Zeichnung: Jutta E. Schröder

 

                                                                               

                                    
 

Die Hexe und das Kind mit den blauen Füßen

 

Die blutjunge Hexe Kirindy stieg eines Tages mit einem Kindlein im Arm von ihrem

Besen. Mit großem Erstaunen und Köpfe schüttelnd wurde sie im Hexendorf empfangen.

„Kirindy,  was hast du wieder angestellt, woher hast du dieses Kind?", fragte ihre

Schwester Kunda.  „Bist ja wohl nicht plötzlich Mutter geworden?"                                  

„Doch bin ich!", antwortete die junge Hexe hochnäsig. „Ihr alle wisst, dass dies immer

mein Herzenswunsch war!"                                                                                                

„Aber ohne Hexer, oder hast du etwa heimlich ein Ei gelegt?", lachte die Oberhexe

Cheffa.

Kirindy errötete, sie wusste nur mit einer Lüge käme sie aus der Zwickmühle. „Ich kann

doch hexen und dieses Mal hat es endlich geklappt!"

Alle waren neugierig, öffneten die Wickeldecke und sahen in ein niedliches Gesicht. 

Kunda glaubte ihre Schwester bei ihrer größten Schummelei erwischt zu haben. „Ach

Schwester, sieh dir doch das Kind einmal genauer an, so schön schaut kein Hexenkind

aus. Du solltest uns die Wahrheit sagen. Bring das Kind am besten schnellstens zurück!"

„Jetzt tut mal nicht so, als wäret ihr gute Geschöpfe. Wir sind doch alle mit dem Teufel

im Bunde. Aus euch spricht nur der Neid!", verteidigte sie sich.

„Lasst sie doch machen, was sie will!", rief Cheffa zur Ruhe auf. Die Hexen gingen

naserümpfend wieder ihren Beschäftigungen nach.

 

Im Blauen Kaiserpalast zu Glassburg herrschte Trauer und Verzweiflung. Der kleine

Kronprinz Ferik wurde von der Palastwiese gestohlen. Sein Kindermädchen Urma war

einen Augenblick unachtsam. Sie schlief über ihrem Buch im Sessel ein, während ihr

Schützling in seiner Wiege schlummerte. Nun stand sie schuldbewusst vor dem jungen

Kaiser Marius und seiner Gemahlin Kaiserin Mary. Tränen liefen der Herrscherin wie

Rinnsale die Wangen herab und tropften auf den kostbaren Bodenbelag, während der

Kaiser seiner Wut freien Lauf ließ: „Urma, wie konnte das geschehen? Du bist ab sofort

aus unserem Dienst entlassen!"

Kaiserin Mary erlitt einen Nervenzusammenbruch, der den kaiserlichen Leibarzt

herbeieilen ließ.

„Majestät, das Kind muss bald gefunden werden, sonst bricht unserer Herrscherin das

Herz und Ihr seid dann ein viel zu junger Witwer!"

Dem Kaiser wich jegliche Farbe aus dem Gesicht. Er zitterte und nutzte die nächste

Sitzgelegenheit.

 

Zugleich im Hexendorf war Kirindy in Not. Das Kind wollte nicht aufhören zu weinen.

„Was soll

ich nur tun?", fragte sie hilflos ihre Hexenschwestern, so nannten sie sich alle in der

Gemeinschaft. „Hunger und Durst wird es haben. Du solltest es füttern!", riet ihr Cheffa.

„Das habe ich versucht, aber es nimmt keine Nahrung an!"

„Wer weiß, woher du das Kind hast, vielleicht ist es besseres gewohnt. Nicht jedes

Wesen mag Hexensuppe und Insekten!", meinte Kunda.

„Aber das Kleine darf mir nicht verhungern. Es zittert, wahrscheinlich ist ihm kalt.

Sollten wir nicht Feuer machen?", jammerte Kirindy.

„Im Hochsommer wirst du doch wohl kein Feuer machen wollen. Soll unser Wald

verbrennen?" Kirindy wandte sich dem Kind zu und wickelte es aus. Dann ein Schrei, der

die Vögel auffahren ließ.  „Hexenschwestern, das Kind hat blaue Füße! Kann es sein,

das es schon halb erfroren ist?", schrie sie  entsetzt. Cheffa befahl ihr eindringlich:

„Bring das Kind zurück, du weißt ja, woher du es genommen hast! Oder lege es in den

Wald. Die Tiere werden es fressen und dann ist wieder Ruhe."

Doch Kirindy weigerte sich. Lieber ging sie zum Zauberer Radox. „Radox, bitte hilf

mir!"

„Wobei soll ich dir helfen? Den Rat deiner Hexenschwestern nahmst du nicht an. Nun

stehst du vor mir mit einem fremden Kind. Machst du dir keine Gedanken darüber, wie

viel Leid du über seine Eltern bringst?"

„Nein, warum? Ich wollte ein Kind haben, das später in die Hexenzunft aufgenommen

werden sollte!"

Der Zauberer stand auf, beugte sich über seinen alten Tisch und sah Kirindy starr in die

Augen. „Dir ist doch bekannt, dass ich nicht mit dem Teufel im Bunde stehe. Ich befinde

mich auf der anderen Seite, dem Gegenteil von Hass und Unheil."

Die Hexe begann vor Nervosität zu schwitzen und versuchte dem Zauberer schmeicheln:

„Lieber Radox, gerade deswegen komme ich zu dir. Du hast ein gutes Wesen und wirst

mir meinen Wunsch nicht abschlagen, dieses Kind zu heilen. Es friert sich blau und

verweigert die Nahrung."

