Zeichnung: Jutta E. Schröder

                                                                                                    

 

                              

                                                                                                                                                      

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                         Der schwarze Palast hinter der Sonne

Einst regierte König Adelbert von Bravalon sein Land mit gerechter Hand. Dann büßte er

eines Tages bei einem Duell mit seinem Widersacher, dem abtrünnigen Grafen Malok,

sein Augenlicht ein. Dieser Graf war kein gerechter Mann, er kämpfte mit des Teufels

Waffen. Wohl wissend, dass er damit kein Duell verlieren würde. So schlug das Schicksal

im Königshaus erbarmungslos zu. Dem Höllenfürst genügte nicht, den Herrscher von

Bravalon erblinden zu lassen. Nein, er wollte ihn ganz und gar in seinem Dienste wissen.

König Adelbert wandte sich dem Guten ab. Obwohl dieses Geschehen viele, viele Jahre

zurückliegt, konnte er seinem Gegner, der auch nur dem Geiste Satans gehorchte, bisher

nicht vergeben. Verbittert und unzufrieden vertrieb er seine damalige Gemahlin, Königin

Marlene, aus dem Palast. Ihren gemeinsamen kleinen Sohn, den Kronprinzen Kuno, gab

er nicht aus seinen Händen. Trotz der Sehbehinderung des Vaters wuchs der Thronfolger

zu einem stattlichen, jungen Mann heran.

Der Herrscher der Finsternis behielt den König immer Auge. Bald darauf machte er ihm ein

verlockendes Angebot: „Armer König, was besitzt du noch außer deinen Sohn? Dieser

wird nicht ewig bei dir bleiben. Die Herrscherin hast du fortgejagt, blind bist du wie ein

Maulwurf, nur Einsamkeit umgibt dich. Deshalb schlage ich dir ein Geschäft vor. Ich gebe

dir so viel Augenlicht zurück, damit du erkennst, dass nur ich es gut mit dir meine!“

„Und was willst du dafür von mir? Du gibst mir doch nichts ohne Gegenleistung!“, stellte

Adelbert klar.

„Gib mir nur die Möglichkeit in deinem Land zu wirken. Du wirst mir dankbar sein, wenn

deine Einsamkeit verflogen ist!“

Der König konnte nicht sehen, dass dem Teufel vor lauter Vorfreude die Augen glühten

und sein Schweif zitterte.

„Na gut, zu verlieren habe ich ja nichts, nur wieder sehen können, dass wäre mein

Herzenswunsch.“ So bekam der König das Augenlicht vom Höllenfürsten, ohne zu ahnen,

worauf er sich einließ. Sein Sohn sollte nicht erfahren, dass der Vater wieder sehend war,

deshalb trug er stets schwarze Augengläser. Damit nahm das Unheil seinen Lauf.

Mit Argwohn und Sorge beobachtete der Prinz, wie sich das Königreich in eine Spielwiese

für Gesetzlose verwandelte. Rücksicht, Nachsicht, Mitleid sowie Herzlichkeit und

Ehrlichkeit wurden zu Gegnern seiner Gesinnung. Der König schaffte Ordnung und

Gesetzte ab. Ihn interessierte nur noch das Böse. Sein Volk konnte sich nehmen, wonach

ihm der Sinn stand. Diebe, Betrüger, Räuber und Wegelagerer fanden ihr Paradies in

Bravalon. Hauptsache Adelbert war nicht allein, denn auch im Schloss tummelten sich

derartige Gestalten. Jeden Tag holte der Hausdiener ein Fass Wein aus dem Keller, dass

bis auf den letzten Tropfen leergetrunken wurde. Dann lallte der König immer die gleiche

Anklage: „Ich hatte mein Land mit Ehre und Anstand regiert, bis das Schicksal gnadenlos

zuschlug. Womit habe ich es verdient, als ehrwürdiger König mit Blindheit bestraft zu sein?

Gut, dass der Teufel mir zu Hilfe kam!“ Dann torkelte er in sein Schlafgemach.

Prinz Kuno konnte sich den Verfall vom Vater und Vaterland nicht länger mit ansehen.

„Vater, mit den Zuständen in unserem Land bestrafst du unser Königshaus, sonst

niemanden! Weißt du eigentlich, was über die Grenzen hinaus über dich gesprochen

wird?“, fragte ihn der Prinz

„Nein, aber das stört mich auch nicht!“

„Ich werde es dir trotzdem verraten! Unser Königreich würde von Satan regiert, der würde

sich in Bravalon wie Zuhause fühlen!“

Adelbert lachte, verließ den Salon und Kuno blieb ratlos zurück.

