Zeichnung: Jutta E. Schröder

 

 

 

Das falsche Hexlein, die weiße Taube und das Fünkchen Glück

 

Im Hexenwald herrschte Vorfreude auf das große Fest.

Im verrußten, verbeulten Topf über dem Feuer köchelte bereits die grasgrüne

Hexensuppe, eine widerliche Brühe, bestehend aus bitteren Kräutern und allerlei Getier.

Den Hexen lief das Wasser im Mund zusammen, weil ihnen ein besonderer Schmaus

bevorstand.

Der kleinen Hexe Gesinde allerdings lief ein Schauer nach dem anderen den Rücken

hinunter, wenn sie an diese Mahlzeit nur dachte. „Ekelig, einfach nur ekelig.“ Sie schüttelte

sich.

Feste feierten die Hexen zu jeder Zeit, denn sie hatten, außer Böses zu tun, keinerlei

Beschäftigung. An diesem Tag sollte die Einweihung ihres neuen Hauses stattfinden.

„Rühr die Suppe um, lass sie bloß nicht anbrennen“, wiesen sie die kleine Gesinde an,

welche die Hexenmeisterin in die Obhut und Lehre ihrer Gesellinnen gegeben hatte. Eine

richtige Hexe sollte aus ihr werden.

Bei der Hexentaufe, in der sie den Namen Gesinde erhalten hatte, war das Mädchen in die

Gemeinschaft aufgenommen worden. Doch das kleine, hübsche Ding war den alten

hässlichen Weibern ein Dorn im Auge.

„Wenn du mit der Essenzubereitung fertig bist, dann besorgst du Feuerholz und sammelst

Vogelbeeren für unseren Wein. Außerdem benötigen wir frische Pilze. Denk daran, nur die

roten mit den weißen Punkten!“, schärften die Hexen der Kleinen ein.

Gesinde wischte sich die Finger an der zerlumpten Schürze ab, da bekam sie bereits

wieder einen anderen Befehl. „Ach was, lass die Suppe. Wir achten selber darauf. Mach

die Besorgungen besser sofort!“ Gesinde nickte gehorsam.

Ihre Gutwilligkeit brachte die bösen Weiber gegen sie auf. „Aus dir wird niemals eine

rechte Hexe“, keiften sie. „Sicherlich lässt du keine schlechten Gedanken zu und weißt

nicht, was Gehässigkeiten sind. Du solltest dir die bösen Geister Hass und Neid zum

Vorbild nehmen. Tust du es nicht endlich, wird dich unser Fluch treffen.“

„Ich werde alles tun, was ihr befehlt“, flüsterte Gesinde.

„Hört nur, wie brav sie ist! Vielleicht kommt sie gar aus dem Himmel!“ Höhnisch lachten

die bösen Weiber dem unglücklichen Hexlein ins Gesicht, geiferten und zeigen ihre

braunen Zähne.

Die Kleine schauderte es. Sie wagte nicht, den Hexen darauf eine Antwort zu geben,

nahm den Korb, band sich ein Tuch um den Hals und hastete davon.

Ein langer Weg lag vor ihr, aber sie genoss die Stille des Waldes. Hier konnte sie

durchatmen und ihren Gedanken nachhängen.

„Warum nur soll ich eine Hexe werden? Dafür bin ich nicht geschaffen. So ein Leben kann

ich nicht führen!“, beschwerte sie sich beim Schicksal.

„Wurde ich vielleicht vertauscht oder gar gestohlen?“, fragte sie den Wind.

Der wehte heftig. „Das darf ich dir nicht verraten. Das musst du selber herausfinden. Aber

dazu brauchst du auch ein Fünkchen Glück!“

„Warum Glück? Bitte, sag es mir!“, rief sie ihm verzweifelt nach. Doch er hörte sie nicht

mehr. Als sie zu weinen begann, fiel etwas hell Leuchtendes auf das Tuch, das sie um den Hals

trug. Gesinde erschrak. Doch dann sah sie: Es war eine Sternschnuppe.

„Warum fällt Schönes so einfach vom Himmel?“, wunderte sie sich.

Die Sternschnuppe krabbelte aus dem Tuch heraus. „Ich bin ein Fünkchen Glück, das dir

heute hold ist“, flüsterte sie mit feiner Stimme.

