Pummel

 

 

 

 

 

 

Die Idee, über den Teddy aus dem Zauberregen zu schreiben, kam der Autorin bei
Regenwetter. Ein jedes Kind besaß einmal solch ein Kuscheltier. In ihrer bildlichen
Vorstellung hatte der Teddy ein rundes Bäuchlein, deshalb gab Sissy Gross ihm den
Namen „Pummel“. Ihr werdet erkennen, dass dieser Name zu dem drolligen Kerl bestens
passt und ihn genau so liebgewinnen, wie die Schreiberin selbst.

 

Teddybärchen aus der Pfütze

 

 

Emma, ein recht eigenwilliges Mädchen mit rotem, lockigem Haar, räumte
zwei Tage nach ihrem zwölften Geburtstag all ihre Spielsachen fort. Sie fühlte
sich bereits wie eine junge Dame und da hatten Kindersachen keinen Platz
mehr. Die Stofftiere stopfte sie in einen Sack, Puppen sowie andere Figuren
wurden in einen großen Karton gesteckt. „Ich bin doch kein kleines Kind mehr“, dachte Emma.
Das Mädchen besuchte das Gymnasium und die meiste Zeit des Tages
steckte sie ihre zierliche Nase in dicke Bücher. Sie wollte schließlich einmal Lehrerin werden.
In diesem Augenblick stürmte ihr kleiner Bruder Willi ins Zimmer, wieder einmal
ohne vorher anzuklopfen. Zu gerne ärgerte er seine Schwester; besonders
dann, wenn es in Strömen regnete und er Langeweile hatte – wie eben heute.
Blitzschnell griff er in den Sack, holte einen der Teddys heraus und warf ihn aus dem geöffneten Fenster.
„Willi! Was soll das?“, schimpfte Emma und ließ das Buch fallen, in dem sie gerade las.
„Warum regst du dich so auf?“ Willi lachte. „Du hast gesagt, du bist jetzt erwachsen
und das hier ist alles Kinderkram.“ Emma antwortete darauf nicht, sie beugte sich suchend aus dem Fenster.
Der Teddy lag auf der Straße in einer großen Pfütze. Ärgerlich rief sie: „Das hast du sauber hingekriegt. Das ist mein Lieblingsteddy Pummel. Den kann ich in dem nassen Zustand nun nicht auf den Speicher bringen!“
„Ist doch nur Wasser!“, meinte der kleine Bruder.
„Hol ihn sofort rauf, sonst sag ich’s Mama!“, befahl Emma.
Widerwillig machte sich der Junge auf den Weg. Schelte von seiner Mutti
wollte er lieber nicht riskieren. Vor dem Haus sah er nach links und nach rechts.
Komisch, das dort war doch die Pfütze unter dem Fenster. Doch darin lag kein
Pummel mehr. Nur noch zwei Dinge, die an den Teddy erinnerten. Der kleine
Junge versteckte sie hinter seinem Rücken, als er wieder zu seiner Schwester
ins Zimmer trat. Er war ziemlich kleinlaut, als er Emma die Sachen zeigte. „Der
Teddy ist fort und da waren nur mehr ein blauer Knopf und ein Teddyohr.“
Emma holte tief Luft. „Der Knopf stammt von Pummels gelbem Hemdchen“,
stellte sie fest und fuhr traurig fort, „und oh je, mein Teddy ist fort und hat auch nur mehr ein Ohr!“
Altklug versuchte Willi, dem Vorfall etwas Gutes abzugewinnen. „Nun ist es
passiert, wir können nichts mehr daran ändern. Vielleicht hat ein anderes Kind
den Stoffbären in der Zwischenzeit gefunden und spielt schon damit.“ Ein Blick
in das Gesicht der Schwester genügte und der Junge wusste, dass sein Versuch
gescheitert war. Mit schlechtem Gewissen verließ er Emmas Zimmer.
Pummel hätte vor Glück laut brummen können, obwohl er sehr unsanft in
der Wasserlache gelandet war. Seinem verlorenen Ohr maß er keine Bedeutung
bei, schließlich trug er ein Käppi, das er über die freie Stelle ziehen konnte.
„Mit einem Ohr kann man auch noch hören!“, dachte er. „Außerdem ist das
allemal besser, als auf dem Dachboden zu verstauben.“
Doch wie sollte er sich bewegen? Er war schließlich ein Spielzeugteddy. Der
Bär gab sich einen Ruck und siehe da … er stand tatsächlich auf seinen dicken
Beinchen. „Das kann doch nicht wahr sein!“, brummte er ungläubig. „Es
muss das Regenwasser sein, das mich lebendig gemacht hat!“ Schnell kletterte
er aus der Pfütze und versteckte sich hinter dem Haus; er verhielt sich
mäuschenstill, denn er sah, dass Willi nach ihm suchte.
Leider regnete es noch immer, Pummels blaue Hose triefte vor Nässe.
Ziemlich schnell wurde dem kleinen Bären kalt – ein ganz neues Gefühl! Er
sprang deshalb auf der matschigen Wiese umher, dass das Wasser unter seinen
Tatzen aufspritzte. Es war inzwischen dunkel geworden und erst jetzt fiel
Pummel ein, dass er nun auf sich allein angewiesen war. Er musste sich einen
Schlafplatz suchen! Verunsichert irrte er in der Menschenwelt umher. Es regnete
zwar ein bisschen weniger, aber ein weiteres unbekanntes Gefühl machte
ihm zu schaffen – sein Bauch knurrte! Hunger nannte man das wohl! Lebendig sein
war nicht so einfach, wie er gedacht hatte. Aber ehe der kleine Bär
ans Essen denken konnte, musste er erst einmal ins Trockene gelangen.
In der Ferne erblickte er helles Licht und machte sich neugierig dorthin auf
den Weg. Am Rand einer beleuchteten Straße blieb er staunend stehen, sah
den Autos nach, die viel größer waren als Willis Spielzeug-Flitzer, und den vielen
Menschen, die schnellen Schrittes dem Regen entkommen wollten. Neben
und hinter Pummel hatten sich viele Leute angesammelt, die alle auf einmal
die Straße überqueren wollten, weil ein grünes Licht aufleuchtete.

