Kleine Hexe Violetta Buntschuh

                                                                               

 

                                                                             

Kleine Hexe Violetta Buntschuh

Violetta gewinnt eine Freundin
 

Violetta außer Rand und Band
 

Hexleins neuer Besen Seite
 

Das Geheimnis der Nebelwand
 

Am Tag des großen Donners
 

Violetta bekommt Besuch
 

Ginas schwarzer Kater
 

Violetta und die Wölfe
 

Violetta feiert Weihnachten

Kleine Hexe Violetta Buntschuh


Dies sind die Geschichten vom kleinen Hexlein Violetta Buntschuh.
Zuerst einmal möchte ich sie allen Lesern, Vorlesern und Zuhörern vorstellen:
Eigentlich hieß die kleine Hexe Violetta die Neunte, weil sie nicht bis zehn zählen konnte. Ihr
Gesicht war mit Sommersprossen übersät. Die roten Haare trug sie zu Zöpfen geflochten, und wenn sie lachte, zeigte sich eine Zahnlücke. Lachen konnte sie über alles; am meisten über sich selbst.
Am linken Fuß trug Violetta einen grauen Schuh, der einst weiß gewe-sen war. Und in dem
kunterbunten Ding, das vorne ein großes Loch hatte, aus dem die Zehen heraus-schauen konnten, steckte der rechte Fuß.
Hexlein Buntschuh lebte allein an einem See, in einer alten Fischerhütte, die auf Holzpfählen im Wasser stand. Niemand im nahen Dorf hatte etwas dagegen, dass sich Violetta dort häuslich einrichtete.
Wohin man auch blickte – in dieser Wohnung war alles kunterbunt, selbst das Essen. Hexleins Lieblingsspeise war nämlich eine kunterbunte Frühlingssuppe. Hinter der Hütte befand sich ein großer Garten. Darin reiften nicht nur Gemüse und Obst, sondern auch Leckereien. An den Sträuchern – neun an der Zahl – weil Violetta ja nicht bis zehn zählen konnte, hingen Kaugummis und Karamellbonbons und aus der Erde wuchsen Lollis.
Die kleine Hexe wusste natürlich, dass es nicht gesund war, zu viel davon zu naschen, weil sie sonst Bauch- und Zahnweh bekam.
Sogar einen besonderen Brunnen besaß das Hexlein. Wenn es einen kleinen Hebel umlegte, sprudelte daraus Brause – montags Zitronen- und dienstags Orangenbrause. Wollte sie sich
allerdings einen Trank mit Waldmeistergeschmack gönnen, musste sie bis Donnerstag warten.
Wie der bunte Schuh gehörte zu Violetta die Fledermaus Mausel.
Tagsüber hing sie meist in der Speisekammer am De-ckenbalken, wenn sie nicht für eine

Hütte ohne Ungeziefer und Mäuse sorgte. Doch sobald es dunkel wurde flatterte Mausel
durchs offene Fenster nach draußen auf Beutefang und kam erst gegen Morgen zurück.
Violetta ging es gut, es fehlte ihr an Nichts. Für eilige Besorgungen benutzte sie ihren
Flugbesen. Sonntags-ausflüge unternahm sie in langsamerem Tempo auf dem Rücken ihres Laufdrachens. Er hieß Dino.
Auch auf eine Fortbewegung über den See musste das Hexlein nicht verzichten. Ein
Schnalzer mit der Zunge, schon war das Seepferdchen Blubber bereit, mit ihm durchs Wasser zu sausen.
Dennoch wünschte sich Violetta eine Freundin. Aber woher sollte die kommen? Dafür hätte sie in die Stadt ziehen müssen und genau das wollte sie nicht. Und noch etwas lag ihr auf dem Herzen! „Wer bringt mir Lesen und Schreiben bei?“, dachte sie und ließ traurig ihren Rotschopf hängen. „Wenn ich mein Hexenbuch nicht lesen kann, bin ich nur eine dumme Hexe.“ Doch dann kam ihr eine Idee. „Im Dorf gibt es sicher eine Schule. Gleich morgen frage ich nach. Das menschliche Alter für einen Schulbesuch habe ich längst.“

