Zeichnung: Jutta E. Schröder

 


 

Abuk, der arge König im Schafsfell

 

Vor langer, langer Zeit, regierte der arge König Abuk, sein Reich Zumgalan. Dieser
Herrscher verfolgte nur ein Ziel: Das Einhorn, welches in seinem Wald lebte,
gefangen zu nehmen und es seines Hornes zu berauben. Er strebte nach
Unsterblichkeit und Jugend.
Einer Legende nach konnte ihm das Horn des Tieres dazu verhelfen.
Feingemahlen unter seine Speisen gerührt, würde sich seine erstaunliche Wirkung
alsbald auch bei Abuk zeigen.
Wieder einmal befand sich der arge König auf der Jagd, für ihn allein ein schwieriges Unterfangen, denn die grazile gehörnte Stute erwies sich als schnell und war zu klug, um ihm in die Falle zu gehen.
Unverrichteter Dinge kehrte er heim und befahl seinem Hofstaat ungeduldig:
„Überlegt euch, wie man dem Tier beikommen kann. Ich brauche nur sein Horn. Das Tier selbst lasst am Leben. Vielleicht wächst ihm ein neues, dann geht mir mein Jungbrunnen nie aus!”
Bei dieser Vorstellung lachte er laut, denn er wusste, dass sich alle vor ihm
fürchteten und ihm den Tod wünschten. Abuk beutete das Volk von Zumgalan aus. Auch seine Dienerschaft musste für wenige Tacken Lohn hart arbeiten.
Die Einhorn-Stute Feena hatte durch ihre Freundin Hybra, ein Wichtelmädchen,
schon lange Kenntnis von Abuks Plänen. Seitdem lebte sie in Sorge um ihr Leben.
Jede Unbeschwertheit war ihr verloren gegangen.
Auch jetzt weinte sie. „Wie kann ich dem König nur entkommen?”
Das Wichtelmädchen Hydra nahm Anlauf, sprang auf Feenas Rücken und streichelte die Freundin. „Du darfst niemandem mehr vertrauen und nicht so sorglos durch den Wald streifen.”
„Leichtsinnig war ich noch nie”, widersprach Feena. „Einhörner sind von Natur aus scheu und misstrauisch.”
„Dennoch kommst du wohl ohne Hilfe nicht aus deiner misslichen Lage heraus”,
überlegte Hybra. „Wir sollten Larix befragen und zwar so schnell wie möglich.”
„Wer ist Larix? Gehört habe ich von ihm noch nie”, sagte Feena.
„Das ist mein Freund, der kleine Zauberer. Seine Zunftgenossen lachen über ihn,
weil er nicht größer ist als ein Zwerg. Auch sein Können stellen sie infrage. Für mich aber ist er einfach der Beste.”, schwärmte Hybra und blickte dabei verschämt zur Seite.

 

Des Zauberers Rabe und Kundschafter Chiko hatte den Befehl gehört, den König
Abuk seinem Hofstaat erteilte. Entsetzt flog er heim, um seinem Meister von dem
grausamen Vorhaben des Herrschers zu erzählen.
Larix war nicht sonderlich überrascht. „Gutes kann von diesem Menschen nicht ausgehen!” Weit über die Grenzen von Zumgalan hinaus war bekannt, dass Abuk nicht die Gunst seines Volkes genoss. Sicher wünschten die Untertanen auch nicht, dass der König immerwährend unter ihnen weilte. Sie hofften sogar auf seinen baldigen Tod, denn er befand sich inzwischen in fortgeschrittenem Alter.
„Meister, dann wird Hybra ihre Einhorn-Freundin wohl bald zu dir bringen”, krächzte Chiko. „Bist du dir schlüssig, was du tun wirst?”
„Fast, mein Guter, fast!” Larix ging nachdenklich im Arbeitsraum seines
Zauberschlösschens auf und ab. „Vielleicht sollte ich dem König zum Schein meine Dienste anbieten. Aber wie könnte ich das anstellen, ohne dass er Verdacht schöpft, ich wollte ihn aushorchen? Freunde sind wir nie gewesen.”
Der Rabe schwieg dazu, erhob sich in die Luft und flog davon.
Larix dachte angestrengt weiter nach, aber ihm wollte nichts Rechtes einfallen.
Lautes Klopfen unterbrach seine Gedankengänge.Vor der Tür standen Hybra und Feena. Larix hieß sie eintreten und hörte sich die Sorgen des Einhornes an, auch die hoffnungsvolle Bitte um seine Hilfe.
„Das Einzige, was ich im Augenblick für dich tun könnte, wäre, dein Horn unsichtbar zu zaubern”, sagte er zu Feena. „Doch damit bist du den König nicht los. Sieht er dich, scheinbar ohne Horn, wird er glauben, du hast es auf deinem Lager verloren. Er wird herausfinden wollen, wo es sich befindet. Ruhe wird er erst geben, wenn er das Horn besitzt.”
„Das glaube ich auch”, stimmte Hybra Larix eifrig zu.
Der kleine Zauberer lächelte dem Wichtelmädchen zu und wandte sich erneut an Feena. „Verhalte dich still in deinem Unterschlupf. Ich halte derweil Augen und Ohren offen. Wenn es etwas Neues gibt, schicke ich meinen Raben mit einer Nachricht zu Hybra! Sie wird die Botschaft dann dir überbringen.”
Feena und Hybra nickten zum Zeichen, dass sie alles verstanden hatten, und
verließen das Zauberschloss.

