Flatterhübchen   "NELL"

 

 

 

Das Flatterhübchen Nell lebte glücklich auf der Hokuspokusinsel im Zaubersee, wo der
Zauberkönig Lupanga regierte.
Eines Tages aber war der arglistige Troll Winzigfuß mit bösen Absichten in das schöne
Reich eingedrungen. Er wollte den goldenen Lerchen des Königs die kostbaren Federn
stehlen. Nell machte sich auf die Suche nach Hilfe und fand am Ufer des Zaubersees den
Teddy Pummel und seinen Freund, den Raben Eddy. Die beiden Tapferen überlisteten den
Troll mit einem Stückchen Wunderhonig, das dem Gefräßigen lieber war als tausend
goldene Lerchenfedern. Er verschwand von der Hokuspokusinsel und Nell erwarb sich die
Dankbarkeit des Königs Lupanga.
Doch nach einiger Zeit starb der gute König. Nun gefiel es Nell gar nicht mehr auf der
Insel. „Ich suche mir ein anderes Zuhause“, dachte sie. „Erwachsen bin ich ja, denn meine
bunt schillernden Flügelchen sind inzwischen kirschrot geworden. Nur schade, dass sie so
klein bleiben. Weites Fliegen wird damit nie möglich sein. Aber deshalb heißen Wesen wie
ich ja auch Flatterhübchen!“
Nell flatterte also mit Hilfe des Südwindes Pustebacke über den Zaubersee auf und davon,
um ein eigenes Reich für sich zu finden. Anfangs lief alles gut, dann aber erhielt der Wind
einen dringenden Auftrag.
„Ich muss fort, Kleines“,säuselte er bedauernd. „es kann eine Weile dauern, ehe ich
wiederkomme.“ Er setzte das Flatterhübchen auf einer Wiese ab und machte sich davon.
Weil Nell müde war, schlüpfte sie in eine Distelblüte, schlürfte vom süßen Nektar und
schlief auch bald ein. Leider enthielt der Nektar ein Gift, das dem kleinen Flatterhübchen
der Stimme raubte. Als Nell am nächsten Morgen erwachte, bekam sie daher außer
Wimmern keinen Laut heraus.
Blumenelfen fanden sie zusammengekrümmt in der Blüte liegen.
Oh weh!“, riefen sie. „Ein verlassenes Elfenkind! Und noch dazu in einer Kratzdistel. Es
wird eine Weile dauern, ehe es wieder sprechen kann.“ Sie nahmen das winzige Wesen
bei sich auf und Nell genoss ihre ungeteilte Fürsorge und liebevolle Zuwendung.
Bald schon wurde den Blumenelfen klar: Nell war keine der ihren.
„Ich glaube, das ist ein Flatterhübchen“, sagte ein alter Elf, der schon viele Sommer
gesehen hatte. „Das sind sehr seltene, anmutiger Wesen, die vor langer Zeit aus einer
anderen Welt zu uns gekommen sind. Nicht umsonst ist die Kleine in die Distelblüte
geschlüpft, deren Nektar besonders süß ist. Flatterhübchen haben eine große Vorliebe für
Honig. „Und schaut nur, das rabenschwarzes Haar ist kurz und stoppelig, nicht weiß und
glatt wie das unsere, dazu die großen jadegrünen Augen. Unsere sind blau.“
Nell wurde unter der Pflege der Elfen mit jedem Tag schöner.
Ihre Flügelchen glitzerten in der Sonne wie mit Rubinen bestückt. Aber sie schaffte es
eben nur, ein wenig zu flattern, statt zu schweben wie die Elfen.
Täglich gaben diese ihr Tau zu trinken, obgleich er Nell nicht besonders schmeckte.
„Trink, Kleines“, wurde sie überredet. „Trink! Sonst erhältst du deine Stimme nicht wieder.“
Die Warnung wirkte. Und eines Tages zeigte sich auch der Erfolg der Tau-Kur. Nell
krächzte erst etwas Unverständliches, dann etwas nicht genau Verständliches und dann
sagte sie klar und deutlich: „Ich heiße Nell und bin ein Flatterhübchen!“
Nun herrschte große Freude bei den Blumenelfen und es ging ans Erzählen.
Da erfuhren die Elfen, dass sie sich in etwas Wesentlichem von den Flatterhübchen
unterschieden: Während sie in einem blumenreichen, unterirdischen Schloss in der kalten
Jahreszeit frohe Feste feierten, lagen die Flatterhübchen in tiefem Winterschlaf. Sie
schlüpften, wenn die Zeit dafür gekommen war, zwischen die kräftigen Wurzeln eines
Baumes und träumten in deren schützender Umarmung von Sonne und Honig. Der Wind
überdeckte den Schlafplatz mit einer dicken Schicht Laub, noch später fiel weicher
Schnee darüber. Bei den ersten warmen Sonnenstrahlen und dem ersten Vogelzwitschern
erwachten die Flatterhübchen mit neuen Kräften. „Und deshalb“, sagte Nell, „deshalb ist
mein Platz nicht bei euch. Ich muss meine eigene Welt finden.“
Das sahen die Blumenelfen ein, obgleich sie sich nur ungern von dem hübschen Wesen
trennten.
