Der Fischer vom Teufelssee


Vor sehr langer Zeit lebte einst der Fischer Ole mit seiner Tochter Hedy und
seiner zweiten Gemahlin Olga am Ufer des Teufelssee. Daraus, so erzählte eine
Legende, sollte der Teufel vor mehr als hunderttausend Jahren sein Unheil über
die Erde verbreitet haben. Der Fischer glaubte nicht an solche Hirngespinste,
denn schließlich lebte er schon sein ganzes Leben an seinem geliebten See.
Seine bescheidene Holzhütte bot ihnen nur wenig Platz. Da Ole keine
besonderen Ansprüche ans Leben stellte, war er zufrieden. Die Mutter des
Mädchens verließ schon vor Jahren den Fischer und ihr Kind, weil sie glaubte, zu
Höherem geboren zu sein.
Er vergingen sechs Jahre voller Arbeit und Verzicht. Dann eines Tages, verliebte
Ole sich in die schöne junge Olga, ohne zu ahnen, wer sie eigentlich war. Sie
gab vor, für Ole eine gute Hausfrau, Gemahlin und Mutter für seine Tochter zu
sein. Aber der Alltag sah anders aus. Der Fischer liebte sein kleines Mädchen
über alle Maßen. Doch in Olga kochte die Eifersucht hoch, wenn sie Hedy auf
dem Schoß ihres Vaters sitzen sah.
Nachts, wenn Olga nicht schlafen konnte, spazierte sie alleine zum Teufelssee
hinunter und blickte aufs Wasser. Hin und wieder warf sie einen Stein hinein und
führte Selbstgespräche. Oder redete sie mit jemandem? Nur der Himmel wusste,
(hier ein Komma) welche Gedanken ihr durch den hübschen Kopf gingen.
Unzufriedenheit machte sich in Olga breit. Täglich klagte sie nun über ihr Los.
"Ole, nichts, aber auch gar nichts kann ich mir leisten! Andere Frauen meines
Alters tragen teure Kleider und Gold! Warum habe ich nur dich armen Fischer
geheiratet? Eine alte Kräuterhexe sagte mir eine wunderbare Zukunft voraus.
Und nun hocke ich in deiner nach Fisch stinkenden Hütte und trage Schürze und
Hausschuhe. Meine Hände mag ich nicht mehr ansehen, sie sind rau und rissig.
Meine Haut ist fahl, die Haare stumpf! Ich werde dich verlassen!" Dabei blickte
sie dem Fischer zornig ins Gesicht.
Ihre harten Worte trafen ihn schmerzlich, doch er blieb still und verließ die Hütte.
"Und du kannst auch verschwinden!", fuhr sie das kleine Mädchen an, die ihrem
Vater folgte.
"Vater, schick doch die Olga fort! Die hat uns doch gar nicht lieb!"
Ole wusste nicht, welche Antwort er seiner Tochter darauf geben sollte. Wortlos
strich er ihr übers lockige Haar.
Von diesem Tag an stellte Hedys Körper das Wachstum ein. Ihr Appetit ließ nach
und das Kind blieb klein und schmächtig. Ole sorgte sich, aber Olga konnte nicht
mitfühlen. "Gib dein Kind fort, es wird doch niemals ein normales Leben führen
können. Welcher Mann nimmt so ein Mädchen zu seiner Frau? Ich aber würde
dann bei dir bleiben!"
Ole starrte Olga entsetzt an. "Hast du keine Angst davor, dass du für deine
Worte und Gedanken bestraft werden könntest?"
"Aber nein! Wer sollte mich strafen?", verteidigte sie sich, verließ die Hütte und
ging zum See.
Eines frühen Morgens, die Sonne schlief noch, ruderte der Fischer wie immer auf
den See hinaus, um sein Netz auszuwerfen. Wenn er Glück hatte und sein Netz
reichlich gefüllt war, dann konnte er genug Fisch verkaufen. Das ganze
Fischerstädtchen lebte von den Früchten der See.
Als er weit draußen war, sah er unheimliches, grelles, rotes Licht im Wasser an
der Oberfläche leuchten. Es bildete einen großen Kreis. "Was ist das?", fragte er
sich verwundert. So etwas sehe ich zum ersten mal!"
Ole ruderte näher, dann erschrak er. Das Wasser innerhalb des roten Kreises
blubberte, dampfte, nein, es kochte. Fische schwammen leblos auf dem Wasser
und Ole konnte sich dies nicht erklären. "Was mach ich nun?", rief er verzweifelt.
