Der kleine Teufel in schwarzen Lackschuhen

 

 

Damon trat vor den Herrscher der Finsternis: "Vater, sieben Jahre, die ich seit meiner Geburt bei dir verbrachte, sind mit dem heutigen Tag vorbei!"
"Und? Was willst du mir damit sagen?"
"Eigentlich sollte ich ja nun die nächsten sieben Jahre bei meiner Mutter verbringen. Platthuf hat so was gesagt. Es gäbe da einen Vertrag. Aber, ich weiß so gar nichts von meiner Mutter. Wer und wie ist sie denn? Auch soll sie einen Fehltritt begangen haben. Bitte, erzähl mir von ihr!"
Satanas wollte ausweichen, wand sich wie ein Aal, doch nun konnte er wohl mit der
Wahrheit nicht länger hinter dem Berg halten: "So, so! Platthuf, dieser Dummschwätzer
hat dir wohl so allerhand erzählt! Na schön, hör mir zu! Sie ist ein gefallener Engel und lebt
zwischen Himmel und Hölle. Sie hatte sich unerlaubt aus dem Himmel entfernt und sich,
jung und naiv wie sie war, in mich verliebt! Dann wurdest du geboren. Eine Freundin
deiner Mutter legte dich vor den Höllenschlund mit einem Brief, indem mir mitgeteilt wurde,
dass Luzille, also deine Mutter, verbannt wurde. Wegen frevelhaftem Ungehorsam
verdorrte ihr ein Flügel und nun muss sie so lange warten, bis er durch irgendeinen
Zauber, oder was auch immer, wieder wächst. Erst dann darf deine Mutter wieder ins
Engelreich aufsteigen!"
Damon sah seinen Vater mit verwunderten Augen an und stotterte: "Ein Engel... darf sich
doch nicht... in einen Teufel verlieben!" Gleich darauf hatte er eine glänzende Idee: "Weißt
du was Vater? Ich gehe noch heute zur Mutter und helfe ihr. Vielleicht wird ja aus mir auch
ein Engel!"
Satanas lachte, dass die Hölle erzitterte: "Du? Ein Engel? Du bist zwar kein rechter Teufel,
aber ein Engel wird aus dir ganz bestimmt nicht! Und denke: Gutes tun ist schwieriger, als
böse sein."
Doch schnell lenkte der Höllenfürst ein, nicht etwa, weil er seinen Sohn besonders liebte.
Lieben kann ein Teufel nun mal nicht. Aber er wollte ihn auch nicht verlieren. "Nun gut!
Wenn du ein Rätsel löst, kannst du für immer bei deiner Mutter bleiben. Solltest du jedoch
versagen, bleibst du auf ewig bei mir. Dann werde ich aus dir einen richtigen Teufel
formen!"
Damon wusste nicht so recht, was er davon halten sollte, schließlich gab es ein
Abkommen. Immer sieben Jahre sollte das Teufelchen beim jeweils anderen Elternteil
verweilen. Vertrag ist Vertrag! Aber Satanas folgte seinen eigenen Gesetzen.
Der Kleine wartete ungeduldig darauf, zu erfahren, was sein Vater ihm aufbürden werde.
Der Höllenfürst grinste hinterhältig. "Mein Sohn! Dir ist sicherlich aufgefallen, dass du
schwarze Lackschuhe trägst, seit du laufen konntest. Inzwischen kleben sie an dir wie
eine zweite Haut. Ausziehen kannst du sie nicht mehr. Nun sollst du herausfinden, warum
das so ist. Und übrigens, wenn du die Hölle verlässt, sag dem Nebel vorher, wohin du
willst, sonst setzt er dich wieder ab, wo immer er will. Wäre nicht das erste Mal dass
Platthuf dich suchen muss. Hast du verstanden?"
Damon war gewillt, alles daranzusetzen, um bald bei seiner Mutter zu sein. Er fühlte, ein
Leben in der Hölle war nicht seine Bestimmung und so gingen die letzten Worte des
Vaters dem Teufelchen zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder ungehört hinaus.
In eine Nebelwolke gehüllt verließ Damon die Unterwelt, wieder einmal verträumt und
ohne zu ordern, wohin er eigentlich wollte. Wie soll ich es anstellen? Wen könnte ich nach
diesen verflixten Schuhen fragen?"
Es hatte ihn in einen Wald verschlagen, der eine ganz eigene und geheimnisvolle
Atmosphäre zu haben schien. Ziellos stapfte Damon umher. Die Sonne stand hoch, es war
heiß. Seine Hörnchen auf dem Kopf schmerzten, als ob des Teufels Großmutter ihn mit
Stricknadeln pieken würde.
"Was geschieht mit mir?", fragte er sich. Ging jedoch tapfer weiter.
An einer Weggabelung sprach ihn ein Reh an: "He, Teufelchen! Was machst du hier im
Wald?