Als habe er genau gewusst, dass er nun dringend gebraucht werde, stellte sich auch der
Südwind Pustebacke wieder ein. Wohin soll ich dich bringen?“, säuselte er.
„Das weiß ich nicht!“, gab Nell verlegen zu. „Erst einmal weiter geradeaus.“ Und sie rief
den Elfen zu: „Ich danke euch für die Rettung meines Lebens. Ihr werdet immer in meiner
Erinnerung bleiben!“
„Es hat dir also bei den Blumenelfen gefallen?“, erkundigte sich der Wind, während er Nell
sacht vor sich her blies. Sie erzählte ihm so dies und das und bat zuletzt: „Hilfst du mir,
nach einer neuen Bleibe zu suchen? Am liebsten wäre mir ein ruhiges Plätzchen in einem
Wald, in welchem ich auch Honig finde!“
„Ja, ja! Immer nur Honig, auch wenn du davon stumm wirst“, neckte Pustebacke und blies
das leichte Wesen senkrecht in der Luft. In null Komma nichts waren sie weit weg vom
Elfenland.
„Schau mal nach unten, Kleines!“ rief Pustebacke plötzlich. „Wäre das nicht ein geeignetes
Plätzchen für dich?“
Nell hielt Ausschau und rief voll Freude:„Ich sehe einen Wald aus Eichen und Tannen! Da
gibt’s sicher Tannenhonig! Und da ist auch ein kleiner See und eine Blumenwiese und und
und …! Lass mich 'runter!“
Das Flatterhübchen war ganz aus dem Häuschen.
„Immer langsam mit dem alten Südwind!“, lachte Pustebacke und wehte allmählich immer
weniger. Endlich spürte Nell Boden unter den Füßen.
„Guck mal weg, Pustebacke“, bat sie den Wind. „Ich muss mein Kleidchen richten! Es
rutscht mir bei jeder Bewegung hoch! Kann es sein, dass ich gewachsen bin?“
„Ha, das ist mir längst aufgefallen“, bestätigte Pustebacke mit tiefer Stimme. „Allerdings
ist vor allem dein Bäuchlein gewachsen. Das kommt davon, wenn eine gewisse Nell zu
viel Honig nascht! Dein Kleidchen wird zu eng!“
Nell drehte verlegen den Kopf zur Seite. „Pöh, du redest Quatsch, weil du keine Ahnung
hast! Oder trägst du Kleider?“
„Oh je, das möchte ich mir gar nicht vorstellen!“, prustete der Wind los.
Nell lachte nun mit Pustebacke um die Wette und alles war wieder gut.
Gemeinsam blickten sie sich dann im Wald um.
„Hoffentlich wird es dir hier nicht zu einsam“, sorgte sich der Wind.
„Ach was, da mach dir mal keine Sorgen“, antwortete Nell munter. „Es gibt keinen Wald
ohne Bewohner! Mit den Tieren kann ich auch sprechen, Flatterhübchen sind nicht so
einfältig wie du denkst! Ich werde mich bestens einleben und mache alles so, wie ich es
mir wünsche! Danke Pustebacke, dass du mich hergebracht hast!“ Nells jadegrüne Augen
strahlten.
„Gern geschehen!“ säuselte der Wind geschmeichelt. „Du weißt doch, wenn ich keinen
wichtigen Auftrag erhalte, bin ich für dich da, ganz gleich zu welcher Tageszeit! Von Zeit zu
Zeit werde ich bei dir vorbeischauen, um mich zu vergewissern, dass es meiner kleinen
Freundin gut geht.“ Dann brauste der Südwind seines Weges.
Das Flatterhübchen stand nun inmitten des großen Waldes. Es drehte sich mit
ausgestreckten Armen nach allen Seiten und rief: „Mein schönes neues Leben! Ich kann
es riechen!“
Als erstes beschloss Nell, sich nach einer Unterkunft umzusehen, denn einen Schlafplatz
brauchte sie schließlich am dringendsten.
„Die Blumenwiese!“, dachte sie. „Ja, die muss ich wiederfinden!“
Sogleich machte sie sich auf den Weg.
Nell liebte den kühlen Waldboden unter ihren nackten Füßen und den säuerlichen Geruch,
den ihre Nase wahrnahm. So roch nur die freie Natur und in dieser würde sie fortan leben.
Langsamer und langsamer schlenderte sie dahin. Es trieb sie ja niemand.
