Die Elfeninsel im ewigen Eis                                              

                 Zeichnung: Jutta E. Schröder

                                                               

 

Eine zauberhaft glitzernde Schneelandschaft umgab wie ein natürlicher Schutz ,die

Elfeninsel im Eismeer. Aus den Wolken, dort, wo der Eiswind zuhause war, bot sie

den Anblick eines kleinen Paradieses. Sonnig und warm herrschte das mildes

Klima, darum blühten auch nur hier die Honigblumen in goldenen Farben.

Honigelfen schwirrten munter umher, ließen sich den Nektar schmecken. Die Sonne

lachte den ganzen Tag, Regen fiel ab und zu nur in der Frühe, um die Blüten zu

reinigen. Manchmal meinte der Sonnenschein es zu gut. Wenn es dann den Elfen zu

heiß wurde, begann der Dienst des Eiswindes. Sacht blies über die Insel, bis die

Hitzewelle vorüber war. Die Elfen lebten in winzigen Häuschen hoch in den Bäumen.

Um alles Böse von ihnen fernzuhalten, wurden sie von den Feenzwillingen Liss und

Ziss beschützt. Bisher waren ihre Dienste nicht erforderlich, denn die Elfeninsel war

ein Kleinod des Friedens bis zu jenem Tag, an dem ein ungebetener Gast die Insel

betrat. Dem arglistigen Zauberer Yadinga wurde kürzlich zugetragen, dass die

schönsten Sterne am Himmel im Eisland erstrahlten. Und diese musste er besitzen,

egal wie. In seinem Land, das fernab von allem Schönen lag, blieb des Nachts der

Himmel schwarz. So sollte es überall sein, da er alles Schöne abgrundtief hasste.

Von seinem Freund, dem alten Sultan Fadl, erbte er einst einen fliegenden Teppich.

Fadl wusste um Yadingas Wunsch und versprach, dass sein Erbstück gewiss die

Sterne erreichen würde. Alles was der Zauberer mitnahm, war ein Stoffsäckchen mit

Zauberpulver und eine große Kiste, in der er die Sterne fortschaffen wollte. So

machte sich Yadinga auf die lange Reise hoch in den äußersten Norden. So

beschwerlich hatte er sich den Flug nicht vorgestellt. Die Kälte ließ den Teppich hin

und her schwanken, weil er durch den Frost schwer wurde. Des Zauberers

Zwirbelbart, der ihm fast zu den Ohren reichte, gefror zu einem spitzen Etwas. „Puh,

diese Reise werde ich nie vergessen!“, stöhnte er, als er endlich die Elfeninsel

erreichte hatte und gelandet war. „Mein Teppich ist steif gefroren, meine Füße

ebenfalls, auch mein Hinterteil wird nicht anders ausschauen!“ Krumm wie ein

Fragezeichen wälzte er sich er von seinem Reisegefährt ins weiche Gras. So musste

er liegenbleiben und warten, bis er auftaut war.

Es war Nacht, die ganze Insel lag im Schlaf und ahnte nicht, welch hinterlistiger,

ungebetener Besucher sie betrat. Yadinga schlich durch den Wald, wählte einen

geeigneten Baum, befestigte seinen Teppich als Hängematte zwischen den Ästen

und machte es sich bequem. Der Anblick, der sich über ihn bot, war grandios. So

viele Sterne hatte er bisher nirgendwo gesehen. Einer neben dem anderen strahlte

zu ihm herab wie von einem Dach aus Millionen von kleinen Lichtern. Der Mond

zeigte sich in Form einer riesigen Sichel. „Bin ich im Märchenland?“, wunderte sich

Yadinga. So schön, fast unwirklich, hatte er sich das Himmelszelt im Eisland nicht

vorgestellt.

„Das wird sich bald ändern! Möge mein Plan gelingen!“, grinste er gehässig und

schlief in freudiger Erwartung auf den nächsten Morgen selig ein. Hinter der

einzigen Wolke versteckt, wurde er vom Eiswind beobachtet, der kein gutes Gefühl

bei diesem fremden Gesellen hatte. Bauchweh meldete sich plötzlich, wie immer,

wenn Ärger bevorstand.

Mit dem Sonnenaufgang erwachten auch die Honigelfen und die Feen Liss und Ziss.

„Was hängt dort im Baum?“, fragte Ziss unangenehm überrascht, als sie das

Feenhäuschen im Wald verließ. Der Eiswind rief vom Himmel herab: „Dieser

seltsame Geselle hat sich wohl verirrt. Wir sollten ihm den Weg zurückweisen, aber

erst muss ich ein Schläfchen halten, denn ich habe ihn die ganze Nacht hindurch

beobachtet!“

Yadinga erwachte und erblickte die Feen. Gleich begann er schmeichelnd zu

säuseln: „Guten Morgen, schöne Fräuleins! Ein schönes Fleckchen bewohnt ihr

hier. Vor allem der Sternenhimmel lässt mich schwärmen.“ „Fremder, wie war es dir

möglich, unsere Insel zu finden?“

„Der Zaubervogel Plapper erzählte mir von ihr.“ „Dieser Schwätzer kann aber auch

nichts für sich behalten. Er weiß genau, dass wir am liebsten unter uns sind. Länger

als eine Nacht wollen wir keinen Gast bei uns wissen!“, stellte Liss missmutig klar.