Heute kehre ich mit einem leeren Netz zurück?"
"Ich kann dir sagen, was du zu tun hast!", dröhnte eine Stimme aus dem See.
Bevor der Fischer antworten konnte, stieß ein Teufel aus dem Wasser an die
Oberfläche und setzte sich auf den Bootsrand. Die kleine, rote, hässliche Gestalt
mit Pferdefuß und Hörnern zappelte hin und her. "Ich weiß, du möchtest gerne
fischen! Ich habe sie alle vertrieben, bis auf die wenigen, die nicht weichen
wollten. Nun schwimmen sie gekocht auf der See. Wenn du glaubst, dass ich
deswegen traurig bin, dann hast du dich getäuscht. Ich liebe mein Werk!", schrie
er Ole ins Ohr.
"Was hast du davon? Was willst du von mir? Ich bin nur ein einfacher Fischer!"
Oles Stimme zitterte.
"Gib mir deine Tochter, dafür bekommst du reichlich Fisch. Wenn nicht, wirst du
den Fischfang einstellen müssen!", schrie der Teufel erneut und stampfte
fordernd mit seinem Huf auf den Bootsboden.
"Mein Kind bekommst du nicht, lieber verhungere ich! Außerdem ist sie noch viel
zu jung!", erwiderte der Fischer.
Der Teufel kniff ein Auge zu und zischte Ole an. "Zu jung? Nein, sie ist zwar
klein, aber im besten Mädchenalter. Mit einer großen Frau kann ich nichts
anfangen, die würde nicht zu mir passen. Mein Reich ist niedrig gebaut, darum
will ich deine Hedy!"
So schnell wie der auftauchte, so schnell war er wieder verschwunden.
Ole ruderte nach Hause, ihm war, als hätte er nur schlecht geträumt. Taumelnd
betrat er seine Hütte. Olga saß vor dem Spiegel, sie kämmte ihr Haar, als der
Fischer sich auf einen Stuhl fallen ließ. "Frau, du wirst mir nicht glauben, wem ich
begegnet bin!"
"So wie du aussiehst, sicherlich dem Teufel."
"Genau dem, aber woher weißt du das?", fragte Ole verwundert nach.
"Von ... von ... von niemandem!", antwortete sie hastig. "Das habe ich nur so
daher gesagt, weil dir jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen ist! Aber, wo
hast du deinen Fang gelassen?" , wollte Olga wissen.
"Es gab keinen Fisch, wir müssen den getrockneten essen!" Seine Stimme
bebte.
Olga hörte ihrem Gatten aufmerksam zu, als er von seinem Erlebnis berichtete.
Dann gab sie ihm den Rat, seine Hedy dem Teufel zu überlassen. "Willst du,
dass wir verhungern? Wenn wir keinen Fisch verkaufen können, dann gibt es für
uns auch nichts zu essen! Keine Früchte und Gemüse!"
Ole hielt es nicht mehr auf seinen Stuhl. Hochgewachsen wie er war, stand er
außer sich vor Olga.
"Du würdest also mein Kind für Nahrung eintauschen? Gehe du doch zum Teufel
und frage ihn, ob er mit dir vorlieb nimmt!"
"Wird er nicht, ich bin ihm zu groß!" Ihre Stimme wurde schrill.
"Ach so! Dass weißt du?"
"Ja!", lautete ihre knappe Antwort. "Wenn ich ihm deine Tochter bringe, macht er
mich reich und du bist dann einsam, weil ich nicht bei dir bleiben werde! Warum
wohl wächst deine Hedy nicht mehr?", rief sie dem Fischer nach.
Ole nahm sein Töchterchen bei der Hand und entfernte sich aus Olgas Nähe. Im
nahen Wald hatten sie ihren geheimen Platz, von dem wovon niemand wusste.
Ein Baumstumpf, der wie zwei Sitzplätze ausgehöhlt war, diente ihnen zum
Ausruhen und Gesprächeführen. Inzwischen war Hedy vierzehn Jahre alt, besaß
somit genügend Verstand, um ihrem Vater zu verstehen.
Der Fischer erzählte von seinen Sorgen und nahm dem Mädel das Versprechen
ab, niemals am Abend alleine zum See zu gehen.
"Vater, wir müssen Olga und den Teufel überlisten, ich weiß nur noch nicht wie",
sprach sie unter Tränen. "Könnten wir sie nur schrumpfen lassen!"
"Dazu sind wir nicht in der Lage", bemerkte Ole.