 

Larix machte sich zu einem Spaziergang auf. Kaum war er vors Portal getreten sah
er den Raben auf sich zufliegen.
„Halt, halt, wohin?” krächzte Chiko aufgeregt. Seine Flügel schienen ihn kaum noch zu tragen. Schwerfällig plumpste er auf das steinerne Geländer und riss den
Schnabel weit auf, so außer Atem war der Ärmste.
„Meister ... Meister ... geh zum ... Schafhirten.” Chiko legte eine Pause ein und
schnappte nach Luft. „Er kann dir helfen, das Einhorn vor dem König zu schützen.”
„Wo denkst du hin?” Larix lächelte ungläubig. „Wie sollte ein Hirte helfen können?”
„Geh zu ihm und du wirst sehen!”, krächzte Chiko und erhob sich schwerfällig in die Luft. Kopfschüttelnd blickte der kleine Zauberer ihm nach. So hatte er den Raben bisher noch nie erlebt. Vielleicht war doch etwas Wahres an dessen Rat?
Neugierig lenkte er seine Schritte in die Richtung der Felder und Weideflächen.
Tatsächlich saß dort ein Hirt im Gras. Sein Hund flitzte hin und her, um die Herde zusammenzuhalten.
Als der Mann den Zauberer erblickte, hob er freundlich die Hand zum Gruß und lud
ihn zum Verweilen ein. Larix setzte sich zum Schäfer auf die Wiese. Anfangs sah auch er nur den Tieren beim Grasen zu, dann aber begann er vorsichtig ein Gespräch.
Bald unterhielten sich die beiden sehr angeregt auch über den unbeliebten Herrscher. Der Schäfer beklagte sich über zu hohe Abgaben und darüber, dass Abuk anscheinend beabsichtige, ewig zu leben. „Nach ihm bleibt der Thron leer, darum klebte er wie Leim darauf fest”, erklärte er missgestimmt.
„Das ist mir bekannt”, sagte Larix. „Der König setzt alles daran, unsterblich zu
werden. Dafür soll das einzige in unserem Land lebende Einhorn sein Horn hergeben.”
Der Schäfer lachte verschmitzt. „Ich wüsste das zu verhindern, wenn Larix mir dabei helfen würde.”
„Ich bin Larix”, gab der Zauberer sich zu erkennen. Und bescheiden setzte er hinzu: „Aber ein Großer in meinem Fach bin ich nicht.”
„Besitzt du die Kraft, das Horn von Feena verschwinden zu lassen?”, erkundigte sich der Schäfer.
„Aber sicher doch! Das habe ich ihr bereits vorgeschlagen.”
Da ließ sich der Schäfer ins Gras fallen und lachte so laut, dass der Hund
verschreckt stehen blieb und alle Schafe ihre Köpfe reckten.
Schließlich war er wieder in der Lage zu sprechen. „Larix, mein Freund, die Lösung aller Lösungen liegt bei mir im Stall. Diesen grässlichen König werden wir so hinters Licht führen, dass er für den Rest seines Lebens bedient ist!”
Weil ihnen für ihr Vorhaben nicht viel Zeit blieb, ging der Schäfer mit Larix sofort in
den Stall auf dem Feld, während der Hund die Herde nach Hause trieb.
Der Mann zeigte dem Zauberer ein Horn, das dem Feenas zum Verwechseln ähnlich sah. Dabei zeigte er auf einen einhörnigen Schafbock, der im Stroh lag. „Er kam schon mit diesen seltsamen Hörnern zu Welt. Eins davon verlor er vor ein paar Tagen im Kampf mit seinem Rivalen. Nun grübelt er trübsinnig vor sich hin.”
Larix lachte. Ihm gefiel der Humor des Schäfers.
„Ich werde das Horn im Wald auslegen”, schlug er vor. „Die Hunde werden es wittern, die Jäger finden und der König wird glauben, seinen Jungbrunnen in der Hand zu haben.”