Radox nahm ihr das Kind aus dem Arm und wickelte es aus der Decke. Auch er sah die

blauen Füße des  Winzlings und bekam einen Wutanfall: „Das darf doch nicht wahr sein!

Ist dir bewusst, wen du gestohlen hast?"

„Ich ..ich..ich habe nicht gestohlen. Das ist mein eigenes Kind!", versuchte sie sich

rauszureden.

„Lüge mir nicht ins Gesicht!", schrie er die verdutzte Hexe an. „Diese blauen Füße

verraten dich, den Kronprinzen aus dem blauen Palast an dich genommen zu haben. Du

bist eine Diebin und unser Herrscher  wird dich nicht so einfach davonkommen lassen!"

Als Radox`s Wutausbruch vorüber war, klärte er die  ahnungslose Kirindy auf: „Alle

Nachkommen des Kaiserhauses haben bis zu ihrem sechsten Geburtstag blaue  Füße. Diese sollen sie vor Dieben schützen, weil sie auffallen und die Thronfolger somit

unverwechselbar sind.  Blaublüter nennt man die Adligen, doch vor dir schützen nicht

einmal blaue Füße. Oder?"

„Was soll ich nun machen?", fragte die Hexe eingeschüchtert. „Ich habe versucht, die

blauen Füße wegzuhexen, aber das ist mir nicht gelungen, deshalb bitte ich dich um

Hilfe!"

„Du wirst das Kind zurückbringen. Die Nahrung, die es braucht, kannst du ihm nicht

geben. Oder willst du, dass es stirbt? Der Zauberer beobachtete die Hexe aus den

Augenwinkeln und bemerkte ihre Verzweifelung. Oh nein! Dem Kind wollte sie keinen

Schaden zufügen, das erkannte er. Deshalb fuhr er beschwichtigend fort:  „Außerdem

glaube ich, du bist gar keine richtige Hexe, denn so bösartig wie deine Hexenschwestern

bist du nicht. Überlege dir, ob du nicht ein besseres Leben führen willst. Du bist noch so

jung, dein ganzes Leben liegt  noch vor dir. Dabei würde ich dir gerne helfen, nicht aber

beim Kinderdiebstahl!"

„Radox, wahrscheinlich hast du Recht, im Kreise der Hexen fühle ich mich nicht wirklich

wohl. Manchmal  erwische ich mich bei dem Gedanken, eine rechte Familie zu haben."

„Gut, das ist schon Mal ein Anfang, also zaubere ich dich zu einem hübschen Ding und

alles Weitere kommt von  allein! Nur diesen Zauber kann ich nicht rückgängig machen,

das heißt, dass du nie wieder in die  Hexengemeinschaft zurückkehren kannst. Bist du dir

dessen bewusst?"

„Aber ja!", rief sie freudig, ihre Augen strahlten wie Himmelssterne, so leuchten keine

Hexenaugen.

„Als erstes gib dem Kind etwas Milch, damit es zur Ruhe kommt!", riet der Zauberer.

 

Das Herrscherpaar wartete auf die erlösende Nachricht, dass ihr kleiner Prinz gefunden

wurde. Im blauen Palast herrschte absolute Stille, nur die schwere Standuhr tickte und

jede Stunde schallte der laute  Gong durchs Portal.

Kaiserin Mary lag in ihrem Bett und weinte sich die Augen aus, als ihr Gemahl sich zu ihr

setzte. „Liebes, ich werde mich zu Radox aufmachen. Es könnte ja sein, dass er uns

helfen kann!" Mary nickte  schwach.

Der Kaiser ließ eine besondere Kutsche vorfahren und inmitten einer Staubwolke

verschwand sie samt dem Herrscher. Wiehernd blieben die Schimmel kurz darauf vor

Radox`s Haus stehen. Der Kaiser entstieg der Karosse und klopfte an die Tür. Der

Zauberer bat ihn einzutreten, schob ihm einen Stuhl zu und schaute in die Augen eines

vor Sorge vergehenden Vaters.

„Radox, bitte hilf uns den Thronfolger, meinen Sohn zu finden! Wir sind am Ende unserer

Kräfte. Meine  Gemahlin droht zu sterben!"

„Ich habe bereits davon gehört. Wie aber sollte ich Euch helfen können? Meine

magischen Kräfte sind

begrenzt und Euren kleinen Prinzen kann ich beim besten Willen nicht herbeizaubern!"

Der Kaiser wischte sich eine Träne der Enttäuschung fort, als plötzlich ein hübsches

Mädchen mit einem  Kindlein im Arm vor ihm stand. „Majestät, ich gebe Euch den

Kronprinzen zurück und bitte um Vergebung."  Dabei drückte sie den Kleinen an des

Vaters Brust.

Kaiser Marius schluckte, er konnte nur mit Mühe seine Freudentränen unterdrücken.

Kirindy fasste sich ein Herz. Sie beichtete dem Kaiser ihr Vergehen, auch warum sie

diese Untat begangen  hatte. Seine Freude überwog dem Ärger und er reichte der jungen

Frau die Hand. „Wenn du Kinder so gerne  hast, warum kommst du nicht einfach mit mir?

Unsere Kinderfrau haben wir entlassen. Was sagst du dazu?",  lächelte der Kaiser.

„Ja, ja, ja!", rief sie und fiel dem Zauberer Radox um den Hals. Warum sie das tat, blieb

deren Geheimnis.

Nie erfuhr das Herrscherpaar von einer Hexe Kirindy.

Ab sofort nannte sie sich Melly, führte ein Leben als glückliche, junge Frau und später

auch als Mutter.

Kaiserin Mary erholte sich schnell. Sie erkannte bald, ein besseres Kindermädchen

hätte der Kaiser nicht finden können.

© By Sissy Gross