Yadinga spürte, hier war er nicht willkommen, argwöhnisch wurde er und seine

große Holzkiste, die neben dem hängenden Teppich im Grase stand, betrachtet.

„Warum trägst du dein Haar unter der Nase und nicht auf deinem Kopf?“, fragte eine

kleine Elfen und lenkte so die älteren von ihrem Argwohn gegen den Eindringling

ab.

„Mein Kopfhaar wurde mir durch einen Brand genommen. Das Haar unter der Nase

ist mein ganzer Stolz!“

„Ein Zauberer! Oh je, nicht das!“, riefen die Elfen beängstigt und wichen zurück.

„Ich bin nicht von der bösen Gilde. Braucht vor mir keine Angst zu haben!“

Während er sprach, lächelte er hinterlistig. „Da ich nun mal hier bin, gestattet mir,

euer Paradies eingehend zu genießen, dabei die herrliche, frische Luft in meine

Lunge zu atmen, da ich bald wieder abreisen werde.“

Der Zauberer kam zu dem Entschluss, dass es ein Leichtes sein wird, die Bewohner

der Insel alle gleichzeitig zu bekämpfen. Die Elfen und Feen in Sicherheit gewiegt,

verabschiedete er sich höflich und schlug schnurstracks den Weg zur Wiese ein.

Einen aromatischen, süßen Duft verbreiteten die Honigblüten, doch darauf achtete

der Zauberer nicht im Mindesten. Er öffnete flink das Säckchen, das er um seinen

Hals trug, griff hinein und streute das Zauberpulver auf die Blüten. Scheinheilig

legte er sich dann in seine Hängematte, dabei stellte er sich schlafend, um auf das

zu lauschen, was eigentlich bald geschehen sollte. Aufregung unter den Bewohner

sollte Yadinga bald hellhörig werden lassen.

Einigermaßen beruhigt schwirrten die Elfen zunächst zur Blumenwiese, um ihr

Frühstück einzunehmen. Die Feen stärkten sich in ihrem Häuschen. Als die Elfen

und Feen zurückkehrten, um nach dem Zauberer zu sehen, sprach Yadinga

scheinheilig besorgt zu ihnen: „Warum liegen so viele Schmetterlinge und Bienen

am Boden?“

„Das darf nicht wahr sein!“, riefen die Elfen verzweifelt. Der Eiswind, noch lange

nicht ausgeschlafen, pustete eilig herbei, hielt allerdings einen gewissen Abstand

zur Insel, um sie nicht zu vereisen und murmelte vor sich hin: „Seit der Ankunft des

Fremdlings ist die Luft von Unruhe erfüllt. Dieser Kerl müsste streng bewacht

werden, aber erst muss ich mein Schläfchen halten, um zu Kräften zu kommen!“

Also legte er sich auf eine weiche Wolke und war trotz Bauchschmerzen schon bald

wieder eingeschlafen.

Die Elfen sammelten die Schmetterlinge und Bienen ein und legten sie in ein

Körbchen. Da fragten die Feen: „Stimmt etwas mit dem Nektar nicht?“ „Wir haben

doch heute Morgen auch davon gegessen!“, so die Elfen.

„Um ganz sicher zu gehen, nehmen wir alle eine Kostprobe. Mädels, nur eine Probe

nicht mehr!“, mahnten Liss und Ziss. So wurde es gemacht.

„Geschmacklich ist der Nektar unverändert, aber meine Zunge....!“, weiter konnte

Liss nicht sprechen und kippte ohnmächtig ins Gras. Nicht nur sie. Alle fielen um

wie tote Fliegen. Nun lagen sie da auf dem Rücken und alle Sechse von sich

gestreckt. Die Vögel stürzten sich auf das Körbchen und erfreuten sich an der

leichten Beute. Bald darauf schliefen auch sie ein. Ein Anblick, bei dem Yadinga das

Herz aufging. Endlich war die Luft rein, um seinen schändlichen Plan in die Tat

umzusetzen. Während der Eiswind seinen wohlverdienten Schlaf hielt, band der

Zauberer eilig den Teppich los, stellte die Kiste darauf und flog bis über die Wolken

vorbei am schlafenden Eiswind. „Dir wünsche ich süße Träume!“, lachte er

teuflisch. Dank seiner Zauberkraft fielen die Sterne einer nach dem anderen in die

geöffnete Kiste. „Es kostet mich keinerlei Mühe!“, freute er sich. Grimmig schaute

der Mond zu, der noch unsichtbar bereits am Himmel stand, bevor er später

aufgehen würde. „Dem üblen Burschen werden wir es zeigen. Der Eiswind weiß,

was zu tun ist. Dem gebe ich gleich Bescheid. Warum bin ich heute nur so müde?“

Aber das wurde er bei Aufregung immer, vergaß es nur jedes Mal, da er nicht mehr

der Jüngste war. Nach kurzer Zeit lag Yadinga wieder in seiner Hängematte. Die

Kiste mit den gestohlenen Sternen neben sich im Grase stehend, schlief er tief und

fest.

