Zeichnung: Jutta E.Schröder

 

 

Der vertriebene Wind von Nebenland

 

Der Zauberer Avrakas hatte sich in den Kopf gesetzt, ein Land zu erschaffen,

ganz nach seinen Vorstellungen und Vorlieben. Sesshaft wollte er werden,

nicht mehr heimatlos umherziehen. Von der Welt hatte er genug gesehen, er

war zu Gast in allen Ländern gewesen. Nun war es für ihn an der Zeit, sich

ein schönes Plätzchen zu suchen, an dem er immer bleiben wollte.

„Sonnig? Ja genau, sonnig und heiß, so will ich es haben. Fruchtbarer Boden

ist mir auch wichtig, aber nur wenige Bäume. Ich mag keinen Schatten und

keinen Wind. Diesen würde ich vertreiben. "Nicht wahr, Gunda?‟ Damit

meinte er seine Kröte das einzige Wesen, das er in seiner Nähe ertragen konnte.

So machte sich Avrakas auf die Suche. Lange, lange war er unterwegs, mal

zu Fuß, mal durch die Luft. Als guter Zauberer konnte er eben alles.

Dann fand er Nebenland, ein Naturparadies, völlig unbekannt, aber wie

geschaffen für Avrakas. Hier fand er alles vor, was er benötigte, um mehr als gut

zu leben. Das fruchtbarste Fleckchen mit gesunden Tieren, sauberen Gewässern

und großem Fischbestand riss er an sich. Aber es hatte zu viele Bäume die dem

Sonnenschein in Wege standen und der von ihm so gehasste Wind blies

kräftig. „Das wäre ja gelacht, wenn ich es nicht schaffe, dieses Land so zu

formen, wie ich es haben will.‟, dachte er. Avrakas setzte seine Kröte nahe

am Teich ins Gras. Hier sollte sich die Dicke, wie er sie hin und wieder

nannte, bald heimisch fühlen.

 

Der Wind blies ihm tüchtig ins Gesicht, so als wollte er ihm seinen Zorn spüren

lassen. „Du bist der Erste der hier verschwindet!‟, rief der Zauberer wütend.

Zu schnell und unüberlegt setzte er seinen Plan in die Tat um. Mit

ungeheurem Blitzen und Donnern vertrieb er den Wind tatsächlich aus

Nebenland. Dieser war nun heimatlos.

Eine Menge Bäume ließ er durch Zauber mitsamt der Nester und der Vögel,

die nur in Nebenland brüteten, verschwinden. Der große Albatros sah von oben

mit Schrecken, was in Blitzgeschwindigkeit mit Nebenland geschah.                     

„Oh je‟, schrie er,  „eine Wüste hat Avrakas geschaffen! Ich muss sofort zur

Windhexe Klawinda; sie muss von irgendwo Wind  und Wolken herbeiholen.

 

Die Alte erwartete den großen Vogel bereits. Albatros rief schon von weitem:

„Klawinda! Schreckliches geschieht in Nebenland!‟ Er wollte ein einziges

Mal elegant landen, aber auch dieser Versuch ging wie alle anderen zuvor

daneben. Bäuchlings rutschte der Ungeschickte bis unter die Schaukel der Hexe.

„Gib es auf, mein Freund‟, kicherte die Windhexe. „Ihr seid Künstler in der

Luft, aber gut landen könnt ihr von Natur aus nicht. Ihr fallt auf den Schnabel

oder rutscht auf  euren Bäuchen ins Ziel! Tut das nicht weh?‟

Der Vogel schämte sich einmal mehr für seine Tollpatschigkeit.

„Albatros, ich weiß was in Nebenland passiert! Der Wind schoss an mir vorbei,

er konnte  nicht bremsen, aber er rief mir zu, Avrakas habe ihn davon gejagt.‟

„Und nun? Du schaukelst gemütlich in deinem Windbeutel und gedenkst

nicht daran, etwas zu unternehmen?‟, wunderte sich Albatros. „Ziehe deine

Windhose an und komm mit mir!‟

„Bleibe ganz ruhig!‟, erwiderte die Hexe. „Wer die Natur vernichtet, der

vernichtet sich selbst.‟

 

Der Wind indes war unermüdlich auf der Suche nach einer neuen Bleibe.

Zuerst führte ihn sein Weg nach Unterland. Hier bei den Brisen wollte er

nachfragen, denn bei ihnen ging es friedlich und ruhig zu. Der Wind war

aber zu kräftig für das kleine Land, er pustete die Brisen hinter einen Stein.

Die kleinen Winde baten ihn, ihr Land wieder zu verlassen Trotzdem bat er:

„Darf ich bei nicht bei euch bleiben? Der Zauberer Avrakas hat mein Land

in Beschlag genommen und mich mit Blitz und Donner verjagt.‟

Mit feinen Stimmen antworteten die Brisen: „Bei und bist du falsch, großer

Bruder. Sieh doch, wir sind nur kleine Windchen, du würdest hier in

Unterland doch alles wegpusten.

Der Wind sah sich um und musste feststellen, dass hier alles zierlich wuchs:

Die Bäume waren Bäumchen und die Pflanzen nur Pflänzchen. „Dann muss

ich weiterziehen‟; seufzte er, drehte sich und verschwand.

Der Wind traf auf Mittelland. „Mittelland! Warum eigentlich nicht? Ja, da

spreche ich jetzt vor‟, dachte er.

