Zeichnung: Jutta E. Schröder

 

 

Des Ölprinzen grüne Armaniapferdchen

 

Im schönen, rauen Bastillien regierte König Onno mit seiner Gemahlin Königin Rasha. Das Schloss

Onnenburg stand auf einer Anhöhe, ganz so, als wollte es nicht übersehen werden. Die kleinen

Prinzessinnen Ira und Debby füllten es mit reichlich Leben aus.

Die Königin war für ihre Verschwendungssucht weit über die Grenze hinaus bekannt. Vor allem

die beiden Töchter wurden von vorn bis hinten verwöhnt. Das Volk, allesamt fleißige Handwerker

und Kaufleute, redeten bereits darüber. Alles Neue und Teure musste ihre Herrscherin besitzen.

Die Prinzessinnen Debby und Ira glichen zwei Püppchen. Mit in Schillerlocken gedrehtem Haar,

welches mit Schleifen verziert ward, tänzelten sie in edlen Seidenkleidchen daher.

„Ich sehe unsere Mädchen so werden wie ihre Mutter!“, seufzte König Onno leise in sich hinein.

Die Herrscherin war an diesem Morgen recht unruhig. Sie entfernte sich aus dem Speisesaal, nach

kurzer Zeit trat sie wieder ein, aber ein paar Minuten später war sie wieder verschwunden.          

Es  schien ganz so, als würde sie etwas nicht auf ihrem Stuhl halten. König Onno verfolgte sie mit

seinemBlick, stand dann auch auf und ging ihr nach. Im Salon sah er die Königin am Fenster

stehen, er trat hinter sie und unterbrach die Stille. „Liebes, wenn du so ruhig hier stehst, dann

hältst du sicher wieder Ausschau nach unserem Kurier?“

„Ja, du hast Recht, wie gut du mich doch kennst“, lächelte sie.

„Was hast du uns nun wieder angeschafft? Sieh doch mal in unsere Schlosskammer, was sich

inzwischen darin angesammelte hat. Lauter ungebrauchte Dinge, an denen du keine Freude mehr

hast. Ich hoffe, dass du irgendwann lernst, nicht alles Neue besitzen zu müssen, sondern nach

Sinn und Zweck zu entscheiden!“

Debby und Ira unterbrachen die Unterhaltung. Sie stürmten in den Salon und zogen am Kleid ihrer

Mutter. „Mama, wann sind denn endlich unsere grünen Almapferdchen hier?“, fragte Ira, die

jüngere Königstochter.

„Sie heißen Armaniapferdchen!“, verbesserte Debby altklug.

„Habe ich jetzt richtig gehört, hellgrüne Pferde lässt du kommen?“, fragte König Onno außer sich.

„Was soll denn dieser Unsinn! Ich fasse es einfach nicht!“ Mit diesen Worten verließ er

wutentbrannt den Salon.

Die Königin wandte sich ihren Mädchen zu: „Kinder, ich muss eurem Vater etwas erklären!“ Nun

verließ auch sie den Raum.

„Onno, so lass mich doch erklären!“, rief die Königin ihrem Gemahl nach. Der König sah sie aus

verärgerten Augen an, sie aber versuchte zu beschwichtigen. „Liebling, höre mir zu. Mich

erreichte ein Angebot des Ölprinzen Amed aus Durabien. Er bot mir grüne Armaniapferdchen für

unsere Prinzessinnen an, eine Weltneuheit, die es nirgendwo anders gibt.“

König Onno bekam beinahe einen Schreikrampf. „Wer reitet grüne Pferde? Bist du dir sicher,

richtig informiert worden zu sein? Mir hattest du die Nachricht wohl mit gutem Grund

vorenthalten!“

„Ja, ich bin mir ganz sicher! Stell dir vor, diese Pferdchen sind kleiner als Ponys, extra für Kinder.

