Zeichnung: Jutta E. Schröder

Die falsche Königin von Argalan
 

Es war einmal ein König im fernen Argalan, der alles besaß, was ihn glücklich machte.
Narkan und seine Gemahlin, Königin Viktoria, regierten ihr Reich mit gütiger und
gerechter Hand.
Ihnen wurde eine gesunde Prinzessin geschenkt, welche sie auf den Namen
Friederike tauften.
Es schien, als sei ihnen das Glück fürs ganze Leben hold.
Doch nach wenigen Jahren ungetrübter Freude wurde die Herrscherin von einer
unbekannten Krankheit heimgesucht und König Narkan verlor in der Blüte seines
Lebens die geliebte Gemahlin.
Redlich bemüht, dem Kind die fehlende Mutter zu ersetzen, merkte der König
schnell, dass ihm dazu die erforderliche Zeit fehlte. Sein vertrauter, langjähriger
Diener Edward riet ihm des Öfteren zu einer zweiten Heirat: „Majestät, Ihr seid
noch jung! Wäre der nächste Ball nicht Gelegenheit genug, nach einer Gemahlin
Ausschau zu halten? Das Volk würde sich mit seinem König über eine neue
Königin freuen und unsere kleine Prinzessin hätte wieder eine Mutter.“
„Wahrscheinlich hast du Recht, Edward, doch für die Brautschau fehlt mir die
Muße. Du siehst doch selbst, dass mir meine Regierungsgeschäfte alles
abverlangen! Überlassen wir es dem Zufall!“
Und dieser hatte es besonders eilig.
Auf dem Ball lernte König Narkan die schöne Prinzessin Carla kennen und
verliebte sich in sie. Da sie auch die kleine Friederike durch ihre scheinbare
Herzenswärme zu erobern vermochte, sprach nichts dagegen, dass nach
wenigen Monaten im Schloss einen große Hochzeit stattfand.
So wurde aus der Prinzessin Carla die neue Königin von Argalan.
Das Königspaar teilte sein Glück auch mit dem jubelnden Volk.
Unerwartet zeigte Carla ihr wahres Gesicht.
Im Beisein des Königs war ihr Umgang mit Friederike stets fürsorglich. Sie las
der kleinen Königstochter jeden Wunsch von den Augen ab. Deshalb glaubte
Narkan, dass die neue Königin für ihn und seiner inzwischen sechsjährigen
Tochter die einzige Richtige sei. Doch sobald der er das Schloss verlassen
wollte, klammerte sich die Kleine an ihm fest und flehte: „Vater, bitte gehe nicht
fort, bleib bei mir!“
Der König tröstete sein Töchterchen liebevoll: „Ich kann nicht hier bleiben, Rieke.
Aber deine neue Mutter ist ja bei dir!“ Weinend ließ er das Kind zurück.
Friederike flüchtete in ihr Gemach.
Kaum war der Gemahl durchs Schlosstor geritten eilte Königin Carla zu ihrer
Stieftochter und ließ ihren Gefühlen freien Lauf. „Hör mir gut zu, du lästiges
Kind“, zischte sie böse. „Du bist mir im Weg, denn dein Vater samt allem was
sein ist, gehört allein mir! Ich, nur ich bin die Königin von Argalan! Glaubst du
etwa, ich lasse mir von dir auch nur einen Taler wegnehmen?“
Friederike zitterte vor Furcht, dennoch verteidigte sie sich zaghaft. „Ich nehme dir
nichts weg! Aber mein Vater gehört auch mir!“
„Dummes Ding! Du wagst es, zu widersprechen? Du wirst sehen, was du davon
hast! Und beschwere dich ja nicht bei deinem Vater über mich!“
Wuterfüllt verließ Königin Carla das Gemach der Prinzessin.
„Ich will meine Mama zurück!“, schluchzte das kleine Mädchen und schlief
weinend auf seiner Lagerstatt ein.
Hastig hüllte Königin Carla sich in ihren Mantel, verließ das Schloss und suchte
ihren Gesinnungsgenossen, den Zauberer Zappalex in seiner Hütte auf.
Er empfing sie grinsend. „Oh, die alte Pischka! So bald habe ich dich nicht erwartet.“
„Schrei nicht so herum! Soll uns einer hören? Und unterlass das Grinsen!“, keifte sie.
„Warum so aufgebracht?“ Zappalex grinste weiter.
Er kannte Pischka und machte sich nichts aus ihrer schlechten Laune. Hexen
waren nun mal nicht anders. Pischka warf den Mantel ab und entpuppte sich als
runzeliges altes Weib.
„Lass mir tief im Wald eine fensterlose Hütte bauen, dort, wo keiner sie entdeckt.
Ich brauche einen dunklen Ort, an dem ich mich von dieser lästigen Friederike
erholen kann.“
„Ah! Ich verstehe!“ Zappalex gab sich keine Mühe, seinen Spott zu verbergen.
„Die Kleine wagt zu widersprechen! Es geht dir nicht schnell genug, alles an dich
zu reißen! Aber was hilft dir dabei eine Hütte im Wald?“
Pischka schwieg. Sie war sich nicht sicher, ob Zappalex noch auf ihrer Seite war,
spräche sie von ihrem eigentlichen Vorhaben.
„Baust du die Hütte nun?“, lenkte sie daher erst einmal ab.
„Umsonst gibt es bei mir nichts! Was bist du bereit zu zahlen?“, knurrte der Zauberer.
„Noch habe ich ja nicht, was ich will, also musst du warten.“ Auch Pischka
verstand sich aufs Handeln.
„Gut“, lenkte Zappalex ein, „übermorgen hast du die Hütte. Aber du musst sie
nehmen, wie sie ist; du weißt ja, nur die Wurzelzwerge arbeiten noch für mich.“
Und eindringlich fügte er hinzu: „Danach ist es aus mit dem Wünschen, sonst
schicke ich dich dort hin, woher du kamst! Du bist jetzt Königin, was willst du mehr?“
Pischka war auf der Hut. Zuckersüß flüsterte sie: „Wenn du mir nur noch diesen
Wunsch erfüllst, nehme ich dich zum Mann, sobald ich Alleinherrscherin bin!