"Vater, ist dir nie aufgefallen, dass Olga in mancher Nacht das Haus verlässt?
Unsere Türe knarrt, nur darum habe ich es mitbekommen. Hinter allem steckt
diese böse Frau und wir können uns nicht helfen!"
"Ich aber! Und darauf freue ich mich schon lange!", sagte eine feine Stimme.
Hinter ihnen stand eine Fee, die alles mit angehört hatte.
"Du kannst uns helfen?", fragte die Kleine. "Kannst du zaubern?"
"Siehst du diesen Sternstab in meiner Hand? Damit kann ich tatsächlich zaubern,
weil ich eine Fee bin."
Hedy staunte, eine Fee hatte sie noch nie gesehen. "Wie lautet dein Name?"
"Viviane heiße ich und werde euch gerne helfen!", bot sie Vater und Tochter an.
"Der Teufel in unserem wunderschönen See ist mir schon lange ein Dorn im
Auge. hatte ich schon eine Weile ins Auge gefasst. Nur musste ich warten, bis
ich von jemandem einen Auftrag erhielt, euren Auftrag erhalte, etwas gegen ihn
zu unternehmen." Dann wandte sie sich Ole zu: "Deine Olga gehört zum Gefolge
des Fürsten der Finsternis. Sie hat sich auf sein Geheiß in dein Herz
geschlichen, weil er der Teufel Gefallen an deiner Tochter hat."
"Was hast du jetzt vor?", fragte Ole.
"Alles muss gut überlegt sein, uns darf kein Fehler unterlaufen, der Teufel lässt
mit sich nicht spaßen."
Hedy wollte noch eine Frage stellen, doch Viviane war spurlos verschwunden.
"Vater, ob die Fee schon einen Plan hat?"
"Das kann ich dir nicht sagen! Wir verhalten uns auf jeden Fall unauffällig, damit
Olga keinen Verdacht schöpft, dass wir etwas gegen sie im Schilde führen.
Gemächlich Hoffnungsvoll traten sie den Rückweg an.
Als sie die Fischerhütte betraten, stellten sie fest, dass all ihre Sachen
durchwühlt wurden. Olga war nicht mehr da. Ole meinte: "Kind, Olga hatte
sicherlich Gold und Taler bei uns vermutet, doch sie wird nicht fündig geworden
sein. Hoffentlich kommt sie niemals zurück."
Am nächsten Morgen ging Ole wehmütig zum See. Wie gerne wäre er hinaus
gerudert, aber selbst wenn, er hätte es nicht gekonnt. Der See war völlig
zugefroren und sein Boot von Eis umschlossen.
"Das kann nur Viviane gewesen sein!" Er ging in seine Hütte zurück, wo ihn
schon die Fee erwartete.
"Warst du am See?", fragte sie gleich.
"Ja, er ist zugefroren!"
"Nur mit Kälte war dieser Unhold zu vertreiben. Die böse Olga hat er
mitgenommen, weil sie außerhalb der Hölle nur in seiner Nähe leben kann",
klärte Viviane den Fischer auf. Außerdem habe ich sie zu einem Zwerg
schrumpfen lassen, ganz ohne Strafe wollte ich sie nun doch nicht
davonkommen lassen. Irgendwann wird der Teufel die jetzt winzige, aber immer
noch bösartige Olga aus seinem Reich verbannen."
"Dürfen meine Hedy und ich in Zukunft friedlich leben?", fragte Ole noch immer
ein wenig besorgt.
"Ganz bestimmt!", antwortete die Fee und nickte mit dem Kopf. sie dem
besorgten Ole."
Leise und zaghaft öffnete sich die Kammertüre und Hedy trat in die Stube. Aus
leuchtenden Augen blickte der Fischer seine Tochter an. "Liebling, du bist
gewachsen! Ich kann das kaum noch nicht glauben!"
Hedy und ihr Vater lagen sich glücklich in den Armen. lief ihrem Vater stürmisch
in die Arme.
"Ole, Hedy, ich muss mich von euch verabschieden, ich habe noch viel zu tun.
Ab morgen wirst du dein Netz immer zum Bersten gefüllt haben", sprach Viviane
lächelnd zum Fischer.
"Vater", sagte Hedy vor dem Schlafengehen. "Dieses Erlebnis werden wir wohl
nie vergessen."
Von da an lebten Ole und Hedy unbehelligt. Das Mädchen verliebte sich in einen
jungen Fischer und Ole schaukelte schon bald glücklich sein erstes Enkelchen
auf den Knien.

 

© By Sissy Gross