Auf dem Herd köchelte die bunte Frühlingssuppe fürs Abendbrot. Doch Violetta rührte nur im Topf herum und grübelte weiter über die Zukunft nach. „Heute kann ich nichts mehr erreichen“, sagte schließlich laut.
„Am besten, ich lege mich aufs Ohr. Vielleicht sieht ja morgen alles ganz anders aus.“
Und wirklich – am nächsten Tag sollte die Welt der kleinen Hexe eine andere werden! Sie
erwachte am Morgen, weil Gesang in ihre Hütte drang. Es klang ein wenig falsch, aber sehr
fröhlich. Neugierig blickte Violetta zum Fenster hinaus und bemerkte ein singendes Mädchen mit blonden Locken. Es stand am Gartenzaun, betrachtete die Blumen, aber auch die vielen Leckereien. Gespannt wartete das Hexlein, ob sich die Kleine wohl heimlich an ihren süßen Köstlichkeiten bedienen werde, aber nein, das Mädchen ging schließlich weiter.
„Das wäre die richtige Freundin für mich“, dachte die kleine Hexe.
Sie rannte aus der Hütte, doch das Mädchen war verschwunden. Es konnte nur ins Dorf
gegangen sein! Schnell wusch Violetta sich das Gesicht, schnappte den Flugbe-sen und
sauste in den Himmel hinauf. Aber auch von dort konnte sie die Kleine nicht entdecken. Ob sie die Abkürzung durch den Wald genommen hatte? Der war leider so dicht, dass der Besen nicht hindurch kam.