Mit einer starken Windböe wurde er empfangen. ‟Hier werde ich nichts

zerstören können, vielleicht bin ich hier willkommen‟, hoffte er.

Der Wind fragte: „Darf ich bei euch bleiben? Avrakas hat mich vertrieben,

nun bin ich ohne ein Zuhause.‟

Mit tiefer Stimme erkundigten sich die starken Böen: „Wie kommst du auf

uns? Du bist zu schwach, wie solltest du uns unterstützen? Unser Arbeit ist

sehr schwer.‟

Der arme Wind musst sich eingestehen, in dieser rauen Natur würde er sich

nicht wohlfühlen. Außerdem fehlte ihm für Mittelland die Kraft. So drehte er

wieder ab.

Oberland blieb ihm noch, aber was würde ihn dort erwarten?

Niedergeschlagen, fast schon mutlos startete er seinen letzten Versuch und

fragte auch hier: „Darf ich bei euch bleiben?‟

Mit lauten Stimmen dröhnten die Stürme: „Wie willst du hier bleiben?

Merkst du nicht dass du im Land der Orkane bist und dich in Lebensgefahr

begeben hast?‟

Oh je, diesen Kräften war der einfache Wind nicht gewachsen. Seine Augen

tränten, er wurde zurückgedrückt und falls er sich jetzt umdrehte, würde er

ziellos irgendwohin gefegt.

„Wir legen eine kurze Pause ein, damit du abdrehen kannst!‟, versprachen

die Stürme.

Der Wind fuhr sich über die Augen, betrachtete Oberland und dachte, dass

hier nur schroffe Felsen seien, keine grünende Natur und nur dunkle Wolken

am Himmel. „Ich kehre zurück und das ist gut so‟, sagte er sich.

Unterwegs pustete er ein wenig hier und ein wenig da, spielte mit den

Schmetterlingen und ließ die Schirmchen der Pusteblumen schweben.

„Ein freies Leben hat doch auch seine Vorzuge‟, seuselte der Wind aus

Nebenland.

 

Zwischenzeitlich war in Nebenland Folgendes geschehen:

Der Zauberer Avrakas gab sich der Völlerei hin. Die Sonne hatte ihm den

Verstand verbrannt. Unentwegt schlug er sich den Bauch voll, verschlang

Wald und Baumfrüchte in Hülle und Fülle, auch Fleisch und Fisch, soviel

wie er sich hineinstopfen konnte. Die Sünde des Zauberers an der Natur fand

ihre Strafe. Nach geraumer Zeit ging das frische Grün der Bäume in braunes

Trockenlaub über. Die Waldfrüchte verdorrten, die Waldtiere waren längst aus

Nebenland geflüchtet. Die Flüsse, Bäche und Teiche trockneten aus, kein Fisch

überlebte. Auch Avrakas Kröte Gunda lag vertrocknet am Boden des Teiches.

Der Zauberer hungerte und durstete. ‟Wasser!‟, rief er mit letzter Kraft. „Woher

bekomme ich Wasser? Warum regnet es nicht endlich?‟

Niemand war da, der ihm helfen konnte. Er wurde schwach, konnte weder stehen

noch sitzen. Abgemagert und ausgetrocknet lag er nun auf der Erde seines   

selbst erschaffenen Zauberlandes.

 

Der Wind aus Nebenland vergnügte sich mit einem Wasserspielchen, er pustete

in eine Pfütze und freute sich über die Wellen. Da rief Albatros nach ihm:

„Komm zurück in deine Heimat. Die Windhexe Klawinda sagt, die Sonne hat

den Zauberer besiegt!‟

„Ich komme!‟, rief der Wind freudig.

Klawinda wartete schon auf die Rückkehr der beiden. Am Boden lag der

ausgedörrte Avrakas und jammerte. Was der Wind sich in Nebenland ansehen

musste, stimmte ihn todtraurig. „Mein schönes Paradies wird sich niemals

erholen‟, flüsterte er.

„Doch, das wird es, wir helfen dir dabei. Sieh nur‟, freute sich die Windhexe,

„alle Winde die du aufgesucht hattest, bringen dir Wolken mit.‟

Selbst die kleinen Brisen waren mit Eifer bei der Arbeit. Der Wind staunte.

Albatros versicherte: „Wenn es ein paar Tage tüchtig regnet, dann werden sich

die Bäume wieder erholen. Die Waldtiere wollen auch wieder heimkehren.           

Was aber hast du mit Avrakas vor?

„Was wohl?‟ Der Wind sammelte seine Kraft und pustete den Zauberer weit

über die Berge hinaus.

„Der war leicht wie eine Feder!‟,lachte der Wind.

Nebenland brauchte einige Jahre, um wieder so zu werden, wie es einmal war.

Der Zauberer Avrakas landete in einem Fluss und wurde von mitleidigen

Fischern gerettet. Um sein Verbrechen zu sühnen, wurde er dazu verurteilt, einen

Wald zu pflanzen. Viele Bäume mehr als er Nebenland nahm, wurden nun von

ihm in die Erde gesetzt und Avrakas erfreute sich an deren Wachstum.

Die Erinnerung ein Zauberer zu sein, war ihm von der Sonne gelöscht

worden.

Bis weit über die Grenzen hinaus blieb die Sünde Avrakas an Nebenland

unvergessen. Die großen und die kleinen Winde schlossen Freundschaft: Einer

für alle und alle für einen.

 

 © By Sissy Gross