Der kleine  Bär wurde geschubst und gestoßen.
„Sind die denn blind?“, dachte er und war verärgert. Blind waren die Menschen
nicht, aber der Regen hatte den kleinen Kerl nicht nur lebendig, sondern
auch unsichtbar gemacht, was er allerdings nicht wusste. Mit schmerzenden
Tatzen humpelte er über die Straße und zuckelte tapfer weiter. Plötzlich
befand Pummel sich auf einem Platz mit kleinen Buden und erinnerte sich,
dass Emma ihn einmal hierher mitgenommen hatte: Das war ein Jahrmarkt.
Angenehmer Duft stieg ihm ins Näschen. Sofort begann sein Bauch zu
knurren. Hier gab’s am Tag Essen! Aber jetzt waren die Buden geschlossen.
Vor einem Karussell, das mit einer Plane abgedeckt war, machte Pummel
Halt. Ohne lange zu überlegen, kroch er ins Innere und in ein Feuerwehrauto.
„Endlich ein trockenes Fleckchen zum Schlafen!", brummelte er und gähnte
herzhaft. „Oh je, bin ich müde!" Obwohl Hose, Hemd und erst recht sein Pelz
nass waren, schlief er augenblicklich ein.
In der Nacht fegte ein Sturm über die Stadt. Pummel setzte sich erschrocken
auf, denn solch ein Unwetter machte selbst einem Teddybären Angst und
Bange. Der Wind fuhr unter die Plane, hob sie empor, die Seile rissen und die
schwere Leinwand wurde durch die Luft davongetragen. Schon wieder stand
der kleine Bär im Regen. Krampfhaft hielt er sein Käppi fest, während ihm der
Wind heftig um Kopf und Schnäuzchen wehte.
Lautes Schnauben ließ Pummel zusammenzucken. Das Pony vor dem
Feuerwehrauto stellte sich plötzlich auf die Hinterbeine und sprang vom Karussell.
„Endlich Regenwasser, das mich lebendig macht!“ Das Pferdchen
wieherte fröhlich. „Komm, kleiner Bär! Schwing dich in den Sattel und lass uns
verschwinden! So ein Glück werden wir nie wieder haben!“
„Das nennst du Glück?“, brummte Pummel ein wenig erbost. „Sieh mich an!
Mein Pelz ist total durchgeweicht, ich habe einen Bärenhunger und du sprichst von Glück!“
„Ärgere dich nicht, mein Freund“, gab das Pony zurück. „Wir dürfen leben
und werden eine tolle Zeit miteinander haben! Heute ist die Nacht der Magie.
Die wiederholt sich nur alle 999 Jahre, und auch nur dann, wenn es gleichzeitig
stürmt und regnet. In diesem Regen stecken ein paar Zaubertröpfchen. Wen sie
treffen, der erfährt eine wundersame Verwandlung. Allerdings müssen wir rasch
die Menschenwelt verlassen und das Regenbogenland aufsuchen.“ Das Pferdchen
stupste den Teddybären sanft mit seinen weichen Nüstern an und erklärte:
„Im Augenblick sind wir zwar lebendig und unsichtbar, doch sobald es Tag wird,
bin ich wieder ein buntes Karussellpferdchen und du ein steifer Teddybär.“
Nun wusste Pummel, warum er von den Menschen auf der Straße geschubst
und beinahe zerquetscht worden war: Sie hatten ihn gar nicht bemerkt! Und
welch ein Glück, dass der wilde Willi ihn im richtigen Augenblick aus dem Fenster
