Zeichnung: Jutta E. Schröder

 


 

Der braune Graf Nordog

 

Kira, die Tochter des Kaisers Nikolaus von Carthoga und seiner Gemahlin,
Kaiserin Dawina, trat in den Speisesaal des Schlosses, in dem ihre Eltern bereits
beim Mahl saßen. In einem Monat feierte sie ihren zwanzigsten Geburtstag.
Kaum hatte die Prinzessin am Tisch Platz genommen, sprach die Kaiserin über
die Vorbereitungen zu diesem großen Festtag.
„ Lieber Vater, liebe Mutter, bevor ihr mich nach meinem Geburtstagswunsch
fragt, komme ich euch zuvor”, sagte kira, als Dawina sich vom Diener ein Glas
Wein einschenken ließ. „Gern würde ich einen Apfelschimmel mein Eigen
nennen. Damit könntet ihr mir die größte Freude bereiten.”
Dem Kaiser blieb vor Überraschung beinahe das letzte Stückchen Brot im Hals stecken.
„ Tochter, sieh in unsere Stallungen! Haben wir nicht genug gute Pferde? Mit
dieser Auswahl warst du bisher immer zufrieden”, sagte er ärgerlich.
Kira widersprach. "Lieber Vater! Ein Schimmel passt doch wohl besser zu einem
jungen Mädchen, als ein Fuchs oder Rappen. Außerdem möchte ich ein eigenes
Pferd besitzen, das nur von mir geritten wird.”
Nikolaus warf wortlos sein Mundtuch auf den Tisch und verließ den Saal.
„Mutter, verstehst du mich denn?”, wollte Kira wissen.
„Nicht so recht, mein Kind”, sagte die Kaiserin, „aber ich werde sehen, was ich
für dich tun kann.”
Hoch oben auf dem Fledermausfelsen hauste Graf Nordog ganz allein in seiner Burg.
Die feine Gesellschaft von Carthoga hatte ihn ausgestoßen, weil er sich durch
Lug und Betrug bereicherte. Seine Untaten waren bislang ungesühnt geblieben,
denn er war klug und gerissen. Sein gesamtes Geld verprasste er und so stand
er bald vor dem Nichts. Die Burg und ein alter Gaul waren alles, was ihm von
seinem einstigen Reichtum verblieb. In dem düsteren Gemäuer umgab ihn
Einsamkeit. Des Nachts schwirrten Fledermäuse wie schwarze Schatten um die
Burg, die bis auf ein dumpfes Licht, welches sich mühsam aus einem Fenster
quälte, in Dunkelheit lag.
Der einzige, den Nordog manchmal aufsuchte, war der Zauberer Marenga.
Dieser war alt, halb blind und schwerhörig, doch ein hinfälliger Zauberer schien
dem Grafen immer noch besser als gar keiner.
Nordog war für seine braune Kutte bekannt, deren Kapuze er stets tief ins
Gesicht zog. Dies hatte ihm den Namen `der braune Graf eingetragen.
Die Kapuze verhüllte sein entstelltes Gesicht. In einem Duell um eine schöne
Frau hatte Nordog sein rechtes Auge verloren. Breite Narben durchzogen seine
zerfurchten Wangen. Ein einziger Gedanke trieb den Grafen voran: Er wollte die
Kaisertochter Kira erobern. Erst dann würde er wieder ein volles Schatzkästchen
und genug goldene Tacken besitzen.
Wohin die Prinzessin sich auch begab, zu Fuß oder hoch zu Ross, er folgte ihr!
Kira aber wusste, dass sie vom braunen Grafen beobachtet wurde und ahnte
auch weshalb. Sie behielt es jedoch für sich, um ihre Eltern nicht zu beunruhigen.
Eines Tages sprach Nordog zu sich: „Ich muss das Mädchen endlich heiraten, je
eher desto besser. Noch heute soll der alte Marenga zeigen, was er kann. Ich
werde ihn dafür mit meinen letzten Tacken belohnen.”
Nun wurden dem Grafen von der neugierigen Schnattergans Gisell alle
Neuigkeiten aus dem Königreich zugetragen. Sie steckte ihren Schnabel in jede
fremde Angelegenheit und so erfuhr sie auch, dass die Prinzessin zu ihrem
Geburtstag einen Apfelschimmel bekommen hatte.
Kaiser Nikolaus war letztendlich doch bereit gewesen, seiner Tochter diesen
Wunsch zu erfüllen. Er konnte ihr einfach nichts abschlagen.
