Zeichnung: Jutta E. Schröder

 

Blutrote Stein und ein kaltes Herz

 

"Rubina, Kind, lass doch einmal von den Steinen ab, niemand will sie dir

nehmen! Geh an die frische Luft, heute ist ein besonders schöner

Sonnentag!", forderte Königin Safira ihre Tochter auf. Sie ließ von der Zofe

Mara alle Fenster öffnen, um den Sonnenschein hereinzulassen. Als diese

nach einem Wink eiligst den Raum wieder verließ, wandte sie sich die Königin

erneut ihrer Tochter zu: "Wie stellst du dir eigentlich deine Zukunft vor? Du

begleitest Vater und mich auf keine unserer Reisen und Empfänge. Kein Prinz

hält um deine Hand an, so wie du ausschaust. Möchtest du einsam alt

werden?"

Für einen Augenblick ließ die Prinzessin von den Rubinen ab: "Mutter, alles

was ich brauche, um glücklich zu sein, befindet sich in diesem Kästchen!"

"Was ist nur mit dir geschehen? Kannst du dich mir nicht anvertrauen? Sag

doch, was dich bedrückt! Du warst ein so fröhliches Kind. Wie konntest du

dich nur so verändern! Du bist mit deinem Herzen so weit von uns entfernt,

dass ich Angst bekomme, dich ganz und gar zu verlieren! Und überhaupt,

wessen Lumpen trägst du da, wo sind all deine schönen Kleider? Ich glaube,

gekämmt wirst du von Mara auch nicht mehr. Schau mal in den Spiegel, wie

eine Prinzessin siehst du nicht mehr aus!"

Seit einiger Zeit hatte Rubina nur noch Augen für diese Edelsteine, ein volles

Kästchen besaß sie von ihnen. Wenn sie es öffnete, spiegelte sich blutrote

Farbe in ihren Augen. Sie griff hinein, entnahm eine Handvoll und drückte sie

wie besessen an ihr Herz. König Eduard und Königin Safira beobachteten die

Entwicklung ihres einzigen Kindes mit großer Sorge.

"Es darf nicht sein, dass unser Mädchen nur in ihrem Gemach vor diesem

Kästchen sitzt und sich am Anblick funkelnder Rubine ergötzt! Wenn nicht

bald etwas geschieht, werde ich ihr den Thron nicht vererben!“, sagte der König.

"Bei nächster Gelegenheit werde ich Mara ansprechen, es könnte sein, dass

sie irgendetwas weiß. Die beiden verstehen sich recht gut und Mara huscht

neuerdings immer recht flink an mir vorbei, als ob sie ein schlechtes

Gewissen hätte!", redete die Königin auf ihren Gemahl ein.

Rubina mochte Süßigkeiten. Gerade hatte sie sich eine Schale voll in der

Schlossküche zusammengestellt, als es an der Tür klopfte. Neugierig, wer

denn in die Küche so höflich Einlass begehrte, öffnete sie und sah in das

vergreiste Gesicht eines Mannes, dessen Bart zottelig herunterhing. Ein

kräftiger Ast diente dem Alten als Gehhilfe, damit er sich auf einem Bein

fortbewegen konnte.

"Wie kommst du hier herein? Was willst du?", herrschte ihn Rubina an. Der

alte Mann senkte seinen Kopf und bat: "Bitte gebt mir etwas Brot und Wasser.

Ich habe seit Tagen nichts gegessen und bin durstig!"

Rubina stemmte die Hände in die Hüften und antwortete patzig: "Du bettelst

um Brot und Wasser? Der Schmied hat Arbeit, geh hin und verdiene dir dein

Brot. Von mir bekommst du nichts!" Sie warf die Tür zu, den Bettler ließ sie

einfach stehen.

Als die Prinzessin wieder ihre Kammer betrat, stand ihr Kästchen geöffnet

und war leer. Ein markerschütternder Schrei gellte durchs ganze Schloss.