Also flog Violetta erst einmal ins Dorf und klopfte bei Alfons an, dem alten Schmied. „Ach, Buntschühchen die Neunte kommt mich besuchen!“, rief er. „Das ist aber nett, du warst
schon lange nicht mehr hier. Willst du deinen Dino beschlagen lassen?“ Die kleine Hexe
schüttelte den Kopf und meinte: „Alfons! Mein Dino ist doch kein Pferd.“
„Nein“, stimmte der Schmied lachend zu, „aber du reitest ihn wie einen Gaul! Nun sag schon; was führt dich ins Dorf?“
Das Hexlein berichtete von der singenden Besucherin und fragte, ob im Dorf vielleicht ein kleines Mädchen zu Besuch sei.
Alfons hob die Schultern. „Ich bekomme nicht so viel mit! Den ganzen Tag arbeite ich in
meiner Schmiede, und wenn ein Dörfler meine Dienste benötigt, bringt er deshalb kein Kind hierher mit.“
Da hatte der Schmied recht. Aber wen sollte Violetta sonst noch fragen? Sie bedankte sich
höflich für die Auskunft und kehrte enttäuscht um. Mit dem Besen unterm Arm marschierte sie die Landstraße entlang heimwärts.
Dort kam ihr der Landstreicher Schlappe entgegen. Diesen Namen hatte man ihm gegeben,
weil er nie ohne Schlapphut unterwegs war. „Warst du im Dorf, Hexlein? Gibt es Neuigkeiten?“, wollte er wissen.
„Ja, da komme ich her. Nein, es gibt nichts Neues“, antwortete Violetta. „Ich bin nur auf der
Suche nach einem kleinen Mädchen, das heute Morgen vor meiner Hütte stand.“
Der Landstreicher überlegte kurz und riet Buntschuh: „Frag doch beim Dorfschulzen Leusel nach, der hat seine Enkelin zu Gast.“
Die Augen der kleinen Hexe blitzten froh. „Dann begleite ich dich ins Dorf.“ Unterwegs redete sie pausenlos auf Schlappe ein, während der geduldig zuhörte. Im Dorf zeigte er Violetta, wo der Schulze zu finden war. Die Amtsstube und seine Wohnung befanden sich im Gemeindehaus am Marktplatz.
Schlappe setzte sich auf den Rand des Marktbrunnens, ließ sich von der Sonne wärmen und beobachtete das Treiben der Dorfbewohner.
Die kleine Hexe aber hüpfte die Stufen zum Portal hinauf, trat in den breiten Flur ein und klopfte an die Tür der Schreibstube. „Herein!“, rief eine laute Stimme.
Hinter dem Schreibtisch saß ein beleibter, älterer Mann auf den Violetta schnur-stracks
zumarschierte. „Herr Dorfschulze, darf ich dich etwas fragen?“
Schulze Leusel beschaute sich das kleine Hexlein von Kopf bis Fuß.
Besonders lange blieb sein prüfender Blick am Besen hängen, ehe er bedächtig antwortete:
„Also, wenn du um Arbeit bitten willst, da muss ich dich leider enttäu-schen! Eine Putzfrau
brauche ich nicht. Den Besen hast du umsonst mitgebracht! Und deine Mutter sollte dir mal
neue Schuhe kaufen! Deine passen nicht so recht zusammen, außerdem ist der rechte kaputt!“
Die kleine Hexe wurde rot vor Verlegenheit und senkte den Blick zu Boden. „Ich habe nur
einen Vater! Und daheim habe ich noch bessere. Ich war nur in Eile. Ach und Arbeit suche ich nicht, sondern ein kleines Mädchen, das ich heute vor meiner Fischerhütte sah!“
Der Dorfschulze kniff die Augen zusammen. „Vor der Fischerhütte? Dann bist du die kleine
Hexe Violetta Buntschuh! Darum die seltsamen Schuhe und der Besen! Aber was willst du von Gina, meiner Enkelin? Die geht im Dorf spazieren, aber sie hatte keine Erlaubnis, zum See zu laufen!“
Violetta griente fröhlich und zeigte ihre Zahnlücke. „Warum darf sie nicht? Da ist es doch
schön! Gina kann mich jeden Tag besuchen. Ich bin immer allein und hätte gern ein wenig
Unterhaltung. Ich passe schon auf, dass deine Enkelin nicht ins Wasser fällt.“
Der Dorfschulze kniff besorgt die Brauen zusammen.
„Willst du aus Gina etwa eine Hexe machen? Davon lass lieber die Finger, sonst jage ich dich aus der Hütte.“
„Wo denkst du hin!“, versicherte Violetta mit weit aufgerissenen Kulleraugen. „Hexen ist eine geheime Kunst, die darf nicht verraten werden. Und außerdem, noch kann ich nichts, was eine Hexe können müsste. Ich kann nicht lesen, was in meinem schlauen Buch steht. Lesen muss ich doch erst noch lernen. Du wärst doch auch nicht Dorf-schulze geworden, ohne lesen und schreiben zu können!“
Über so viel Kessheit musste Leusel schmunzeln.
„Komm morgen um elf Uhr wieder vorbei“, sagte er.
„Dann wird Gina da sein. Und damit du verstehst, warum ich um meine Enkelin besorgt bin:
Sie ist durch eine Krankheit taub geworden und geht seither auf eine be-sondere Schule hier in der Nähe. Lesen und schreiben konnte sie vorher schon sehr gut, doch nun musste sie zusätzlich die Zeichensprache erlernen.“
Violetta wurde nachdenklich. Vielleicht war es möglich, der kleinen Gina zu helfen? Irgendwann … wenn es mit dem Hexen endlich klappte …
„Dürfte ich morgen um neun kommen statt um elf?“, fragte sie dann verschämt. „Warum so früh?“, wunderte sich der Dorfschulze.
„Weil ich nur bis neun zählen kann!“, gestand Violetta und verschluckte sich. „Dann wird es
aber höchste Zeit, dass du etwas dazulernst!“ Der Dorfschulze lachte. „Also dann komm eben um neun Uhr!“
„Na, hast du das Mädchen gefunden?“, erkundigte sich Schlappe, als die kleine Hexe vor ihm auftauchte.
Violetta nickte und prahlte. „Ich werde bald eine Freundin haben.“
„Da geht’s dir besser als mir“, knurrte der Landstreicher, legte sich lang auf den breiten
Brunnenrand und zog sich den Hut übers Gesicht.
Die kleine Hexe aber schwang sich auf den Besen und sauste trällernd zum See. War das ein Flug! Mit so viel Vorfreude im Herzen musste man einfach singen.
Als die Hütte auftauchte, rief sie laut: „Dino, ich komme!“
Der grünschuppige Laufdrache reckte den langen Hals zum Himmel und erblickte eine wild
zappelnde Violetta Buntschuh, die wie eine Seiltänzerin auf dem Besenstiel balancierte.
„Ich bin im Anflug! Mach mir Platz auf der Wiese!“, schrie sie. Schwerfällig stampfte Dino ein
Stück zur Seite, doch das war völlig überflüssig. Die kühne Besentänzerin hatte sich gründlich verrechnet: Sie stürzte beim Landen wie ein Stein Kopf voran in den Brausebrunnen und tauchte ab. Der Drache zog sie aus dem süßen Zitronenge-tränk und schnaubte: „Übermut tut keinem Hexlein gut! Ich hab’s kommen sehen! Du kannst von Glück reden, dass du im Brunnen gelandet bist.“
„Reg dich nicht auf!“, lachte Violetta. „Ich bin doch nur nass geworden.“ Sie rannte zum Steg hinunter, warf die klebenden Kleider ab, nahm Anlauf und sprang in den See. „Komm rein, Dino“, lockte sie. „Wir schwimmen eine Runde um die Wette.“
Dino winkte mit der Pranke ab und wandte sich wieder seinem Futter zu - jungen, knackigen Blättern.