Kira hatte der weiße Stute den wohlklingenden Namen Bonny gegeben. Das edle
Tier fraß mit Vorliebe Äpfel. Die Prinzessin und Bonny verband Zuneigung auf
den ersten Blick. Dies und noch mehr schnatterte Gisell dem braunen Grafen durchs Burgfenster vor.
Nordog machte sich flugs auf den Weg zum Zauberer Marenga.
Der Alte starrte den unliebsamen Besucher durch dicke Brillengläser aus
vorquellenden Glupschaugen misstrauisch an.
„Benötigst du wieder einmal meine Hilfe? Warum sonst suchst du mich heim?”
Der braune Graf knurrte ungehalten: „Worüber beschwerst du dich? Ich habe
dich für deine Dienste stets großzügig entlohnt. Und du sollst mir auch diesmal beistehen.” Marenga legte die Hand hinters Ohr.
„Sagtest du eben, ich soll etwas für dich tun?”
Nordog nickte und sprach laut und deutlich: „Mir ist zu Ohren gekommen, dass
die Tochter des Kaisers zu ihrem Geburtstag einen Apfelschimmel geschenkt bekam!”
„ Wie kann der Kaiser seiner Tochter etwas so Grässliches wie Schimmel in
einem Apfel schenken?”, fiel ihm der Zauberer ins Wort. (guter Einfall!!)
„ Marenga, du bist ein Dummkopf”, rief der braune Graf ungehalten. „Und lass
mich gefälligst ausreden! Ein Apfelschimmel ist eine weißes Pferd. Mach, dass
ich als Geist in dieses Ross hineinfahre, den Rest erledige ich selber. Ich gebe
dir heute vier Tacken, den Rest meines Vermögens. Wenn ich erst der Gemahl
der Prinzessin bin, wird es dir an nichts mangeln.”
Marenga winkte geringschätzig ab. Er glaubte dem braunen Grafen nicht. Sein
Leben lang hatte dieser andere betrogen. Ihn selbst hatte er aus der Burg
hinausgeworfen, obwohl er dort noch aus der Zeit von Nordogs Urgroßvater
Wohnrecht besaß. Eines Tages würde der Bösewicht dafür büßen müssen.
„Komm morgen wieder”, krächzte er. „Ich muss mir erst etwas überlegen.”
In der sicheren Annahme, Marenga werde ihm helfen, kehrte Nordog guten
Mutes auf die Burg zurück.
In der Abenddämmerung suchte auch Kira den alten Zauberer auf. Nur er konnte
ihr helfen, den braunen Grafen loswerden. Auf keinen Fall aber durften der
Kaiser und die Kaiserin etwas von diesem Besuch erfahren. Sie hielten nichts
von Zauberei.
Während Nordog auf seiner Burg hockte, erreichte die Prinzessin unbemerkt
Marengas Hütte. Mit Herzpochen und großer Kraftanstrengung schob sie die Tür
auf, die fast aus den Angeln fiel, und trat in die ärmliche Behausung ein.
Der Zauberer sprang von der Bank auf, als er die Tochter des Kaisers erkannte.
„Majestät, welche Ehre in meinem bescheidenen Zuhause!”, rief er, verbeugte
sich und wäre fast gefallen.
„Bleib doch sitzen, alter Mann”, bat Kira und half Marenga auf die Bank zurück.
Ich bin heute als Bittstellerin hier. Allerdings verlange ich von dir
Verschwiegenheit.”
Sie stellte ein Säckchen, prall gefüllt mit goldenen Tacken, auf den wackligen
Tisch. Dem Zauberer fielen vor Glück die Glupschaugen beinahe aus dem Kopf.
„Was wünscht Ihr, Majestät?”, rief er. „Ich stehe zu Diensten!”
Erwartungsvoll hielt er die Hand hinters Ohr.
„Lass den braunen Grafen verschwinden”, forderte die Prinzessin.
„Wie du es anstellst, ist mir einerlei. Der Bösewicht verfolgt mich auf Schritt und Ritt. Ich weiß, dass er die Absicht hegt, mich zu heiraten. Aber nie würde ich ihn als
Gemahl an meiner Seite wollen, diesen üblen Missetäter”, sprach sie mit blitzenden Augen.
Marenga krächzte: „Das trifft sich ausgezeichnet. Vor wenigen Studen erst war
Nordog bei mir und verlangte,dass ich ihm helfe, als Geist in Euer Ross zu