"Mutter, Vater, wo sind meine Rubine? Habt ihr etwa dem einbeinigen Bettler

Einlass gewährt?" Die Prinzessin verwüstete wie von Sinnen ihr Gemach. Die

Königin kam herbeigeeilt und versuchte ihre Tochter zu beschwichtigen:

"Kind, so beruhige dich doch! Von welchem Bettler sprichst du? Sag nicht,

du hast schon wieder einen Armen unseres Volkes fortgeschickt! Hast du

keinen Funken Mitleid mehr im Herzen?"

Rubina hörte der Mutter nicht zu. Sie tobte weiter und schrie: "Du hast

Schuld, alle Fenster wurden auf deine Anordnung hin geöffnet! Kein Wunder,

jeder konnte hier einsteigen!" Unbeherrscht schob sie die Königin aus ihrem

Gemach und schloss sich ein.

Jetzt hielt es Safina nicht länger aus. Sie musste mit der Zofe unter vier

Augen sprechen, sofort! Mara brachte es nicht fertig, der Königin ins Gesicht

zu sehen. Doch sie musste ihr Schweigen brechen, denn schließlich sah sie

ein, dass sich Rubina von Tag zu Tag seltsamer verhielt.

"Frau Königin, ich weiß, was unsere Prinzessin so verändert hat. Ihr wisst

selbst, dass Eurer Tochter von je her jeder Wunsch von den Augen abgelesen

wurde. Alles geschah immer nach ihrem Willen, so auch dies. Die Hexe

Griseldes nutzte die Habsucht der Prinzessin aus. Für ein Kästchen glutroter

Edelsteine, das sie ihr eines Tages unter die Augen hielt, verlangte sie alle

Kleider, auch ihr dickes, glänzende Haar. Die Prinzessin war wie geblendet

und wollte unbedingt dieses Kästchen mit seinem prachtvollen Inhalt

besitzen. Alles andere galt nichts mehr. Deshalb ist kein ordentliches Kleid

mehr in ihrer Truhe zu finden. Ihr Haar gleicht Zotteln. Auch mit gutem Willen

kann ich es nicht mehr richten.“

„Oh Gott! Wie kann dieser Zauber jemals gebrochen werden?“, jammerte die

Königin händeringend.

"Vielleicht kann ich helfen! Da ich unsere Prinzessin überallhin begleite, habe

ich gehört, was Griseldes zur Aufhebung des Zaubers gesagt hat, zwar sehr

leise, aber ich habe es genau verstanden. Mal sehen, ob ich mir alles gemerkt

habe. Sie sprach also: ‚Solange du von deinem Hab und Gut nichts abgibt,

wird der Zauber an dir haften wie Pech. Sieben Rubine sollst du an einen

Bedürftigen geben, oder einsam und mit kaltem Herzen enden‘ ja, das waren

ihre Worte!“

Die Königin senkte ihr Haupt. Die Hexe hatte auf ihre Art Recht. Rubina wurde

nie ein Wunsch abgeschlagen und Teilen hatte sie nie gelernt. Einen großen

Teil Schuld gab sich Safina selbst. Blieb nur zu hoffen, dass sich eine

Gelegenheit ergab und ihre Tochter gerettet werden konnte.

Der alte Bettler war unterwegs ins Dorf. Mit leerem Magen suchte er die

Sträucher am Wegesrand nach Beeren ab, doch die Kinder hatten schon fast

alle abgelesen. Sein Weg führte ihn zum Schmied. Arbeit hatte er für einen

Einbeinigen nun wirklich nicht, gab ihm aber Brot ließ ihn in der Scheune

übernachten.

Am nächsten Tage saß der Bettler am Dorfbrunnen. Während er an einem

Brotkanten kaute, zwickte ihn jemand in die Wade. Er drehte sich um und

erkannte seinen alten Kumpel, den Fuchs. „Na, wen haben wir denn da?

Trixer, dich habe ich ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!"

Sie setzten sich ins Gras und erzählten, was sie zwischenzeitlich erlebt

hatten. Letztendlich ging es um eine alte gemeinsame Freundin und der

Fuchs fragte: "Sag mal, weißt du, ob die Elster geerbt hat?"

Der Bettler schüttelte den Kopf. "Von wem sollte Glitzerschnabel denn geerbt

haben?"