 

Der Abend nahte. Die Elfen und Feen erwachten aus ihrem ungewollten Schlaf, auch

die Vögel saßen wieder in den Zweigen. Noch etwas benommen setzten sich die

Bewohner der Elfeninsel auf.

„Wie konnte uns so etwas passieren, wo wir doch immer wachsam sind?“, empörte

sich ein Elfe.

„Nun ja, es ist vorbei und jetzt sehen wir nach, ob dieser Zauberer endlich

verschwunden ist“, schlugen die beiden Feen vor.

Die kleine, vorwitzige Elfe blickte zum Himmel und stieß einen hellen Schrei aus, als

sie nur nächtliche Schwärze sah und rief: “Wo sind unsere Sterne? Und wo sind

unsere Freunde der Mond und der Eiswind?“

„Ich bin ganz in eurer Nähe, musste nur warten, bis ihr munter wurdet. Aber nun

seid leise, denn ich habe vom Mond erfahren, was geschehen ist“, flüsterte der

Eiswind.

„Nun sag schon, was der Mond der beobachtet hat!“, zischte Ziss ungeduldig.

„Der Zauberer hat alles in den Schlaf versetzt, mein Schläfchen abgewartet und

dann stahl er die Sterne!“

„Wo ist eigentlich der Mond? Sein Licht wäre jetzt hilfreich, den ungebetenen Gast

zu finden“, jammerte eine Elfe.

„Oh, ich habe vergessen, ihm Bescheid zu geben, dass ihr wach seid. Momentchen,

das haben wir gleich“, flüsterte der Eiswind und kurze Zeit später lugte der Mond

hinter einer dicken Wolke hervor.

Liss drängte nun ungehalten: „Los Freunde! Worauf warten wir? Wir sollten schnell

etwas unternehmen!“

„Das machen wir ja auch! Zuerst lasse ich dem schlafenden Fiesling meine

Eiseskälte spüren, danach dürfen unsere Feen ihre Wut an ihm auslassen!“ Kräftig

blies der Eiswind dem Zauberer über den ganzen Körper. Nach und nach erstarrte er

zu einem Brett, ohne vorher wachgeworden zu sein. Die Feen betrachteten den

wehrlosen Yadinga und lachten laut los.

„Ich weiß, was aus ihm machen und dann war er wenigstens nicht umsonst hier!

Liss und Ziss, denkt an eure Ahnen, was sie einst taten! Das könnt ihr auch, denn

der Zauberer hat keine Kraft mehr zur Gegenwehr!“, jubelte die kleine, vorwitzige

Elfe und hüpfte übermütig um den Zauberer herum.

„Holt einen langen Holzpflock!“, sagte die Fee Liss belustigt und zwinkerten

wissend mit den Augen. Schnell machten sich die Elfen auf die Suche, wurden

rasch fündig und eilten zurück. „Dieser ist genau richtig!“, lobte Ziss. So wurde

Yadinga an den Pflock gebunden und zwischen die Honigblumen in den Boden

gerammt. Dann nahmen sich Liss und Ziss bei den Händen, vereinten ihre Kräfte

und der Zauberer wurde zu einer Vogelscheuche aus Stroh.

„Nun hat er die sinnvolle Aufgabe, den nächsten Yadinga abzuschrecken!“, stellte

der Eiswind lachend fest.

„Na bitte! Er sieht doch nun viel besser aus als zu Lebzeiten! Die alte

Vogelscheuche unserer Ahnen ist längst zerfallen. Nun haben wir einen neuen

Buhmann!“, lachte die kleine Elfe.

Die Feen besaßen nun einen fliegenden Teppich, den sie auch gleich nutzten. Flink

setzten sich Liss und Ziss samt der Kiste auf ihn und flogen gen Himmelszelt. Oben

angekommen,

öffneten sie die Kiste und die Sterne nahmen ihren gewohnten Platz wieder ein. Es

war ein unvergessliches Schauspiel für alle Bewohner der Elfeninsel im Polarmeer.

Vor lauter Freude, seine geliebten Himmelskinder wieder zu haben, schien der Mond

in dieser Nacht besonders hell. Gegen Morgen wusch der Regen die Honigblüten

rein und alles wurde wieder, wie es einst war.

© By Sissy Gross