Ich habe Bilder von ihnen gesehen. Außerdem sollen sie die Gesundheit fördern. Dies war der

ausschlaggebende Grund, warum ich sie einfach haben muss. Ich sehe unsere Mädchen schon

auf ihnen reiten, du wirst sehen, wie gut die Pferdchen ihnen tun werden!“

Wortlos entfernte sich König Onno und ließ seine Gemahlin stehen.

Das Personal konnte nicht an sich halten, die Neuigkeit von Schloss Onnenburg sprach sich wie

ein Lauffeuer unter dem Volk herum. Die Leute hielten Augen und Ohren offen, um die Ankunft

der grünen Armaniapferdchen nicht zu verpassen.

Im Onnenwald pfiffen die Vögel die Nachricht von den Bäumen. Auch der Waldschrat Glipsch

bekam Wind davon. Aufgeregt rannte er durch den Wald, fiel dabei einige Male auf die Nase und

rief dem Zwerg, der schon am Waldesrand auf ihn wartete, zu: „Klicky, unsere Prinzessinnen

bekommen kleine, grüne Pferdchen!“

„Erzähl doch nicht solchen Unsinn!“, rief er seinem Freund entgegen.

„Klicky, die Leute verbreiten doch keine Lügen!“, gab Glipsch keuchend zur Antwort, holte tief

Luft und setzte sich auf einen Baumstumpf.

Der Zwerg drehte seinen zotteligen Bart und überlegte: „Die Menschen züchten alles mögliche.

Aber von grünen Pferdchen habe ich noch nie etwas gehört!“

„Wären das nicht die passenden Reittiere für uns? Sie sind klein und gut für den Wald getarnt,

endlich könnten wir unsere Füße schonen. Ich werde sie uns holen!“, entschied der Waldschrat.

Klicky schüttelte den Kopf. „Wie willst du etwas besitzen, dass es nicht gibt?“

„Du wirst sehen, bald sind wir Pferdebesitzer!“, grinste Glipsch.

König Onno hatte sich inzwischen beruhigt. Er kannte seine Gemahlin und kam schließlich zu

folgendem Entschluss: „Alles Schimpfen hilft nichts, deshalb soll die Königin eines Tages selber zu

der Erkenntnis kommen, dass man nicht alles besitzen muss, was man sieht.“

Und dieser Tag sollte der morgige sein.

Glipsch hatte in dieser Nacht schlecht geschlafen, unruhig war er. Neben ihm in der kleinen

Steinhöhle schnarchte Klicky. Das Bächlein plätscherte, doch an diesem Morgen ging dem

Waldschrat alles auf die Nerven. Auch das Singen der Vögel.

„Heute wird etwas geschehen!“, sagte sich Glipsch.

Hoch im Baum saß ein Rabe, riss seinen Schnabel weit auf und verkündete laut krächzend: „Die

Pferdchen kommen, wenn die Sonne am höchsten steht!“ Dann flog er davon.

Glipsch sprang in Luft, so sehr freute er sich. „Ich wusste doch, dass an diesem Tag etwas

geschieht!“ Er konnte sich nicht mehr zurückhalten, rüttelte Klicky aus dem Schlaf und schrie ihm

ins Ohr: „Der Rabe ließ verlauten, dass unsere grünen Pferdchen eintreffen. Heute Mittag soll es

soweit sein!“

Klicky wurde wütend. „Lass mich mit diesem Blödsinn in Ruhe, ich möchte noch ein wenig

schlafen!“

Glipsch verließ die Höhle, schlug sich ins Gebüsch, um einen guten Aussichtsplatz zu suchen von

dem aus er den besten Blick aufs Königshaus hatte. Am Mittag wollte er sich auf die Lauer legen.

Im Schloss herrschte Trubel. Königin Rasha gab einen Empfang für die hohe Gesellschaft. Viele

Gäste wurden geladen, alle zu Ehren der grünen Armaniapferdchen. Schließlich sollten sie sehen,

was die Königin für ihre Töchter geordert hatte. Debby und Ira waren ganz aus dem Häuschen. Die

Wartezeit erschien ihnen länger als die am Weihnachtsabend.