"Mir ist da was zu Ohren gekommen. Hat mir vorhin der Igel erzählt. Eine

Menge roter Steine soll unsere Freundin seit gestern besitzen und in Saus

und Braus leben. Die teuersten Hüte zieren ihren Kopf. Nahrung sucht sie

nicht mehr selbst, dafür hat die feine Dame Sperlinge, welche ihr das Futter

besorgen! Tja, wenn nicht geerbt, dann hat sie wohl geklaut! Wäre ja nicht

das erste Mal!"

"Angenommen, Glitzerschnabel ist gestern Morgen am Gemach der

Prinzessin vorbeigeflogen, da kann sie durchaus Beute erspäht haben. Die

Fenster standen sperrangelweit offen!" Der Bettler verschwieg, dass er am

Schloss um Brot und Wasser gebettelt hatte und erzählte weiter: „Wenn ich

es mir recht überlege … der Schmied erzählte, der Prinzessin wären all ihre

Edelsteine abhanden gekommen, keiner weiß etwas darüber!"

"Vielleicht weiß das grüne Eichhörnchen Bescheid, wo Glitzerschnabel die

Steine versteckt hält? Du, Bettler! Wenn wir uns die Rubine holen, winkt uns

eine sorgenfreie Zukunft! Wir könnten sie verkaufen! Was hältst du davon?",

fragte der Fuchs listig.

"Nein, Trixer! Sollten wir die Steine finden, bringe ich sie zurück. Sie gehören

uns nicht, außerdem wird man mit gestohlenem Reichtum nicht glücklich. Du

kennst doch das Sprichwort: Wie gewonnen – so zerronnen! Ein bisschen

Ehrlichkeit sollte es in dieser Welt doch geben!"

Ein heuchlerischer Blick traf den Bettler. Mit honigsüßer Stimme versuchte

der Fuchs dem Bettler die ganze Sache doch noch irgendwie schmackhaft zu

machen: „Schau mal! Ehrlichkeit! Das ist was für Dumme! Wer ist noch

ehrlich heutzutage? Du bist einfach zu gut für diese Welt! Vielleicht

bekommst du die Prinzessin zur Frau? Wäre das nichts für dich? Dann musst

du nicht mehr betteln und nie wieder hungern. Das hört sich doch gut an,

oder etwa nicht? Schön, wenn du sie nicht willst, dann werde eben ich

Schwiegersohn des Königs!“ Der Fuchs hielt sich vor Lachen den Bauch.

„Ja, ja, ich sehe schon! Bist und bleibst eine ehrliche Haut bis zum seligen

Ende.“ Doch der Fuchs hatte seinen Namen zu Recht. Schon reifte ein Plan in

seinem Kopf und er meinte: "Wir sollten das grüne Eichhörnchen fragen.

Dann sehen wir weiter!“

Der Bettler nickte und beide machten sich auf den Weg zum

Eichhörnchenbau im Wald. Im Baum war es nicht zu entdecken. Doch am

Boden war er schwer beschäftigt und stöhnte: "Herrje, ich bin erschöpft.

Wintervorrat heranschaffen kostet mich jedes Mal viel Kraft!"

"Gut dich zu treffen, wir bräuchten deine Hilfe!", sagte der Bettler freundlich.

Das grüne Eichhörnchen erfuhr nun die ganze Geschichte und nickte:

"Sicher, da es sich in diesem Fall nur um Diebstahl handeln kann, bin ich

dabei! Die Elster hat ihr Versteck in der Feldermaushöhle."

Es dunkelte, die drei liefen los. Die Höhle war nun sicher von ihren

Bewohnern verlassen, denn abends flogen sie aus, um Nahrung zu suchen.

Das Eichhörnchen erklomm behände die steile Wand zum Versteck, hievte

Stein für Stein heraus und warf sie auf den Boden. Flink sammelte der Bettler

die leuchtenden Rubine ein und legte sie in sein Brotsäckchen, welches der

Fuchs aufhielt.

"Herrje, ich bin schon wieder erschöpft! Aber was viel schlimmer ist, die

Elster wird mich keines Blickes mehr würdigen, sollte sie erfahren, dass ich

daran beteiligt war!", klagte das Eichhörnchen, als es wieder bei den beiden

angelangt war.