Dann sind wir beide reich.“
Zappalex kratzte sich nachdenklich den kahlen Schädel. Das Heiraten wollte gut
überlegt sein …
Pischka trat siegessicher den Heimweg an, nun wieder ganz die schöne Königin Carla.
„Schon übermorgen besitze ich alles, was mein Herz begehrt“, dachte sie und
ein böses Lächeln entstellte ihr Gesicht.
Ein jeder hätte der kleinen Friederike ansehen können, dass sie unter ihrer
Stiefmutter litt, doch der König und die Dienerschaft waren zu sehr mit ihren
eigenen Aufgaben beschäftigt. So fand sich niemand, der Königin Carla Einhalt
gebot. Diese zählte die Stunden bis zu ihrem großen Tag.
Derweil hämmerten die fleißigen Wurzelzwerge an der bestellten Hütte, fragten
sich allerdings, was der Zauberer damit vorhatte. Aber Zappalex schwieg sich aus.
An jenem verhängnisvollen Morgen versprach Königin Carla der kleinen
Prinzessin, sie werde ihr ein Hasenkind fangen, dass sie mit ins Schloss nehmen
dürfte. Nur müssten sie dazu in den Wald gehen. Friederike freute sich arglos
über die ungewohnte Freundlichkeit der Stiefmutter und folgte der listigen
Königin bereitwillig. Sie wanderten tiefer und tiefer in den Wald, von einem
Häschen war nichts zu sehen. Dann erblickte Friederike eine kleine Hütte und lief
freudig darauf zu.
Das kam der bösen Stiefmutter gerade recht. Ruck-Zuck stieß sie die Prinzessin
in den engen Raum hinein, warf ihr einen Brotkanten hinterher und verschloss die Türe. Ohne eine Spur von schlechtem Gewissen trat sie dann den Rückweg an.
Friederike schrie laut nach ihrem Vater und sogar nach der Stiefmutter, aber niemand hörte sie.
Als König Narkan an diesem Tag nach seiner Tochter fragte, wusste die Königin
sogleich eine glaubhafte Erklärung für die Abwesenheit des Kindes vorzubringen:
„Friederike war ungehorsam! Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ein Hasenkind
aus dem Wald zu holen und es hier im Schloss zu halten. Als ich ihr behutsam
beibringen wollte, dass dies nicht möglich sei, verließ sie das Schloss dennoch
Weggelaufen ist sie, einfach weggelaufen!“ Königin Carla spielte ihrem Gemahl
die Untröstliche vor.
„Wir müssen das Kind suchen lassen! Warum hast du das nicht sofort veranlasst?“, schalt er.
„Ohne dein Einverständnis wagte ich es nicht“, schluchzte die Königin scheinheilig.
„Ich hätte dich nicht für so dumm gehalten!“ rief der der König aufgebracht,
schickte sofort alle im Schloss auf die Suche nach Friederike und befahl seinen
Soldaten er, nicht einen Winkel im Königreich auszulassen.
Königin Carla glaubte, am Ziel zu sein. Sie rechnete damit, dass der König nach
dem Verlust seines einzigen Kind an gebrochenem Herzen sterben werde. Das
Schicksal der kleinen Prinzessin kümmerte sie nicht. Niemand würde das Kind finden.
„Und wenn doch, wird Zappalex mir sicher weiterhelfen!“, dachte sie. „Schließlich
will er mich zur Frau.“
Wie von ihr erhofft kehrten die Diener und die Soldaten ohne Friederike zurück.
König Narkan schloss sich in seinem Gemach ein und war von da an für keinen zu sprechen.
Vielleicht hätte Pischka weniger triumphiert, wenn sie geahnt hätte, was sich im Wald tat.
Die wissbegierigen Wurzelzwerge wollten unbedingt erfahren, warum und für
wen sie die Hütte im tiefen Wald gebaut hatten. Just in der Nacht nach
Friederikes Verschwinden machten sie sich auf den Weg. Die fensterlose Hütte
duckte sich einsam und unbewohnt im Unterholz. Seltsamerweise war die Tür verschlossen.
„Ich hatte sie offen gelassen“, versicherte Grossi, der Zwergenanführer.
„Hebt mich hoch, damit ich durch den Spalt da oben spähen kann“, sagte Winzi, der Kleinste.
„Das wird nicht reichen!“, stellte Mitti fest. „Wir sollten es machen wie die
Stadtmusikanten von Bremen: Einer steigt auf die Schulter des anderen.“
„Unser dicker Wurzel ist aber der Unterste!“, fordert Winzi. „Den möchte ich nicht
auf meinen Schultern haben!“
„Wir aber auch nicht!“, wehrten sich die anderen Zwerge. Jeder hatte nun zur
Reihenfolge einen anderen Vorschlag. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich
endlich einig wurden.
Winzi durfte natürlich an die Spitze, blinzelte durch den Spalt und bemerkte ein in
sich zusammengesunkenes, schlafendes Kind. Eilig turnte er an den Schultern
der anderen auf den Boden hinunter und berichtete, was er gesehen hatte.
„Wird seit heute nicht die Prinzessin Friederike gesucht? Das könnte sie sein“, flüsterte Mitti.
Winzi war dafür, sogleich dem König Bescheid zu geben, aber Grossi entschied:
„Wir sprechen zuerst mit dem Zauberer. Schließlich hat er die Hütte von uns bauen lassen.“
So kam es, dass Zappalex mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurde.
Aufgeregt zappelnd erzählten sie von ihrer Entdeckung und Grossi schimpfte
lauthals: „Es ist zum Bärte ausreißen, was du da anstellst!“
Der verdutzte Zappalex war plötzlich hellwach. „Langsam, langsam! Davon weiß
ich genichts“, wehrte er ab. Ungehalten über die Störung ließ der Zauberer die Zwergenschar eintreten.

