Zeichnung: Jutta E. Schröder

Die Muschel der Nibors


Meereskönig Nibor hatte durch eine Meeresseuche viel zu früh seine Gattin,
Königin Lor, verloren. Nun trug er allein die Verantwortung für seinen Sohn Prinz
Trison und seine Tochter Prinzessin Isibill.
In Nibors Schloss, auf dem Grund des Meeres, sollte längst Hochzeit gefeiert
werden. Doch Trison dachte nicht daran, seine Freiheit gegen Frau und Kinder
einzutauschen.
Isibill hingegen war sehr verliebt in den Prinzen Alatan aus dem Meer der
Träume. Gern hätte sie mit ihrem Liebsten dort gelebt, doch sie durfte nicht vor
ihrem Bruder das väterliche Schloss verlassen. So lautete das Gesetz des
Königs.
Eines Tages trat Isibill vor den Meereskönig. „Vater! Sollen Alatan und ich denn
warten, bis ich alt und grau bin?“
Nibor legte den Arm um seine Tochter und sprach tröstend: „Kind, du bist erst
117 Jahre alt. Sieh mich an! Trotz meiner 312 Jahre habe ich auch keine Frau.“
„Aber du hattest Mama und hast uns, deine Kinder!“
Sie wusste, dass Sire, Alatans Schwester, sich in Trison verliebt hatte, deshalb
fragte sie ihren Vater: „Warum ehelicht mein Bruder nicht Sire?“
„Weil sie ihm nicht gefällt", gab der Vater zur Antwort.
Die Prinzessin schüttelte betrübt ihren hübschen Kopf. „Ihm wird nie eine
gefallen und ich muss mit der Hochzeit warten, bis ich alt bin. Dann sieht mich
keiner mehr an!“
Hoffnungslos entfernte sie sich, verließ das Schloss und machte sich auf den
Weg zu ihrer Freundin, der Nixe Lillibeth. Ihr klagte sie alles Leid, doch auch sie
konnte nicht helfen.
König Nibor bewahrte in einem Kästchen eine Muschel auf, den Brautpreis für
Trisons zukünftige Gemahlin. Diese würde er dem Vater der Braut überreichen.
Die Muschel, in der eine besondere blaue Perle schlummerte, galt als die
kostbarste ihrer Art und war nur in Nibors Meer zu finden, weshalb sie auch 'die
Muschel der Nibors' genannt wurde. Täglich nahm der König sie aus dem
Kästchen und putzte sie.
„Wie viele Tage oder Jahre werde ich dich noch pflegen müssen, bis Trison
endlich zu einer Hochzeit bereit ist?“, seufzte er dabei leise.
Der Prinz aber vergnügte sich lieber mit anderen Jünglingen seines Alters in
fremden Gewässern. Erst spät in der Nacht fand er jedes Mal den Weg zurück
ins Schloss.
Isibill hingegen war eine brave Tochter, die ihrem Vater bisher keine Sorgen
bereitet hatte. Doch, dass sie ihn so frühzeitig verlassen wollte, stimmte den
Meereskönig traurig.
Eines Tages war das stets verschlossene Schatzkästchen leer. „Wo ist die
Muschel? Wer hat sie gestohlen?“, schrie der Meereskönig außer sich vor Zorn.
Nur alle 99 Jahre konnte eine solche Muschel geerntet werden. Sie war daher für
Nibor ein unvorstellbarer Schatz und ein schmerzvoller Verlust für das gesamte
Königshaus, denn mit ihrem Verschwinden gingen Ehre und Ansehen verloren.
Der Meereskönig rief nach Trison und Isibill. „Wer von euch entnahm die
Muschel und verschloss danach scheinheilig das Kästchen?“
„Vater!“, verteidigte sich Trison entsetzt. Wie könnte ich dich bestehlen?
Außerdem wissen Isibill und ich gar nicht, wo du den Schlüssel aufbewahrst!“
Der Vater zog die Brauen zusammen, Zorn sprühte aus seinen Augen. „Keine
Muschel - keine Hochzeit! Und du willst ja nicht heiraten, nicht wahr, mein
Sohn?“
Dann blickte er Isibill an und sprach ernst: „Nun zu dir, meine Tochter! Bist du
vielleicht die Diebin, weil du nicht schnell genug das heimatliche Schloss kannst?
Denkst du etwa: Wenn Trison nicht heiraten kann, weil die Muschel
verschwunden ist, dann werde ich es tun? Nun, diese Rechnung hast du ohne
mich gemacht!“
Tränen erstickten Isibills Stimme, als sie sagte: „Vater, was hältst du eigentlich
von uns?“
Zu tiefst enttäuscht eilte sie aus dem Raum.
„Das hast du nun davon!“, murmelte Trison vorwurfsvoll und entfernte sich
ebenfalls.
Isibill war so verletzt, dass sie ihrem Vater fortan aus dem Weg ging.
Nibor hingegen war bemüht, den Dieb oder die Diebin zu finden. Zuerst befragte
er seine Wachen, die Schlosshaie, doch keiner hatte einen Fremden bemerkt,
der ins Schloss eingedrungen war. Dann ließ er die Putzerfische zu sich
kommen. „Majestät, wir haben so viel Arbeit, bis alles glänzt und blinkt. Im
gesamten Schloss sind wir am Werk, doch uns ist nichts Außergewöhnliches
aufgefallen!“
Isibill weinte sich wie gewöhnlich bei ihrer Freundin Lillibeth aus. Zum allerersten
Mal blieb sie über Nacht fort. König Nibor machte sich schwere Vorwürfe, denn
nach einer Aussprache mit Trison war ihm sein Fehlverhalten bewusst geworden.