Eines Tages geschah Unerklärliches. Ein nie dagewesener, schwarzer Palast stand auf

einer Anhöhe und ragte mit seinen mächtigen Türmen in den Himmel. Alle Fenster waren

rot erleuchtet, bei Nacht wie auch am Tage. Kein Untertan, auch nicht das Königshaus

selber, wusste oder hörte von der Errichtung dieses kolossalen Gemäuers. Wie durch

Zauberhand stand es plötzlich da. Prinz Kuno war sehr beunruhigt und trat zum König:

„Vater, der Palast dort oben ist größer und erhabener als unser Schloss. Irgendetwas

stimmt hier nicht! Und wie ist es möglich, dass kein Sonnenstrahl ihn erhellt?“

„Weil er hinter der Sonne steht.“

„Woher weißt du, wo der schwarze Palast steht?“

Der König stand regungslos neben seinem Sohn. Wie immer trug er seine schwarzen

Augengläser, weil ihn die Helligkeit schmerzte. Kuno war verdutzt, sah den König an, der

nur der Stimme seines Sohnes folgen konnte. Dann sah er, dass Adelbert nur hämisch

grinste. Ohne Erlaubnis des Königs nahm der Prinz ihm die Augengläser von der Nase

und erschrak: Was ist mit dir? Du bist ja gar nicht blind!“, schrie Kuno entsetzt. „Wie

konntest du Mutter und mich mehr als fünfundzwanzig Jahre lang belügen und betrügen?“

Adelbert sah seinen Thronfolger aus gelben, furchterregenden Augen an, dann lachte er

laut los: “Nun staunst aber, was? Blind bin ich nur für alles Gute, das Böse sehe ich klar

und deutlich. Es macht mir Freude mit anzusehen, wenn das Volk Krieg führt, sich hasst

und beneidet! Würde ich die Seite wechseln, stände ich in totaler Finsternis.“

„Ich kann nicht glauben, dass mein Vater so spricht!“, sagte Kuno enttäuscht. "Vater, sag

mir, wer im schwarzen Palast lebt!“

„Hast du wirklich keine Ahnung? Satan, mein Meister wohnt darin. Er will verhindern, dass

ihm Bravalon aus den Händen gleitet, wenn du den Thron besteigst.“

„Wie kann dieser Fluch gebrochen werden?“

„Sei nicht albern, mein Sohn, für mich ist er ein Segen, nicht ganz meine Sehkraft verloren

zu haben. Na und? Dafür habe ich dem kleinen Roten eine Bleibe auf Erden gegeben!

Diesen Plan hatte ich lange schon mit Satan geschmiedet. Deine Mutter hatte dafür auch

kein Verständnis, worauf ich sie dann fortschickte!“

Prinz Kuno wollte auf andere Gedanken kommen, sattelte sein Pferd und ritt los. Vor der

Anhöhe blieb er stehen, blickte zum schwarzen Palast hoch und sah einen Schatten, der

sich hinter den Fenstern bewegte. „Meinen Vater werde ich dir wieder entreißen“, sprach

er zu sich, dann ritt er weiter. Im Wald traf der Prinz auf eine alte, ergraute Frau, die sich

mit einem Rückenkorb abmühte. Dieser war mit Reisern prall gefüllt. Ihr Gang war

schwerfällig, ab und zu blieb sie stehen und wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von

der Stirne. Kuno fragte sie: „Mütterchen soll ich dich Heim bringen? Ich sehe, du hast

schwer zu tragen!“

Die Alte strahlte über ihr faltiges Gesicht. „Gerne, wenn es dir nichts ausmacht.“

So half er ihr aufsitzen und sie wies ihm den Weg. Vor ihrer ärmlichen Hütte drehte sich

Kuno nach ihr um und sah eine junge Frau hinter sich auf dem Pferd sitzen. „Wer bist du,

wo ist das alte Mütterchen?“

„Die Alte war ich!“, antwortete sie mit feiner Stimme. „Ich wollte nur sichergehen, ob du

immer noch der gütige Prinz bist, oder bereits unter dem Einfluss von Satan stehst. Ich bin

Lola die Glücksfee und wenn du möchtest, dann beenden wir diesen Spuk. Wir holen

deine Mutter zurück ins Schloss und dein Vater wird sein Augenlicht wiedererlangen!“

Kuno war sofort einverstanden, er ließ sich von Lola in ihren Plan einweihen. Eine ganze

Weile saßen die beiden auf einem Baumstumpf, während das Pferd sich am frischen Gras

genüsslich tat. Kuno musste versprechen, so lange zu schweigen, bis alles vorbei war und

Satan zurück in die Hölle fuhr.