Plötzlich ließ ein lauter Pfiff das Flatterhübchen zusammenzucken.
Vor ihr wippte auf dem Zweig einer Tanne ein buntgefiederter Vogel. Er hatte gepfiffen und
nun rief er Nell zu: „Willkommen Majestät! Hattet Ihr eine gute Reise?“
Nell blickte verdutzt ins Geäst hinauf und fragte: „Weshalb nennst du mich Majestät? Du
musst mich verwechseln!“
„Bist du denn nicht die neue Königin, die wir uns so sehr wünschen?“, schnarrte der
Buntgefiederte.
Sie lachte und schüttelte das schwarzhaarige Köpfchen. „Aber nein! Ich bin nur das
Flatterhübchen Nell auf der Suche nach einem Zuhause.“
„Oh, wie schade!“, quarrte der Vogel enttäuscht und beäugte das zarte Wesen eingehend.
„Möchtest du vielleicht Königin werden? Du bist so schön. Mir gefällt der Gedanke, dich
auf dem Thron zu sehen!“
Nell antwortete höflich: „Das ehrt mich sehr! Doch eigentlich möchte ich das bleiben, was
ich bin!“
Der Vogel schlug aufgeregt mit den Flügeln.„Darf ich zu dir herunterkommen?“, krächzte
er. „Dann könnten wir uns besser unterhalten.“
„Aber sicher doch!“, sagte Nell und schon stand der Buntgefiederte auf nur einem Bein vor
ihr und reichte ihr einen Flügel zur Begrüßung. „Ich bin Hacki, der Buntspecht, und biete
dir meine Hilfe an. Mit mir wirst du sicher schnell eine Behausung finden.“
„Danke, du bist nett!“ Nell lächelte freundlich und berührte vorsichtig die weichen Federn
der Schwinge. Dann wurde ihr Gesicht ernst. „Wo hast du denn dein zweites Bein
verloren?“
„Ach,“, piepste Hacki, „eine traurige Geschichte. Sehr traurig! Ich war nicht schnell genug.
Hab' den heranschleichenden Fuchs nicht bemerkt. Mein anderes Bein ist in seinem
Magen gelandet. Bin froh, dass ich noch lebe.“
Sein Piepsen ging wieder in frohes Quarren über. „Ich bin hier nicht der Einzige, der
außergewöhnlich ist. Du wirst noch einige mehr kennenlernen. Aber ich verspreche dir –
bessere Freunde findest du nirgendwo! Ein Flatterhübchen ist aber auch keine richtige
Elfe. Das habe ich an dir sofort erkannt. Deine Flügelchen sind zum Schweben viel zu
kurz.“
Nell nickte. „So ist es aber, das macht gar nichts. Ich habe Füße zum Laufen. Sag mal,
was meintest du damit: Ihr wünscht euch eine Königin?“
Hacki stützte sich mit einer Schwinge am Baumstamm ab, um das Bein zu entlasten und
erzählte dann, eine Königin sei der Wunsch aller Waldbewohner. „Denn du und ich sind
hier nicht die einzigen! Deshalb wäre es gut, wenn einer alles in der Hand hätte, damit
Ordnung herrscht! Du könntest sicher dafür sorgen. Außerdem bist du schön wie eine
Herrscherin eben sein sollte!“
Nell errötete verlegen. „Ach Hacki, hier ist doch Ruhe und Frieden! Mehr braucht keiner!
Oder?“
Der Specht nickte zustimmend. „Schon!“, quarrte er, „aber es wäre noch schöner, wenn wir
...“ Dann brach er ab und fragte: „Machen wir uns auf die Wohnungssuche?
Selbstverständlich können wir auch fliegen!“
„Au ja!“, freute sich das Flatterhübchen. Behände schwang es sich auf Hackis Rücken und
schon ging es hinauf in die Luft. Allerdings nicht für lange!
„Hacki, halt!“, schrie Nell plötzlich aufgeregt. „Ich rieche Honig! Bitte, lass uns eine Rast
einlegen. Mein Magen knurrt. Ich brauche etwas zu essen.“
„Du magst Honig?“, schnarrte der Specht. „Dann bist du hier richtig. Die Bienenkönigin
Goldie bewohnt den größten Bienenkorb, den ich je gesehen habe. Und wenn du
freundlich nach einer Kostprobe fragst, wird sie dir gern vom dem goldenen Saft abgeben.
Schließlich besitzt sie ein Menge davon!“
Hacki setzte Nell vor den Bienenkorb ab und flog in den nächsten Baum.