Damon achtete weniger auf die Worte, vielmehr begutachtete er die schlanken Hufe des
Rehes und glaubte, nahe an der Lösung des Rätsels zu sein.
"Sage mir, Rehlein, du trägst schwarze Lackschuhe und wie es aussieht, kannst du sie
nicht ausziehen, warum ist das so?"
Das Reh sah ihn verwundert an. "Ich trage doch keine Lackschuhe. Das sind meine Hufe,
die pflege ich, damit sie stets glänzen. Aber, nun beantworte du mir eine Frage: Warum
wächst dir goldenes Haar gleich einem Engel?"
"So ein Unsinn. Mein Haar ist doch rot!"
Das Reh schüttelte den Kopf und huschte flink davon.
Das Teufelchen setzte seinen Weg fort. Da kreuzten zwei Kinder seinen Weg. Das
Mädchen trug ein Körbchen bei sich und blieb vor dem kleinen Teufel stehen: "Bist du
auch auf Beerensuche?"
"Nein", gab er zur Antwort. "Ich versuche herauszufinden, warum ich schwarze
Lackschuhe trage, die ich nicht ausziehen kann." Dabei sah er dem Mädchen auf die
Füße. "Warum trägst du schwarze Lackschuhe? Und kannst du sie ausziehen?"
"Na, du stellst komische Fragen! Ganz einfach, dies sind meine Lieblingsschuhe und
natürlich gehe ich nicht mit ihnen ins Bett. Aber was anderes! Sag mal, wieso hast du so
schönes goldenes Haar?"
"Seid ihr hier im Wald alle farbenblind? Mein Haar ist doch feuerrot!", gab Damon unwirsch
zur Antwort.
Das Mädchen hatte keine Lust mehr, mit so einem Kerl weitere Worte zu wechseln und
wandte sich ab. Der Junge gab Damon einen Rat: "Geh zum weisen Uhu, der kann dir
sicher weiterhelfen. Du findest ihn nach der nächsten Abbiegung rechts, oben in der alten
Tanne, an der ein Briefkasten hängt!"
Schon bald waren die Geschwister außer Sichtweite.
Damon stiefelte weiter und fand schließlich den weisen Uhu, der sich bei seiner Ankunft
erst einmal die Brille zurechtrückte. "Hast du dich verlaufen, oder bin ich dein Ziel?"
"Weiser Uhu, ich brauche deine Hilfe", begann der kleine Teufel. "Das Reh, auch das
Geschwisterpaar konnten mir bei der Lösung meines Rätsels nicht behilflich sein!"
"Das Geschwisterpaar? Ach ja, das waren sicher Hänsel und Gretel. Sie gehen gerne im
Märchenwald spazieren."
"Wo? Wie? Im Märchenwald bin ich also gelandet! Umso besser! Ich bin zu dir gekommen,
da ich ein Rätsel lösen muss. Außerdem sprechen mich alle auf mein Haar an. Was ist an
den roten Zotteln so ungewöhnlich?"
Der Uhu brachte ihm zunächst einen Spiegel, darin konnte Damon sehen, dass ihm
tatsächlich goldenes Haar wuchs. Nun erklärte der weise Uhu: "Dein Körper macht diese
Verwandlung durch, weil du nur zur Hälfte ein Teufel bist. Und was deine Lackschuhe
betrifft: Dir fehlt der Stolz eines jeden Teufels, nämlich der Pferdefuß. Deshalb musste dein
Vater dich in Schuhe stecken, die Hufen ähneln. Wenn sein Gefolge erfahren hätte, dass
deine Mutter ein Engel ist und du deshalb kein reiner Teufel bist, hätte man dich aus der
Hölle verbannen müssen, so will es das Gesetz. Doch wohin hättest du gehen können?
Mag der Höllenfürst sein wie er will, aber er mag dich. Du bist schließlich sein Sohn.
Vielleicht glaubt er sogar allen Ernstes, aus dir irgendwann doch noch einen rechten
Teufel machen zu können!"
Damon hatte verstanden. "Eine Frage hab ich noch. Herr Uhu, wissen Sie, wo ich meine
Mutter finden kann?"
"Auch das! Sie lebt bei dem kleinen Volk gleich hinter diesem Gebirge. Auf dem Weg dort
hin musst du stark bleiben und jeder Versuchung widerstehen, sonst wird es dir übel
ergehen. Hast du das Gebirge überwunden, wirst du deine Mutter finden. Nun mach dich
auf den Weg und vergeude keine Zeit!"
Damon bedankte sich und ging seines Weges. Mit einem Mal sprang ihm ein Zwerg vor
die Füße: "Na, Damon, hast du keinen Hunger oder Durst? Ich habe frisches Brot
gebacken, mit allerlei Kräutern drin. Wenn du davon gekostet hast, wirst du sofort vor
deiner Mutter stehen. Der mühsame Weg bliebe dir erspart!"