„Mach dir nichts draus!“, entgegnete der Bettler. „Auf solche Gestalten kann

man getrost verzichten!“

Das Eichhörnchen verabschiedete sich von seinen Freunden und wollte

sofort ins Bett. Trixer und der Bettler gingen zum Schloss. Die Fenster waren

noch hell erleuchtet und standen offen. Die Prinzessin weinte zum

Steinerweichen. Entschlossen pochte der Bettler ans Schlosstor. Ohne zu

zögern wurde er von den Wachen eingelassen, als er ihnen das Säckchen mit

den Rubinen unter die groben Nasen hielt und wurde zum Gemach der

Prinzessin geleitet. Er klopfte an. Mit verweinten Augen öffnete Rubina die

Tür.

"Ich komme nicht, um zu betteln. Ich bin hier, um etwas zu bringen, das Euch

wichtiger ist, als alles andere auf der Welt!“ Mit diesen Worten öffnete er das

Brotsäckchen, zeigte den Inhalt und sprach weiter: „Deine Rubine! Die Elster

hatte sie gestohlen! Keine Angst! Zur Frau werde ich dich nicht nehmen, du

denkst nur an Reichtum und hast du ein kaltes Herz!"

In diesem Moment trat die Königin hinzu und hörte die Unterhaltung. Sie hieß

den Bettler näher zu treten. Einen Augenblick später saß er auf der Königin

Geheiß an einem reich gedeckten Tisch Endlich konnte er sich nach langer

Zeit wieder mal satt essen.

Der König betrat aufmerksam geworden den Speisesaal. An ihm vorbei

stolzierte die Prinzessin mit erhobenem Haupt auf den Bettler zu. „Wie

kommst du darauf, dass ich dich zum Manne nehmen würde, dich, einen alten

Bettler!“

Dem Alten blieb vor Schreck fast der Bissen im Halse stecken. Er erinnerte

sich an die Worte von Trixer. Rubina hatte Recht. Schließlich wurde eine

derartige Belohnung niemals verkündet. Er wurde rot bis über beide Ohren.

Beinahe widerwillig überreichte die Prinzessin ihm jedoch ein Samtsäckchen,

gefüllt mit sieben blutroten Rubinen. Die Zofe Mara führte ihre Hand. Allein

hätte Rubina niemals auch nur einen Edelstein verschenkt. Damit war der

Zauber endlich gebrochen. In dem Moment, als der Bettler die sieben

Edelsteine in der Hand hielt, fiel von Rubina ein Schleier ab. Ihr Haar war

wieder dick und glänzend. In Samt und Seide gehüllt stand sie da. All ihre

herrlichen Kleider lagen an Ort und Stelle. Die Königin war erstaunt und

glücklich zugleich. Mara zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Safina hatte

verstanden. Es war der Zofe zu verdanken, dass die Prinzessin endlich zur

Vernunft gekommen war. Fröhlich lachend tanzte die Königstochter mit Vater,

Mutter und Mara im Kreise. Der König und die Königin herzten und küssten

ihre wiedergewonnene Tochter.

Hochzufrieden machte sich der Bettler begleitet vom Fuchs auf den Weg ins

Dorf. Der Schmied bot dem Alten an, Mitbesitzer seiner Schmiede zu werden.

Stolz war er auf sich – auf seine Ehrlichkeit! Die Bettelzeit gehörte ein für

allemal der Vergangenheit an. Trixer, der Fuchs, bekam täglich ein feines

Mahl. Dem grünen Eichhörnchen wurde bei der Anschaffung des

Wintervorrats jedes Jahr tatkräftig von jungen Schmiedegesellen geholfen,

die sich der Meister nun leisten konnte.

Glitzerschnabel, die Elster, aber war dermaßen beleidigt, dass sie mit

erhobenem Haupte schnurstracks an ihren ehemaligen Freunden vorbeiflog,

wenn sich ihre Wege kreuzten.

Als drei Monde vergangen waren, heiratete Rubina einen starken und

schönen Prinzen und beide regierten weise und gerecht über ihre Untertanen.

© By Sissy Gross