Sie beobachtete, wie die emsigen Arbeiterinnen Blütenstaub herbeibrachten, der wie
Pumphöschen an ihren Beinchen klebte. Eine von ihnen bemerkte Nell. „Willkommen,
Majestät!“, summte sie erfreut. „Endlich hat der Wald eine Königin, wie wir die unsere.“
„Schon wieder Majestät!“, dachte Nell. „Aber nicht doch!“, antwortete sie freundlich. „Ich
bin nur Nell, ein Flatterhübchen. Der Duft eures Honigs lockte mich hierher.“
„Wenn du Honig magst, wird dich unsere Königin bestimmt zu Tisch laden“, summte die
Arbeiterin. „Warte, ich gebe ihr Bescheid! Sie wird dich persönlich begrüßen wollen.
Darauf legt sie großen Wert!“
Nell zupfte eilig das Kleidchen zurecht. Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie zum ersten
Mal im Leben einer Königin begegnete.
Da trat Goldie auch schon aus dem Bienenkorb. Wie schön sie war! Eine erhabene
Erscheinung in einem gelben Kleid, das mit der Sonne um die Wette strahlte. Die goldene
Krone mit den wabenförmig geschliffenen Edelsteinen stellte alles Schöne, das Nell bisher
gesehen hatte, in den Schatten. Sie konnte ihren Blick nicht von Goldie wenden.
Die Königin sprach mit lieblicher Stimme: „Kleine Schönheit, ich grüße dich! Wenn du
möchtest, darfst du gern in den Korb eintreten.“
Das ließ Nell sich nicht zweimal sagen. Den kurzen Aufflug bis zum Tor des Bienenkorbes
schaffte sie leicht, trotz der winzigen Flügelchen.
Im großen Saal durfte sie an einem wabenartigen Tisch Platz nehmen und bekam vom
goldenen Saft vorgesetzt.
Der Honig schmeckte köstlich.
Goldie erzählte viele Geschichten aus dem Wald. So erfuhr das Flatterhübchen unter
anderem, dass einige Wesen hier lebten, die wie Nell zugewandert waren und in den
Bäumen oder am See eine neue Bleibe gefunden hatten.
Unter solcherlei Gesprächen verging die Zeit wie im Flug.
„Oh je!“, rief Nell plötzlich, „nun muss ich aber gehen! Draußen im Baum sitzt Hacki, der
Buntspecht. So lange wollte ich ihn nicht warten lassen.“
Die Bienenkönigin lud ihren Gast für den nächsten Morgen zum Honigfrühstück ein. „Wir
sind ja nun Freundinnen!“, sagte sie beim Abschied.
Als Nell unter dem Baum erschien, quarrte der Buntspecht missmutig:„Ja, ja! Alle Frauen
sind gleich! Wenn die sich unterhalten, dann dauert es eine Ewigkeit, bis sie ein Ende
finden. Das sagte mein Vater immer, wenn meine Mutter zum Frauennachmittag
abschwirrte.“
„Es tut mir leid, Hacki, dass du warten musstest“, entschuldigte sich Nell. „Ich habe völlig
die Zeit vergessen.“
„Schon gut! Schon gut“, flötete der Specht. „Aber ich an deiner Stelle würde jetzt daran
denken, dass ich noch kein Zuhause habe.“
Oh weh! Das hatte das honigschlürfende Flatterhübchen tatsächlich ganz und gar
vergessen! „Schnurstracks zur Wiese, Hacki! Lass mich aufsitzen!“, rief Nell.
Zum Glück war der Weg bis dorthin nicht weit.
Der Buntspecht setzte das Flatterhübchen inmitten eines Meeres aus bunten Blüten und
blauen Glockenblumen ab. Wie sollte Nell sich so schnell für eine dieser farbenfrohen
Behausungen entscheiden?
„Meinst du nicht, ich sollte mir eine Glockenblume in der Nähe des Sees auswählen?“,
fragte sie den Buntspecht.
Hacki nickte zustimmend. „Das denke ich auch! Der Wind bringt dir stets Frische und
Kühlung vom Wasser herüber.“
So geschah es dann auch. Nells Wahl fiel auf eine kräftige blaue Blüte.
Sie schlüpfte ins Innere und rief nach draußen: „Diese Wohnung ist genau das Richtige für
mich! Genügend Platz und ein freier Blick zum See! Ich freue mich so sehr! Danke, mein
lieber Freund!“
„Gern geschehen!“, versicherte der Buntspecht. „Und wohin möchtest du jetzt?“
„Nirgendwohin! Für heute bin ich genug gereist! Satt und müde bin ich auch, deshalb
schlafe ich bestimmt schnell ein. Du siehst ja selbst, die Sonne geht bereits unter. Hast
heute genug für mich getan. Gute Nacht, Hacki!“
Und schon klappte die Glockenblume zu.
„Gute Nacht, kleine Nell!“ flötete der Buntspecht dicht am blauen Blütenkelch und erhob
sich dann in die Luft. Es wurde höchste Zeit für die eigene abendliche Futtersuche.