Ein schlimmer Verdacht stieg in ihm auf. Deshalb hatte sich Pischka die Hütte
bestellt! Aber da war sie zu weit gegangen. Niemals sollte dem Mädchen ein Leid
zugefügt werden, nicht, wenn er es verhindern konnte.
Das war allein Pischkas Werk!“, sagte er laut.
„Pischka?“, wiederholten die Zwerge argwöhnisch. „Sag nicht, dass die schöne
Königin Carla in Wirklichkeit diese grässliche Hexe ist?“
„Doch! Ich habe den Fehler begangen, sie nach ihren Wünschen zu verwandeln“,
erklärte Zappalex verlegen. „Als Carla liebe ich sie! Und sie hat mir versprochen,
meine Frau zu werden, wenn ihr Gemahl gestorben ist …“
„… wenn sie ihn umgebracht hat“, berichtigten die Zwerge. „Seit wann glaubst du einer Hexe?“
Zappalex verstand es selbst nicht mehr.
Er weckte eilends seinen buckeligen Gesellen Naknak und schickte ihn mit einer
Einladung für Königin Carla ins Schloss.
Beunruhigt machte sie sich mit dem Buckligen auf den Weg. Was war so wichtig,
dass sie nachts zu Zappalex gerufen wurde?
Als sie bei ihm eintraf, säuselte sie zuckersüß: „Mein Lieber, was darf ich für dich tun?“
„Nichts“, knurrte er, „aber ich tu etwas für dich.“
Aus den Fingerkuppen seiner gestreckten Hand schossen grelle Blitze und aus
der schönen Carla wurde wieder die runzelige Pischka. „Zurück mit dir ins
Hexenhäuschen!“, schrie er sie an und schon war sie verschwunden
Mit den Zwergen eilte er dann in die Waldhütte, sprengte das Schloss mit einem
Zauberspruch, nahm die schlafende Prinzessin auf den Arm und brachte sie ins
Schloss zurück.
Der König konnte sein Glück nicht fassen. Und damit seine Tochter ihr
schlimmes Erlebnis vergessen konnte, bekam sie zu guter Letzt doch noch ein
Hasenkind.
Die Waldhütte wurde abgerissen und Zappalex vom König reich belohnt.
Von nun an wohnte er im Schloss als Berater des Königs Narkan von Argalan.
Pischka verkroch in ihrem Häuschen. Keine Hexe würdigte sie eines Blickes, seit
sie ihren Freund, der Zauberer verloren hatte. Eines Tage war sie für immer
verschwunden.
Friederike wuchs heran, wurde eine Schönheit und heiratete einen Prinzen.
Der König aber blieb bis zu seinem Lebensende ohne Gemahlin.

 

© By Sissy Gross