Und ob er Hunger hatte, einen Bärenhunger! Doch Damon blieb eisern und lehnte ab:
"Nein, ich muss weiter!" Bei diesen Worten fiel ein Hörnchen vom Kopf zu seinen Füßen
nieder. Zur gleichen Zeit war der Zwerg verschwunden.
Damon fühlte sich plötzlich so wohl in seiner Haut und marschierte guter Dinge weiter.
Am Waldesrand hockte ein altes Mütterchen und bot ihm frische Früchte an: "Greif zu,
oder hast du keinen Appetit? Koste davon, du wirst sofort bei deiner Mutter sein. Der
mühsame Weg bliebe dir erspart!" Ein fast unwiderstehlicher Duft ging von den frischen
Beeren und Äpfeln aus und schlich sich in Damons Nase. Noch rechtzeitig sah er den
Buckel und die knöchernen Finger der Alten, die wohl recht zu einer Hexe passten und
schüttelte entschlossen den Kopf: "Nein, ich muss weiter!"
Da fiel das andere Hörnchen vom Kopf vor seine Füße und die Hexe war verschwunden.
Im Märchenwald begann es zu dunkeln. Vor Damons Augen tauchte das Gebirge auf.
Einen Berg nach dem anderen überwand er mit einer Leichtigkeit, als wäre aus dem
kleinen Teufel ein Zauberer mit Siebenmeilenstiefeln geworden. "Wo ist dieser Weg denn
mühsam!" rief er laut, dass es über die Berge hallte und lachte dabei.
Bald hatte der kleine Teufel auch den letzten Berg überwunden. Da entdeckte er zwischen
Tannen ein Häuschen. Eine Frau mit engelhafter Gestalt, trat gerade aus der Tür, als er
anklopfen wollte. Mit nur einem Blick erkannte Luzille ihr Kind, nahm es in den Arm und
drückte es fest an sich. "Mein Junge! Wie hast du es geschafft, allein den Weg hierher zu
finden? Oh, ich bin überglücklich! Sieben lange Jahre sind ins Land gegangen und nun
bleibst du bei mir! Komm und erzähl mir, wie es dir ergangen ist."
Luzille hörte gespannt zu, mal lächelnd, dann wieder nachdenklich. Die Rede kam
schlussendlich auch auf die schwarzen Lackschuhe, die Damon nicht mehr auszuziehen
vermochte.
"Liebling, deines Vaters Zauber werden wir aufheben. Ich weiß von einem magischen See
hier ganz in der Nähe. Am besten, wir machen uns sofort auf den Weg, ehe dein Vater uns
findet."
Damon verstand ihre Worte nicht so recht. Aufmunternd zwinkerte ihm die Mutter jedoch
zu, nahm seine Hand und beide liefen zu besagtem See. Und siehe da: Kaum, dass
Damon im Wasser stand, lösten sich die schwarzen Lackschuhe von seinen Füßen und
wunderschöne Füßchen kamen zum Vorschein.
Plötzlich rauschte es in der Luft und der Höllenfürst stand neben den beiden mit einer
Schriftrolle in der Hand. Er lächelte Luzille an, da sie noch genauso schön war, wie er sie
kennengelernt hatte. Damon war überrascht, woher der Vater wusste, wo sich die Mutter
aufhielt. Doch ein Teufel weiß eben alles, genau wie Gott!
"Na, schön, Damon! Du hast gewonnen. Ich hatte gehofft, dass du den Weg hierher
niemals finden würdest. Da habe ich mich wohl gewaltig getäuscht. Platthuf hat mir Bericht
erstattet, dass du im Märchenwald gelandet bist und den weisen Uhu aufgesucht hast.
Damit hatte ich nicht gerechnet."
Dann wandte er sich an Luzille: "Wie ich unschwer erkenne, kann ich aus unserem
engelsgleichen Sohn wohl niemals mehr einen wahren Teufel machen. Behalt ihn für
immer bei dir und pass gut auf den Träumer auf. Ich wünsche euch alle Zeit verteufelt viel
Glück."
Mit diesen Worten zerriss der Fürst der Finsternis den Vertrag und fuhr mit viel Getöse
zurück in die Hölle. Luzille aber begann der verdorrte Flügel zu wachsen, da sie aus einem
Teufelchen ein Engelchen gemacht hatte.
Nach drei Tagen waren auch Damon wunderschöne Flügelchen gewachsen und er verließ
mit seiner Mutter den Märchenwald. Zwei Kometenschweifen gleich flogen sie eines
Nachts dem Himmel entgegen. Der Uhu rückte seine Brille zurecht, nickte lächelnd mit
seinem weisen Haupte und winkte ihnen nach.

© By Si    ssy Gross