Die Tränen der Sterne    

 

Einst regierte der Schneekönig Eishard sein weites Reich Frostawien. In glitzernder Schneelandschaft, hoch oben im Norden stand zwischen mächtigen Eisbergen sein prächtiger Palast aus Eis. Der treue Diener Frostwin war seit vielen Jahren darauf bedacht, es seinem Herrscher an nichts fehlen zu lassen. Eine große Zahl von Schneeelfen, angeleitet von der Sternenfee Cometa, sorgten für die nötige Reinlichkeit der Gemächer.
 

Weit draußen auf dem fast menschenleeren Gebiet hatte Väterchen Frost seine
Bleibe. Er bewohnte das größte Iglu, das je gebaut wurde. Seine Aufgabe bestand
darin, alles mit Schnee zu bedecken und die Luft eisig zu halten.
Eines Abends trat der gute Frostwin an seinen König heran: „Majestät, es tut Euch
nicht gut, den Rest des Lebens einsam in dieser Einöde zu verbringen!“
„Nun, welche Prinzessin verirrt sich denn hierher, welche Frau würde gerne in
einem Schloss aus Eis an meiner Seite leben wollen? Nein ich bin zufrieden, so wie es ist. Meine Untertanen sind nur wenige Eisfischer mit ihren Familien und
Verwandten, hier herrscht Frieden. Es gibt keine Kriege und Unruhen, die mein
Reich erschüttern könnten so wie im Rest der Welt. Deshalb mache ich mir darüber keine Gedanken!“, erwiderte der Schneekönig und trat ans Fenster seines
Gemaches wie jeden Abend. Sein Diener nickte schweigend.
„Sieh nur Frostwin, wie wunderschön die Sterne leuchten! Nirgendwo ist man ihnen so nah wie hier“, sprach Eishard leise und bemerkte nicht, dass sich seine Augen vor Rührung mit Tränen füllten.

 