fahren. Der Himmel weiß, wie er es anstellen wollte, Euch seinem Willen zu unterwerfen.
Mir ist er längst ein Dorn im Auge. Aber mir fehlte in all den Jahren ein Auftrag,
ihn aus Carthoga zu vertreiben. Ihr habt ihn nun endlich ausgesprochen und ich
danke Euch dafür. Verlasst Euch auf mich! Bis morgen Abend wird Nordog
verschwunden sein!
Dann kann auch ich wieder in die Burg zurück. Denn Ihr müsst wissen: Der
braune Graf brachte mich um das Recht, dort zu wohnen. Er riss mein kleines
Vermögen an sich und tötete meinen weisen Uhu, der mir große Zauberkraft und
Stärke verlieh. Seither hause ich in dieser elenden Hütte und muss dem
Bösewicht für wenige Tacken dienen, wenn ich nicht verhungern will.”
Mit großer Bestürzung vernahm die Prinzessin die Geschichte des Alten. „Wie
kann ein Mensch nur so schreckliche Dinge tun”, sagte sie mitleidig.
Noch einmal versicherte Marenga, es werde alles zu ihrer Zufriedenheit verlaufen.
Beim Abschied sagte er:„Komm morgen Abend zur Obstwiese.”
Zuversichtlich kehrte die Prinzessin in den kaiserlichen Palast zurück.
Zur Burg auf dem Fledermausfelsen gehörte eine Obstwiese. Wenn Äpfel und
Birnen die Reife erreicht hatten, fielen sie zu Boden und verfaulten. Den braunen
Grafen kümmerte es nicht.
Diese Wiese war der Lieblingsplatz des Apfelschimmels.
Hier legte die Prinzessin immer eine Rast ein, wenn sie vorüberritt.
Bonny ließ sich dann das Fallobst schmecken. Erst wenn die Stute genug hatte,
war sie bereit, weiter zu traben.
So sollte es auch am nächsten Abend geschehen.
Marenga kam der Reiterin bereits entgegen. „Majestät, gleich werdet Ihr ein
Schauspiel erleben, wie es seinesgleichen sucht.” Ein verschmitztes Lächeln
zeigte sich auf seinem Gesicht.
Kira stieg vom Pferd und Benny machte sich daran, das Fallobst zu verspeisen.
Die Prinzessin blickte um sich, doch ihr fiel nichts Außergewöhnliches auf.
„Hört genau hin, Majestät”, empfahl der Zauberer.
Da drang eine wütende Stimme an ihr Ohr. „Maaareeenga, hol mich hier wieder heraus!”
„Das ist Nordogs Stimme, aber ich sehe ihn nicht”, sagte Kira verwundert.
Marenga zeigte unter einen Baum.
Der braune Graf saß dort in einem verfaulten Apfel. Mühsam zwängte er sich als
Wurm mit brauner Kapuze durch die matschige Masse ans Tageslicht und schrie
den Zauberer an: „Was zum Teufel ist in dich gefahren? Sieht so ein Geist aus?”
Marenga grinste schadenfroh. „Nordog, ich verstehe nicht, warum du dich
aufregst? Du wolltest doch, dass ich dich in den Apfelschimmel hineinbringe!
Jetzt sitzt du mitten im Schimmel drin. Worüber beschwerst du dich?”
„Du schwerhöriger Trottel, ich meinte das Pferd der Prinzessin!”
Nun lachte Marenga laut. „Sollte ich mich so verhört haben?”
Er zwinkerte der verdutzten Kira zu und flüsterte: Ich weiß genau, was ein
Apfelschimmel ist! Aber meine vorgetäuschte Dummheit gab mir die Möglichkeit,
diesen habgierigen und gewissenlosen Bösewicht endgültig zu vernichten.
Der Wurm mit Kapuze wand sich in dem fauligen Apfel und kreischte mit der
Stimme Nordogs: „Sofort machst du deinen vermasselten Zauber rückgängig!”
„Da hast du Pech”, höhnte Marenga. „Du bist kleiner als eine Maus, da versagt
meine Zauberei. Warum hast du meinen weisen Uhu getötet? Der hätte Rat gewusst!”
Während Nordog wütete kam eine Schwalbe geflogen, zog ihn aus dem
schimmligen Apfel und verfütterte ihn an ihre gerade geschlüpften Kinder.
Marenga aber, wurde von Kaiser Nikolaus mit dem Grafentitel geehrt und erhielt
die Burg als Eigentum. Von nun an war er in der feinen Gesellschaft von
Carthoga hoch angesehen.

 

© By Sissy Gross