Erst gegen Morgen machte sich die Prinzessin auf den Heimweg. Sie kam an
ihrem Lieblingsplatz vorbei, der Lagune der Nibors. Hier war sie Alatan, ihrem
Liebsten, zum ersten Mal begegnet.
Zwischen schroffem Gestein blickte Isibill in den Meerestunnel hinein und wurde
im selben Augenblick von einem Licht geblendet, das heller strahlte, als sie je
eines zuvor gesehen hatte. Sie schirmte die Augen mit den Händen und erkannte
einen Lichtkranz. Die Prinzessin ging näher heran und erblickte die Gestalt ihrer
geliebten Mutter. In den Händen hielt sie die Muschel der Nibors, lachte und
sprach: „Meine liebe Tochter", sie sprach weiter. "Heute Nacht möchte ich euren
Vater hier in der Lagune treffen. Sagst du ihm das?“
Isibill wollte eilen und ihre Mutter in die Arme nehmen. Doch es gelang ihr nicht,
sich von der Stelle zu bewegen.
„Ja“, hauchte sie. Weitere Worte brachte sie nicht über die Lippen.
Das helle Licht erlosch und ihre Mutter war verschwunden. Der Meeresboden
gab Isibill wieder frei, doch die Beine wollten ihr nicht recht gehorchen. Torkelnd,
vom Fieber geschüttelt, erreichte sie schließlich das väterliche Schloss.
Sichtlich in Sorge stand der König auf der Freitreppe und hielt Ausschau nach
seiner Tochter. Er bemerkte sofort, dass mit Isibill etwas nicht stimmte und ging
ihr entgegen. Weinend fiel sie ihm in die Arme.
Nibor trug seine am ganzen Körper zitternde Tochter ins Schloss. Dort bat er sie
um Verzeihung.
„Kind, ich war außer mir, so blind vor Wut! Aber glaube mir, es wird sich alles
aufklären.“
Nur zu gern nahm Isibill seine Entschuldigung an. Als sie sich wieder gefangen
hatte, berichtete sie dem Vater von ihrem sonderbaren Erlebnis. Er hörte
aufmerksam zu, sagte aber nichts.
Als es an der Zeit war, drängte er sie, zu Bett zu gehen und legte sich selbst zur
Ruhe.
Mitten in der Nacht schreckte Nibor auf und erinnerte sich, dass seine
verstorbene Gattin Lor ihn zu sich bestellt hatte. Eiligst machte er sich auf den
Weg.
In der Lagune blieb er überrascht stehen. In der Nähe bildete sich ein Lichtkranz.
Er dachte: „Es ist, wie Isibill es erzählte.“
Das immer greller werdende Licht schmerzte in seinen Augen. In der Helligkeit
formte sich in Nebel gehüllt, das Bild der toten Meereskönigin Lor. Nibor ging
näher, doch sie gab ihm das Zeichen, stehen zu bleiben. Ernst blickte sie ihn an,
öffnete ihre Hände und zum Vorschein kam die kostbare Muschel.
Der König sprach zu ihr: „Ich habe dich so sehr geliebt. Dass du mich je
bestehlen würdest, hätte ich nicht von dir gedacht!“
„Ach, Nibor!“, hörte er die Stimme der Erscheinung, „ich will dir die Muschel
doch nicht wegnehmen. Gern sollst du sie zurückhaben, wenn du für unsere
Kinder nur mehr Verständnis zeigen würdest. Trison, unseren Sohn, drängst du
zu heiraten, obwohl er gar nicht dazu bereit ist und Isibill muss mit der Hochzeit
warten! Warum? Es ist doch gleich, wer zuerst Hochzeit hält. Hauptsache ist,
dass die Kinder glücklich sind!“
Nibor wollte antworten, doch Lor ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Du musst
nichts sagen, ich sehe alles, was geschieht, in den ewigen Fischgründen. Nun
geh heim und denk über meine Worte nach!“
Das Licht erlosch und der König stand allein in der Lagune.
Der Morgen graute schon, als Nibor das Schloss erreichte.
Seine Tochter lief ihm entgegen. „Vater wo warst du?“
„In der Lagune. Hast du vergessen, dass deine Mutter mich dort treffen wollte?“
„Nein, gewiss nicht!", entgegnete sie. „Aber du warst viele Stunden weg.‟
„War ich das?“, erwiderte Nibor in Gedanken versunken.
Am nächsten Morgen und in den Tagen darauf schaute der König immer wieder
in das Schatzkästchen. Doch Lor hatte ihm die kostbare Muschel bisher nicht
zurückgelegt und zwang ihn so zum Nachdenken über ein sinnloses Gesetz.
Bald darauf wurden Trison und Isibill zu ihrem Vater gerufen, der ihnen
verkündete: „Ich möchte euch glücklich sehen und nicht mehr mit meinen
eigenen Gesetzen im Wege stehen. Mir sollte es nicht so wichtig sein, wer von
euch zuerst Hochzeit feiert."
Die Geschwister waren erleichtert über den Sinneswandel des Vaters und
versprachen, dem Königshaus Nibor keine Schande zu bereiten.
Isibill gedachte dankbar ihrer Mutter, durch deren Eingreifen sie nun endlich die
Frau an Alatans Seite werden durfte.
Am nächsten Morgen lag die Muschel der Nibors wieder in ihrem
Schatzkästchen.
Und irgendwann, nach wer weiß wie langer Zeit, wurde sie dem Vater der Braut
überreicht, die Trison sich endlich doch auserwählt hatte.

 

© By Sissy Gross