„Womit habe ich schon Glück verdient?“, seufzte Gesinde verzagt. „Ich habe noch nichts

geschafft, meine Aufgaben nicht erledigt. Warum wählst du gerade mich aus?“

„Ich bin kein Lohn für Arbeit. Glück bekommt man geschenkt, der eine mehr, der andere

weniger. Du bist ein gutes Wesen, lebst nur am falschen Ort, darum werde ich dir Hilfe

schicken. Ihr sollst du folgen. Jeder braucht Glück, um sein Glück zu finden. So ist es nun

mal.“

Die Sternschnuppe verschwand wie sie gekommen war.

Die Hexen waren derweil in bester Laune. Kaum, dass Gesinde außer Sichtweite war,

wurde der Spund aus dem Fass geschlagen. Der starke Hexenwein färbte die zerfurchten

Gesichter der Alten rot. Sie lachten, sangen und trieben üble Späße. Nach dem zweiten

Becher tanzten sie ausgelassen ums Feuer, was die ausgelatschten Schlappen hielten.

Die Suppe dampfte vergessen über dem Feuer.

Gesinde war indessen fleißig gewesen. Doch nun wusste sie nicht, wie sie Feuerholz,

Beeren und Pilze ins Hexenlager tragen sollte. Das Holz befand sich im Korb. Die Beeren

für den Hexenwein hatte sie ins Halstuch eingebunden, die Pilze in ihre Schürze. Alles

zusammen war für eine so kleine Hexe viel zu schwer.

„Hoffentlich bringe ich alles heil zum Hexenhaus“, dachte sie sorgenvoll. „Wenn Beeren

und Pilze zerquetscht sind, dann gibt es wieder ein Donnerwetter.“

Sie setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm, um auszuruhen.

„Sollen die Alten doch ihre Suppe rühren und allein auslöffeln. Von dem Zeug bekomme

ich eh nichts herunter“, dachte sie, blickte sich um und entdeckte reife Waldbeeren. Froh

sprang sie auf, stopfte sich flink damit den Mund voll und sog auch an den Blüten der

Waldblumen. Der Nektar war köstlich. Wem solche Leckereien schmeckten, der konnte

unmöglich böse sein.

„Ich bin gar keine Hexe“, dachte Gesinde. „Aber wo komme ich dann her? Wo ist mein

wahres Zuhause?“ Sie setzte sich traurig wieder auf den Baumstamm und begann bitterlich zu

weinen.Tränen verschleierten ihren Blick, nur undeutlich nahm sie wahr, dass sie nicht mehr

allein war. Mit dem Rockzipfel wischte sie sich die Augen aus. Eine weiße Taube hatte sich zu

ihr gesellt. Besorgt sprach Gesinde zu dem Vogel: „Was suchst du denn im Wald? Hier

gehörst du nicht hin! Überall lauern Gefahren. Der Fuchs hat dich sicherlich schon gewittert.

Flieg schnell fort!“ Und sie fügte hinzu: „Ich wünschte mir, dass auch ich fliegen könnte. Doch

ich weiß ja noch nicht einmal wohin.“

Die Taube gurrte: „Warum kommst du nicht mit mir?“

„Weil ich bei den Hexen bleiben muss. Dort bin ich in der Lehre. Aber ich fühle, das ist

nicht mein Platz.“

„Ich weiß, was dich bedrückt“, gurrte die Taube erneut. „Du magst die grüne Hexensuppe

nicht. Dagegen munden dir Waldbeeren und Blütennektar.“

„Ja, das stimmt“, gab Gesinde zu, „und das kommt mir so seltsam vor.“ Sie überlegte

einen Augenblick und fragte dann: „Sag mal, hat dich die Sternschnuppe geschickt?“

Die Taube legte anmutig das Köpfchen schief. „Sternschnuppe? Die kenne ich nicht.“

Sofort wurde Gesinde wieder traurig. „Niemand kann mir sagen, wer und was ich bin. Aber

zu den Hexen gehe ich nimmermehr, lieber bleibe ich im Wald.“

Die Taube legte einen Flügel auf Gesindes Arm. „Sei nicht betrübt. Ich kann dir all deine

Fragen beantworten. Du bist eine Glitzerelfe. Deine Brüder und Schwestern vermissen

dich schmerzlich. Seit du gestohlen wurdest ist alle Fröhlichkeit aus dem Elfenhain

gewichen und die Traurigkeit zog ein. Die Armen fühlen sich gar nicht gut. Sie weinen so

sehr, dass der Elfenstaub nicht mehr auf ihren auf Flügeln haften bleibt.“

„Ich bin ein Elfenkind!“, rief Gesinde begeistert. „Weiße Taube, du machst mich glücklich.“

„Das war meine Absicht“, gurrte die Taube. „Nur die Elfen wissen noch nichts von ihrem

Glück.“

„Und welchen Namen gab mir mein Elfenvolk?“, fragte Gesinde mit zitternder Stimme.