Der Mittag nahte und Glipsch musste Klicky dazu überreden, mit ihm Ausschau zu halten. Außer

der Postkutsche war nichts Interessantes zu sehen. Der Kutscher brachte nur eine Kiste zum

Schloss. Glipsch war enttäuscht.

Plötzlich drangen zornige Schreie der Prinzessinnen bis zum Wald herüber und das laute Lachen

des Königs. Königin Rasha brach in Tränen aus und die zahlreichen Gäste verließen das Schloss.

Die Feier schien vorbei.

Die verwöhnten Prinzessinnen waren untröstlich. Ihre Mutter hielt zwei grüne Pferdchen aus

Zuckerzeug in den Händen. König Onno las den beiliegenden Brief des Ölprinzen Amed: „Die

Zuckerpferdchen enthalten grünes Armania, von denen die Mädchen zweimal täglich naschen

sollten, damit sie gesunde, junge Frauen würden. Außerdem …“

Der Brief einhielt noch weitere Zeilen, die König Onno nicht mehr beachtete, da er einen

Lachanfall bekam, der sein Gesicht rot färbte. Königin Rasha entriss ihm den Brief und warf die

Papierfetzen aus dem Fenster. Kurz darauf lief über die große Schlosswiese und schleuderte die

Pferdchen in hohem Bogen in den Wald, wo sie neben Glipsch und Klicky auf weichem Moos

landeten. Eines hob der Zwerg auf, sah zu Glipsch und lachte los. Er warf sich auf den Boden, hielt

sich das Bäuchlein und strampelte. „Glipsch, du Dummkopf, träum weiter und ich wünsch dir

einen schönen Ausritt!“

"Egal, nun haben wir eben was zu naschen“, gab er enttäuscht zur Antwort. Dann streckte er

seine Zunge raus und leckte an dem Zuckerzeug. „Klicky, die musst du probieren! So etwas

Leckeres habe ich bisher noch nie gekostet!“, rief er entzückt und schleckte ein zweites Mal. Doch

mit einem Male stiegen grelle Funken auf und Glipsch ließ das grüne Armaniapferdchen vor lauter

Schreck zu Boden fallen. Mit offenem Mund sah er zu, wie sich das Zuckerzeug in ein Pferdchen

verwandelte.

Klicky blieb das Lachen im Halse stecken, er schluckte und stammelte: „Glipsch, ich werde das

andere Pferdchen kosten!“

Nun besaßen beide ein Reittier. Solch glückliche Waldbewohner hatte es auf der Welt noch nie

gegeben. Zwerg Klicky entschuldigte sich beim Waldschrat Glipsch, da er über ihn gelacht hatte.

„Schon vergessen, Klicky, lass uns losreiten!“, lachte Glipsch und beide galoppierten auf ihren

grünen Pferdchen durch den Wald, ohne die Füße anstrengen zu müssen. Dabei fanden sie die

Papierfetzen des Briefes, setzen sie zusammen und fanden heraus, dass der Zauber jeden Tag für

drei Stunden anhielt. War diese Zeit vorüber, hielten sie wieder nur Zuckerzeug in den Händen.

Die grüne Farbe schützte sie prima vor jedweder Entdeckung. Noch nie zuvor wurde eine Leckerei

so sehr bewacht, wie die von Glipsch und Klicky. Das Geheimnis der grünen Armaniapferdchen

wurde von ihnen gehütet wie ein Schatz. Kein Vögelchen zwitscherte es hinaus.

Im Schloss kehrte wieder Ruhe ein. Der Königin war dieser Kauf eine Lehre, nicht alles Neue

besitzen zu müssen.

Die Prinzessinnen wuchsen auch ohne grüne Armaniapferdchen zu gesunden, jungen Frauen

heran.

© by Sissy Gross