 

Eilig kehrte Larix in sein Schloss zurück, schickte den Raben mit einer Botschaft zu Hybra und das Wichtelmädchen eilte zu Feena.
In der Nacht stellten sich beide beim kleinen Zauberer ein, ganz, wie er es verlangt hatte. Larix umgab Feenas Horn mit Unsichtbarkeit. Danach sagte er: „Chiko hat mir hinterbracht, dass morgen auf dich Jagd gemacht werden soll. Lass dich also von den Jägern sehen und flüchte dort vorbei, wo das Bocks-Horn liegt.”
Er begleitete Feena und Hybra in den Wald und das Wichtelmädchen zeigte ihm eine geeignete Stelle, an der er das Horn ablegen konnte.
Am nächsten Morgen erblickten der König und die Jäger das scheinbar sorglos
grasende Einhorn ohne seinen Kopfschmuck. Die Hundemeute sauste wie von
Sinnen los und die Jäger ritten so schnell wie möglich hinterher.

 

Alles geschah nun wie geplant.
Die Hunden verbellten das Bocks-Horn, die Jäger fanden es, überreichten es dem
Herrscher und freuten sich auf eine Belohnung.
Doch sie bekamen von dem geizigen Abuk nicht eine Tacke.
Er ließ die Jagd abblasen, kehrte eilends ins Schloss zurück und gab der Köchin den Auftrag, das Horn fein zu zermahlen und ihm unter die Speisen zu mischen.
Abuk konnte es kaum erwarten zu beobachten, wie sein Körper den Jungbrunnen
annehmen werde. Jeden Morgen stand er gleich nach dem Aufwachen vor dem Spiegel. Zuerst wurde sein Bartwuchs dichter. Das freute ihn sehr, denn er hielt dies für das Anzeichen wiederkehrender Jugend. Doch bald erkannte er beunruhigt, dass sein Bart borstig aussah, sein Kinn sich zuspitzte und die Augen schmaler wurden. Von Tag zu Tag machte ihm das Laufen immer größere Schwierigkeiten.
„Daran ist eine zu geringe Menge Hornmehl schuld”, dachte er, stolperte in die Küche und befahl der Köchin: „Ab sofort nimmst du doppelt so viel Pulver.”
Die Köchin tat, wie ihr geheißen und nun schritt die Veränderung seines Körpers
noch schneller voran. Als Nächstes versagte ihm die Stimme. Außer einem
jämmerlichen Blöken bekam er keinen verständlichen Ton heraus.
Auf seiner Haut wuchs lockige Wolle, seine Füße schrumpften zu Hufen und er
begann streng zu riechen. Eines Morgens erschien er auf allen Vieren im Thronsaal und blökte eine lange Rede, die nur aus bäh, bäh bestand.
Der Hofstaat und die Dienerschaft verließen das Schloss. Abuk störte es nicht, er
verspürte nur großes Verlagen nach grünem Weidegras und sprang hinaus auf die große Parkwiese.
Der Rabe Chiko überbrachte dem kleinen Zauberer die Kunde von den Vorgängen im Schloss. Larix befreite Feenas Horn vom Zauber und erlaubte dem überglücklichen Wichtelmädchen Hybra, ihm den Haushalt zu führen.
Zuletzt holte er den königlichen Schafbock aus dem Park und übergab ihn dem Schäfer. Bei ihm durfte Abuk jeden Tag auf einer frischen Weide grasen und wurde einmal im Jahr geschoren, wie alle anderen Schafe auch.

Der arge König wurde nun berühmt, doch anders, als er es sich vorgestellt hatte.
Das Volk von Zumgalan lachte über ihn, kam in Scharen zu den Wiesen und rief:
„Wer glaubt, ewig leben zu können, ist ein Schafskopf.” Und damit behielt es Recht!

Abuk lebte keinen Augenblick länger als jeder andere Schafbock.

 

© By Sissy Gross