Eine lange, schöne Zeit ging dahin. Doch dann geschah Unglaubliches in des
Königs Idylle. Die Eisberge begannen zu schmelzen, der Schnee wurde zu Wasser, das Eismeer stieg an und drohte das Land zu überschwemmen. Der Nachthimmel blieb schwarz. Schneekönig Eishard beobachtete das alles, geriet in Panik und jammerte: „Frostwin! Wo sind meine Sterne hin?“ Er rief alle Schneeelfen zu sich. „Wie kann dieses Unheil abgewendet werden? Wenn mein Palast auch zu Wasser wird, dann sind wir dem Untergang geweiht! Wir werden alle im Eismeer zu Tode kommen!“
Die Schneeelfen zuckten verängstigt mit ihren Schultern. „Majestät, wir wissen
nicht, was zu tun ist!"
„Frostwin, sattle eines unserer Eispferde und mache dich auf den Weg zu Väterchen Frost. Hoffen wir mal, das er Rat weiß!“
Der Diener nickte ergeben und war gerade auf den Weg zum Pferdestall, da klopfte
es laut an die Palasttüre. Draußen stand sehr erregt Väterchen Frost und sprach
forsch: „Melde unserem Herrscher, dass ich meinen Dienst nicht länger verrichten
kann! Trotz größter Anstrengung kann ich das Eis nicht erhalten, der Eiswind hat
aufgegeben und liegt heiser in seinem Bett. Zu allem Übel strahlt kein Stern vom
Himmel. Verlaufen werde ich mich, ja verlaufen! Hast du mich verstanden? Nun lauf schon!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, stampfte Väterchen Frost schweren Schrittes
davon. Grimmig schimpfte er vor sich hin: „Um alles muss ich mich selber
kümmern! Na ja, unserem König und der Dienerschaft ist wohl der schwarze
Himmel noch nicht aufgefallen.“
Väterchen Frost saß nun in seiner Eishöhle. Das Überlegen fiel ihm schwer, da das
aufdringliche Tropfen des Schmelzwassers ihn keinen klaren Gedanken fassen ließ.
„Hilft alles nichts! Mir bleibt nur der Weg zum Zauberer Challamok, auch wenn ich
ihm nicht willkommen bin. Im Grunde kann ich ihn ja auch nicht leiden. Aber in
schlimmen Zeiten müssen auch Zankäpfel zusammenhalten.“
Eiligst machte er sich auf den Weg. Ein Glück, dass der Schneematsch doch noch
ein wenig die Dunkelheit erhellte und er den Weg zum Zauberer ohne sich zu
Verlaufen fand. Schon stand Väterchen Frost vor dem großen, wärmenden
Blockhaus des Zauberers, der an dem bebenden Gang seinen Besucher bereits erkannt hatte.
„Du brauchst gar nicht erst an meine Türe zu klopfen, deine Kälte lässt mich
erfrieren! Sage mir, was ich für dich tun kann, denn mein Gehör ist außerordentlich
gut!“, rief er laut.
„Das habe ich mir schon gedacht, dass du mich wieder draußen stehen lässt!“,
antwortete Väterchen Frost verärgert. Dann teilte er dem Zauberer seine Sorgen mit.
„Verlangst du, dass ich zu den Sternen fliege? Wie soll ich denn dort
hingelangen?“, fragte Challamok unwirsch.
„Ich denke du kannst zaubern, also auch fliegen?“, foppte Väterchen Frost den
Hexenmeisten und grinste hämisch.
„Ich bin ein Zauberer und keine Hexe. Uns Zauberern ist das Fliegen unter unserer
Würde“, belehrte ihn Challamok in hochnäsiger Manier.
„Dann muss ich mir etwas anderes ausdenken“, sprach Väterchen Frost enttäuscht.
„Unser König sollte uns helfen, doch sein träger Diener reagierte nicht auf meine Worte!“
„Sicherlich warst du wieder ungeduldig! Wie so oft konntest du die Antwort des
alten Frostwin nicht abwarten und bist gegangen! Daran trägst du alleine die
Schuld, nicht unser König!“, gab Challamok zu bedenken. Gerade als Väterchen
Frost den Rückweg antreten wollte, fiel ihm eine Sternschnuppe vor die Füße. „Wie kommst du denn hierher? Du bist sicherlich kein gewöhnlicher Stern!“
„Nein, bin ich auch nicht, ich bin eine Sternschnuppe!“ Dabei stand sie auf,
schüttelte den matschig gewordenen Schnee von ihren Zacken und sah sich um.
„Weißt du denn, wie du wieder in den Himmel gelangst?“, fragte Väterchen Frost weiter.
„Sicher doch! Mein Flügelchen hat mich heruntergebracht, es wird mich auch
zurückbringen“, erklärte sie.
„Kannst du mir sagen, was mit den Sternen geschehen ist und warum die Eisberge schmelzen?“ „Ja, ja!“, so die Sternschnuppe. „Die Sterne haben keine Freude mehr daran für die Menschen zu strahlen! Von oben können sie alles sehen und diese Bilder machten sie plötzlich unendlich traurig. Die Erdbewohner sind nicht mehr in der Lage friedlich zusammenzuleben, sie brandschatzen und morden. Das gibt Satan immer mehr Macht auf dieser doch eigentlich schönen Welt.“
„Wieso Satan? Ich habe ihn bisher noch nicht gesehen!“, bemerkte Väterchen Frost. Die Schnuppe berichtete weiter: „Hier oben in der Eiswüste wirst du ihm auch nicht begegnen. Der Teufel braucht Hitze, Feuer und viele Menschenseelen für sein vernichtendes Werk.“
„Von welchem Werk redest du?“, fragte Väterchen Frost aufgewühlt.
„Von Kriegen, Hass, Neid, Ungläubigkeit der Menschheit – kurz gesagt - dem