„Arela, heißt du. Ja, Arela.“

Die Kleine strahlte. „Der Name klingt wie Musik, er gefällt mir. Ich möchte zu meinen

Brüdern und Schwestern. Die Hexen können warten bis sie grün wie Gift sind. Sollen sie

sich Beeren, Pilze und Holz doch selbst holen.“

Die Hexen veranstalteten derweil ein furchterregendes Spektakel, vor dem die Tiere in die

Tiefen des Waldes flohen. Noch ehe die Dämmerung hereinbrach, war das Weinfass leer. Die

bösen Weiber gerieten außer Rand und Band. Mit umnebelten Sinnen zogen sie sich im Streit

um den letzten Tropfen Wein an den Haaren und prügelten sich mit den Besen. Torkelnd

versuchten sie auf den Beinen zu bleiben, fielen schließlich doch zu Boden und schliefen ein.

Die grüne Suppe verbrannte und beißender Rauch stieg auf, der als giftiger Nebel die Bäume

einhüllte. Die Vögel fielen bewusstlos von den Zweigen, Hasen suchten taumelnd ihren Bau.

Schließlich explodierte der Suppentopf. Er schoss auf das Dach des neuen Hexenhauses

und setzte es in Brand. Die Flammen breiteten sich aus und erfassten auch die

Flugbesen, ganz so, als hätten sie besondere Freude daran, diese genüsslich zu verzehren.

Arela aber folgte der Taube, die das Fünkchen Glück ihr als Hilfe geschickt hatte.

Das Täubchen hüpfte auf die Wiese und schlug mit seinen Flügeln, bis sich die

Schirmchen der Pusteblumen in die Luft erhoben „Halte dich an ihnen fest, dann wirst du

sicher und sanft an unserem Ziel landen.“

Der Wind machte sich einen Spaß daraus, die Schirmchen tanzen zu lassen und Arela

lachte fröhlich.

Die Elfen saßen im Hain traurig auf der Wiese, denn die staublosen Flügel trugen sie nicht

einmal mehr in die Zweige der Bäume. Als sie die weiße Taube erblickten, klagten sie: „Wo

hast du so lange gesteckt? Du fehlst uns!“

„Im Wald war ich unterwegs und bringe euch ein Geschenk mit“, gurrte der weiße Vogel.

„Ihr werdet es gleich sehen!“

Und wirklich landete in einem Geschwader Pusteblumen-Schirmchen etwas Kleines,

Schmutziges, in zottelige Lumpen Gekleidetes.

Verschüchtert stand Arela inmitten der Elfen und die starrten fassungslos auf die winzige

Hexe, denn so sah der Fremdling ja aus.

„Aber, aber, ihr Lieben“, gurrte die Taube munter, „hört auf zu trauern. Das ist Arela, euer

gestohlenes Elfenmädchen.“

Freude erfasste die Glitzerelfen. Sie begannen zu strahlen und zu leuchten und feiner, bunter

Staub bildete sich auf ihren Flügeln. Von Arela aber fielen die hässlichen Hexenlumpen ab,

wunderschöne, glitzernde Flügel wuchsen aus ihrem Rücken. Sie schwebte als Erste in die

Höhe hinauf und bald folgten ihr auch die wieder völlig hergestellten Brüder und Schwestern.

 

Die ganze Nacht hindurch tanzten sie im Mondschein über der Wiese.

Die kleine Elfe aber wusste nun, wohin sie gehörte. Ein kleines Fünkchen Glück hatte ihr zum

großen Glück verholfen.

Jeden Abend schickte sie ein leises „Danke“ zum Himmel hinauf, an dem eine winzige

Sternschnuppe ganz allein für sie strahlte.