 

Violetta blieb an diesem Tag wie aufgedreht, so sehr freute sie sich auf den nächsten Morgen.
Als die Sonne untergegangen war, lief sie zum Steg und schnalzte mit der Zunge.
Bald darauf rauschte knapp unter der Wasseroberfläche das Seepferdchen Blubber heran.
„Willst du etwa jetzt noch die Wellen reiten?“, wunderte es sich. „Dazu liegt der See zu ruhig da.“
Violetta setzte sich und steckte die nackten Füße ins Wasser „Ich will mich nur mit dir unterhalten.“
Das Seepferdchen ahnte nicht, wie viel Zeit vergehen würde, weil das Hexlein erzählte und
erzählte … Inzwischen war der Mond aufgegangen, aber Violetta wiederholte ihre Geschichte bereits zum x-ten Mal. Als sie endlich innehielt und Blubber fragte, ob er sich mit ihr über die neue Freundin freue, bekam sie keine Antwort.
Das war Seepferdchen eingeschlafen.
„Du bist mir vielleicht ein Freund!“ Vergeblich platschte Violetta mit den Füßen aufs Wasser.
Der sonst für Geräusche so empfängliche Blubber befand sich im Land der buntesten Seepferdchenträume.
„So eine Schlafmütze!“, dachte die kleine Hexe ärgerlich, aber dann musste sie über sich selbst lachen, wie sie da saß, mit Händen und Füßen gestikulierte und niemand hörte ihr zu.
Es wurde nun auch empfindlich kühl am See. Deshalb zog sich Violetta in die Hütte zurück.
Dino schnarchte längst auf der Wiese. Aus dem offenen Fenster huschte ein Schatten in die Nacht: Meusel flatterte auf die Jagd!
Die kleine Hexe kroch unter die Bettdecke und schloss die Augen. „Ab morgen werde ich eine Freundin haben“, dachte sie und schlief über diesem Gedanken ein.