Kuno brachte sein Pferd in die Box und schlich zum schwarzen Palast. So als würde er

bereits erwartet, öffnete sich die Pforte. Das rote Licht blendete ihn, trotzdem erkannte er

den Fürsten der Finsternis. „Ich möchte, dass du meinen Vater von deinem Geist befreist!

Was muss ich dafür tun?“, fragte Kuno.

Satan kniff seine Augen zusammen und erhob sich von seinem goldenen Sessel. Mit hohl

dröhnender Stimme lachte er ihn aus, dabei wippte er auf seinem Pferdefuß unruhig auf

und nieder. „Das wirst du nicht schaffen, niemand konnte mir bisher die richtige Antwort

geben! Aber wenn du unbedingt verlieren möchtest, dann spielen wir das Spielchen. Sage

mir, wozu bin ich nicht bereit?“

Kuno tat so, als müsse er angestrengt überlegen, denn Lola verriet ihm bereits des

Rätsels Lösung. „Satan kann nicht lieben.“

„Falsch, du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich mich selber liebe!“, wieder lachte er.

„Satan kennt kein Mitleid!“, so der zweite Versuch des Prinzen.

„Ich kenne kein Mitleid? Oh doch, ich bemitleide jeden, der nur Gutes im Sinn hat.“

„Lange kann ich den Höllenfürst nicht mehr hinhalten, sonst verliert er die Geduld“, war

Kunos Befürchtung.

„Jetzt habe ich keine Lust mehr, geh nach Hause. Morgen gebe ich dir noch eine letzte

Gelegenheit, solltest du es dann auch nicht schaffen, wird sich mein Geist auch in dir

bemerkbar machen!“

Kuno machte sich mit einem unguten Gefühl auf den Rückweg. Lola lief ihm entgegen, sie

wollte gleich wissen, wie der Besuch bei Satan ausging.

„Hoffentlich denkt er sich nicht noch eine andere Gemeinheit aus!“, befürchtete der Prinz.

„Nein, das wird er nicht. Außerdem bin ich auch noch da, dann werde ich ihn in einen Troll

verzaubern.“ Beide lachten bei dieser Vorstellung.

„Warum verzauberst du ihn nicht sofort?“, wollte der Prinz erfahren.

„Das geht so einfach nicht, erst muss dein Vater vom bösen Geist erlöst werden und das

kann nur Satan selber tun.“

Ganz früh am Morgen machte sich Kuno zum schwarzen Palast auf den Weg.

„Hoffentlich geht alles gut und ich habe den Vater zurück, den ich so sehr liebe“, sorgte er

sich.

Schon im Portal schlug ihm eine unglaubliche Wärme entgegen, die vom Feuer aufging,

das inmitten des Raumes loderte. Drumherum tanzten wild kleine Teufelskinder. Satan saß

erwartungsvoll in seinem Sessel, er säuberte seine langen Fingernägel und grinste Kuno

ins Gesicht. „Prinz, jetzt hast du große Augen bekommen. Alle diese Kleinen sind meine

Kinder und Nachfolger“, lachte er laut. „So, nun sage mir, was ich gestern von dir hören

wollte.“

Kuno beugte sich mutig zu ihm herunter und rief laut: „Satan kann nicht verzeihen!“

„Woher weißt du das?“, wollte der Teufel wissen.

„Das war einfach zu erraten. Mein Vater kann seit deiner Beeinflussung seinem

Widersacher nicht vergeben!“

Draußen wartete Lola auf die Rückkehr des Prinzen. Dann öffnete sich das Portal und

Kuno kam heraus. „Schnell weg hier!“, forderte Lola ihn auf. „Gleich wirst du erleben, was

passiert."

In rasender Geschwindigkeit baute sich der schwarze Palast ab. Alles war verschwunden,

so als wäre nichts gewesen. Kuno machte sich im Laufschritt auf den Heimweg. Der König

erwartete schon auf der Freitreppe seinen Sohn. Beide fielen sich glückselig in die Arme.

„Mein Sohn nun wird wieder alles gut!"

„Mit Sicherheit Vater, aber erst wenn du auch Mutter bittest, zu uns zurückzukehren!“

„Das brauche ich nicht mehr, sie wartet schon im Salon auf dich.“

So wurde Bravalon wieder zu dem, was es einmal war. Es herrschten wieder Gesetz und

Ordnung.

© By Sissy Gross