in eine Pfütze geworfen hatte, in der sich ein Zaubertröpfchen befand. „Woher
weißt du das mit dem Regen?“, fragte er das Pony neugierig.
Das kleine Pferdchen warf den Kopf zurück. „Eine Biene hat es mir gestern
ins Ohr gesummt und mir auch den Weg ins Regenbogenland beschrieben.“
„Hast du auch einen Namen?“, erkundigte sich der kleine Bär weiter. „Ich heiße Pummel.“
Das Pony wieherte belustigt auf. „Das ist nicht zu übersehen! Du bist rund
wie ein Ball! Und …“, stellte es sich vor: „Nenn mich einfach Quint. Nun steig
auf! Das Unwetter ist vorbei.“ Tatsächlich hatte es aufgehört zu stürmen und zu regnen.
Trotz seiner kurzen Beine sprang Pummel mit Leichtigkeit in den Sattel. Errückte sein Käppi zurecht und schon ging es los. In schnellem Galopp ließ das Pony die Stadt hinter sich.
„Quint, mir ist übel“, klagte Pummel. „Ich brauche etwas zu futtern!“
Wie zur Bestätigung schnaubte Quint zweimal laut auf und nickte mit dem
Kopf. „Nicht mehr lange, dann legen wir eine Rast ein!“
Von einer Sekunde zur anderen fielen keine Regentropfen mehr vom Himmel.
Die Wege waren trocken und der Himmel voller funkelnder Sterne. Dann,
ganz plötzlich, hielt Quint vor einem Berg. Wie von Zauberhand öffnete sich
ein zuvor unsichtbares Tor und gab einen langen Tunnel frei. Langsam trabte
das Pony hinein und das Portal schloss sich wieder hinter den Beiden. Was
nun? Ängstlich blickten sie sich an. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
In dem Gang war es stockfinster. Pummel konnte nicht einmal mehr seine
Tatze vor Augen erkennen. Sein Herzchen pochte laut und er dachte bei sich: „Was nun?“
Quint war ebenfalls sehr aufgeregt und stellte sich auf die Hinterbeine. Dabei
vergaß er ganz den Teddy auf seinem Rücken.
Der Kleine rutschte aus dem Sattel, plumpste zu Boden und schimpfte:
„Pass doch auf! Wie soll ich wieder hochkommen, wenn ich nichts sehe?“
„Tut mir leid!“, Quint schnaubte entschuldigend. „Versuch es trotzdem. Irgendwie
müssen wir hier durch und an das Ende des Ganges gelangen.“
Quint wollte es Pummel einfacher machen und verharrte ganz ruhig auf der
Stelle. „Autsch!“, schrie das einstige Karussellpferdchen auf, „an meinem
Schweif solltest du dich aber nicht hoch hangeln!“
„Ich bekomme es mit der Angst zu tun, Quint!“ Pummel zitterte am ganzen
Leib als er endlich wieder fest im Sattel saß. Er krallte seine Pfötchen fest in
die Mähne seines Gefährten.
Plötzlich erstrahlten die Augen des Ponys wie kleine Lämpchen und warfen
ihr helles Licht auf den Weg vor ihnen.
„Wie machst du das?“, staunte Pummel.
„Woher soll ich das wissen?“, antwortete das Pony, das ebenso überrascht
von seiner neuen Fähigkeit war. „In meinen Augen brannte es plötzlich ein
bisschen und jetzt haben wir Licht! Nun aber nichts wie weiter, Pummelchen!“
