo meine Eltern sind. Doch der Weg will nicht enden. Wahrscheinlich komme ich nie an.“
„Geh nicht dort hin!“, warnte das Eichhörnchen. „Da ist es gefährlich. Du könntest verbrennen. Geh besser wieder heim. Es kann doch sein, dass deine Eltern dich inzwischen vermissen. Sicher sind sie schon in großer Sorge.“
„Ich kann nicht zurück“, gestand Gumok leise. „Ich hab mich … glaub ich … na ja … eben verlaufen! Und wenn meine Eltern zu Hause wären, hätte ich mich ja nicht auf die Suche nach ihnen gemacht.“
„Da hast du natürlich Recht!“ Das Eichhörnchen wippte mit dem buschigen Schwanz und huschte von dannen.

 

Jeden Morgen, noch ehe Gumok aufwachte, besorgten die Dracheneltern frisches Grünfutter fürs Frühstück. So war es auch an diesem Morgen geschehen. Drachenmutter Fina trug nun einen prall gefüllten Korb auf dem Rücken heim, Drachenvater Dag sogar zwei. Er betrat wie immer als erster die Höhle und das Herz blieb ihm beinahe stehen. „Unser Sohn ist weg!“, brüllte er entsetzt auf.
„Sicher hat er sich weiter hinten in der Höhle verkrochen, weil wir nicht da waren“, vermutete Mutter Fina und rief nach dem Söhnchen. Aber kein Gumok meldete sich.
„Sein Rucksack und die Futterreste sind auch verschwunden“, grollte Dag. „Er ist auf Wanderschaft. Ich muss ihn suchen! Für so ein Abenteuer ist er noch zu klein.“
Eilig verließ der Drachenvater die Höhle. Doch in welche Richtung sollte er gehen, um seinen Sohn zu finden? Kummervoll ließ er sich am Steintisch vor der Höhle nieder, legte das große Haupt auf den warmen Stein, überlegte mit geschlossenen Augen, was zu tun sei und schlief darüber ein. Das passierte immer, wenn er angestrengt nachdachte. Mutter Fina wagte nicht, ihn zu wecken, denn das nahm Dag übel. Sie wagte aber auch nicht wegzugehen, denn der kleine Sohn konnte ja jeden Augenblick wieder auftauchen.