Weltuntergang! Daran hat der Teufel Freude, aber die Sterne weinen! Auch ich!
Unser Schein erlischt und aus unseren Tränen tropft das Salz auf die Eisberge,
dass sie nur so dahinschmelzen“, erklärte die Sternschnuppe und wischte sich
dabei eine Träne fort, eine andere fiel auf den Schuh von Väterchen Frost.
Erschrocken sah er zu, wie sie ein Loch in seine Stiefelspitze fraß. „Wieso denn nur das Salz ihrer Tränen?“
„Na, weil das Wasser von der Luft aufgeleckt wird!“, ergänzte sie Sternschnuppe.
„Deshalb schmeckt die Luft so ungewöhnlich salzig“, murmelte Väterchen Frost vor sich hin und fragte betreten: „Was machen wir jetzt?“
Die Schnuppe wusste Rat. „Bring mich zum König Eishard, seine Fee Cometa soll
mich begleiten. Nur sie wird es schaffen, die Sterne zu trösten. Wir müssen auch
erreichen, dass Sonne und Mond ihren Dienst wieder aufnehmen. Sonst wird alles
auf der Erde sterben.“
„Soll ich dich zum Eispalast tragen? So sind wir schneller beim König!“
„Oh nein!“, wehrte die Sternschnuppe ab. „Deine Kälte würde meinen Strahl
erlöschen lassen!“ Sie ließ ihr Flügelchen kreisen, erhob sich in die Luft und
Väterchen Frost folgte ihr, so schnell ihn seine Stiefel tragen konnten.
Cometa öffnete rasch das Portal, nachdem Väterchen Frost mit beiden Fäusten
ungeduldig an die Palasttüre geklopft hatte.
„Warum so heftig?“, fragte sie ihn. „Unser Frostwin ist bereits auf dem Weg zu dir,
da du ja nicht abwarten konntest, was er dir zu sagen hatte! Und nun habt ihr euch
verpasst! Aber, wenn du schon persönlich da bist, sage mir, warum du das Eis nicht erhalten kannst, und warum strahlen die Sterne nicht mehr? Warum löst der Tag nicht mehr die Nacht ab? Und warum scheint der Mond nicht?“
„Warum, warum, warum! Ich kann Euch nur sagen: Mein Atem allein reicht nicht
mehr aus, die große Schmelze aufzuhalten! Der Eiswind ist vom vielen Pusten
heiser. Wir beiden können nicht mehr.“ Cometa schaute auf die Sternschuppe
hinunter und freute sich: „Du bist doch Schnüppchen! Was treibt dich in diese
Eiswüste?“ Cometa hörte ihr aufmerksam zu, dann überlegte sie nicht lange und
machte sich mit Schnüppchen auf den Weg zu den Sternen. Von weitem hörte sie
deren Weinen, was ihr fast das Herz zerriss. Und dazu dieser traurige Anblickt.
Zusammengeschrumpft zu winzigen schwarzen Punkten vom vielen Weinen hingen sie am Himmelszelt.
„Oh je, hört doch auf! Das Salz in euren Tränen lässt das Eis schmelzen und unser
König hat bald kein Dach mehr über dem Kopf. Sein Palast schmilzt dahin!“
„Du siehst ja nicht das, was wir sehen müssen! Die dummen Menschen rauben und morden, brandschatzen und lügen. Haben sie verlernt sich zu lieben? Solch ein Jammer!“
Lange war Cometa bemüht, die Sterne zu trösten und flehte sie schließlich an:
„Aber, so seht doch genauer hin! Erkennt ihr nicht, dass es auch Menschen gibt,
die in Frieden miteinander leben, die einander lieben, die an sich und das Gute auf
dieser Welt glauben? Ihr bereitet ihnen mit euerm Schein glückliche Momente.
Zerstört nicht ihre Träume, denn dann sieht es finster aus auf der Erde und Satan
geht gestärkt hervor.“
Die Sterne begriffen, wenn auch nur langsam, was ihnen die Sternenfee zu
verstehen geben wollte. Cometa wirbelte nun mit ihrer rechten Hand durch die Luft
und im Nu waren alle Tränen getrocknet. Die Trauer war vorüber und die Sterne
wollten für alle Menschen strahlen, die sich lieben und sich nie mehr beirren lassen, egal was sie an Bösem noch sehen würden. Beseelt von diesem Gedanken wuchsen sie wieder flink auf ihre natürliche Größe an und strahlten wie nie zuvor vom Himmelszelt herab. Schnüppchen flog zum Mond, der sich hinter einer dicken, schwarzen Wolke versteckt hatte, zupfte ihn am Ohr und lächelte: „Komm, alter Freund! Auch du sollst nicht mehr mit den Menschen hadern. Dass du und die Sonne zu den Sternen gehalten habt, kann ich schon verstehen. Aber vergelte Böses nicht mit Bösem und verzeihe Menschen, die sich habgierig und dumm verhalten. Glaub mir, irgendwann bekommen sie alle ihre gerechte Strafe. Ach ja, und sag morgen früh der Sonne Bescheid, dass sie wieder erwachen und dich ablösen soll.“
Schnüppchen begleitete zuguterletzt die Sternenfee wieder auf die Erde und ward
danach nicht mehr gesehen. Väterchen Frost besuchte den inzwischen wieder
genesenen Eiswind, erzählte ihm, was und wie sich alles zugetragen hatte und bat, ihn doch wieder bei der Arbeit zu helfen, da das Eis nicht weiter schmelzen würde und beide zusammen ganz sicher für stetig eisige Luft sorgen können.
Frostwin, die gute Seele des Schneekönigs, legte bei seinem Herrscher ein gutes
Wort für Väterchen Frost ein, der sofort ein Paar neue Stiefel erhielt. Denn, es ging
doch nicht an, dass Väterchen Frost mit einem Loch in der Stiefelspitze seinen
Dienst verrichtete.

 

© By Sissy Gross