Sofort besserte sich die Stimmung der beiden Abenteurer. Quint konnte im
Hellen schneller traben und sie kamen rasch vorwärts, bis sie vor einem
verschlossenen Ausgang anlangten.
„Und nun?“, wollte Pummelchen wissen. „Sind wir jetzt gefangen?“
Quint scharrte ungeduldig mit den Hufen. Da öffnete sich erneut eine Pforte
im Berg, sodass der Teddy samt dem Pony passieren konnte. Sofort verschloss
sich das geheimnisvolle Portal wieder hinter den Tieren.
Eine freundlich wirkende, helle Umgebung tat sich nun auf. „Boah!“ Mehr
konnten die zwei nicht sagen. Es war eine fremde Welt, die sie begrüßte - ein
Paradies. Sie hatten Mühe, zu begreifen, dass das, was sie sahen, kein Traum
war. Die Sonne strahlte vom Himmel und empfing die Freunde mit Wärme.
Herrlich duftende Blumen säumten den sauberen Weg. Sattgrüne Wiesen
leuchteten ihnen entgegen, umrandet von Beerensträuchern und Bäumen, die
bis in den Himmel wuchsen. Unzählige Vögel zwitscherten in den Zweigen.
Quint zögerte nicht lange. Er stürzte sich über das saftige, grüne Gras und
ließ es sich schmecken. „Pummelchen, komm!“, rief er begeistert, „du solltest
auch etwas fressen!“
„Igitt!“ Pummel schüttelte sich vor Ekel. „Aber doch kein Gras! Ich sehe etwas
viel Besseres!“ Im Nu machte sich der kleine Bär über die süßen Beeren her, die er entdeckt hatte.
Nachdem sie genug gefuttert hatten, schliefen sie, dicht aneinandergeschmiegt,
satt und zufrieden unter freiem Himmel ein. Die Sonne trocknete in
dieser Zeit Pummels Hemdchen und Hose und wärmte seinen Pelz. Beide
wurden durch lautes Wiehern geweckt. In der Nähe graste eine Ponyherde.
Quint sprang auf. „Sieh nur, Pummelchen! Dort drüben steht meine neue
Familie. Dieser Herde werde ich mich anschließen, denn ich bin nun frei!“
„Und ich?“ Traurig schniefte der Teddy auf. „Wohin gehöre ich?“
Tröstend ließ Quint seinen Schweif über den Kopf des Freundes streichen.
„Überall hin, in diesem märchenhaften Land. Auch du wirst bald deinen Platz finden!“
„Sehen wir uns wieder?“, flüsterte Pummel.
„Wer weiß das schon?“, antwortete das Pony und schüttelte seine Mähne.
„Wenn das Schicksal es will! Wer kann sagen, was es für uns bereit hält.“ Ohne
sich noch einmal umzusehen, galoppierte Quint in sein neues Leben.
Schon bald verschwand er mit der Herde hinter dem Horizont.
Der kleine Bär stand nun ganz allein da. Doch traurig war er seltsamerweise
nicht. Eher neugierig auf das, was ihn erwartete.
Pummel naschte noch ein paar süße Beeren und gähnte herzhaft. Er zog
sich Hemd und Hose aus, legte die Kleidungsstücke ordentlich zusammen neben
sich auf die Wiese und rollte sich in dem duftenden Gras zusammen.
Jetzt wollte er erst einmal schlafen, die Reise war anstrengend gewesen
und … morgen war schließlich auch noch ein Tag.