Zeichnung: Jutta E. Schröder

Ein Königreich für ein Spielzeug


"Vater! Darf ich am Samstag zum Ball aufs Schloss?" Eleni war ein
ausgesprochen hübsches Mädchen. Ihr kastanienbraunes, lockiges Haar fiel bis
auf die Schultern.
Ignaz, ihr Vater, sah sie fragend an: "Was suchst du, eine Müllerstochter, bei den
feinen Herrschaften?"
"Tanzen, einfach nur tanzen, Vater! Ich bin jung, sechszehn Jahre alt und möchte
Spaß haben. Oder soll ich mein restliches Leben nur in deiner staubigen Mühle
verbringen? Ich habe gehört, dass der junge Prinz Ausschau nach einer Braut
hält. Dieses Spektakel möchte ich mir nicht entgehen lassen."
Ignaz umarmte seine Tochter und sagte zu ihr: "Kind, ich gönne dir alles, woran
du Freude hast. Ich möchte nur nicht, dass du übermütig wirst wie deine Mutter.
Sie war schön und lebenslustig. Du bist nun alt genug, um die ganze Wahrheit
über sie zu erfahren und was vor vielen Jahren geschehen ist. Komm, setze dich
zu mir. Ich werde dir erzählen, was sich damals zugetragen hat." Ignaz bemühte
sich, die richtigen Worte zu finden. Hin und wieder schluckte er. "Oben auf dem
Schloss gibt es keinen König, auch keinen Prinzen mehr. Die Leute sprechen
nicht gern darüber, denn auf dem Thron sitzt der Rabe Chakun. Den wahren
König und seinen Sohn, hat er aus dem Land vertrieben. Wohin? Das weiß der
Himmel! Doch einmal im Jahr veranstaltet der Rabe einen Ball, um sich eine
schöne Frau zu angeln. Zu spät erkennen die Mädchen, dass sie von einem
Ungeheuer angelockt wurden!"
Eleni lachte laut. "Ach Vater, was erzählst du mir da! Meine Freundinnen gehen
auch hin. Ich suche mir keinen Prinzen, ich möchte doch nur tanzen!" Ignaz
kämpfte gegen seine Tränen an. Ob seine Tochter die Wahrheit wohl ertragen
kann? Er musste sie endlich aussprechen. "Kind, so glaube mir doch. Immer im
Frühling lockt Chakun junge Mädchen und Frauen aufs Schloss und hinterher ist
jedes Mal eine von ihnen verschwunden. So geschah es auch vor neun Jahren
mit deiner Mutter. Sie wurde nie gefunden. Du warst noch so klein. Deshalb
sagte ich dir, deine Mutter wäre bei einem Reitunfall ums Leben gekommen.
Schau, hier habe ich ein Bild von ihr malen lassen." Lautlos rannen Ignaz die
Tränen übers Gesicht.
Eleni schaute auf das Bild, glaubte sich selbst zu sehen und wurde kreidebleich.
Sie rannte in ihr Zimmer, schloss sich ein und konnte nicht glauben, was ihr Vater
eben erzählt hatte. Ihre Mutter war nicht tot. Wenn Vaters Geschichte wirklich
stimmte, so könnte es doch möglich sein, dass sie ihre Mutter irgendwann
wiedersah.
Ignaz wünschte seiner Tochter durch die verschlossene Tür noch eine Gute
Nacht und legte sich dann mit schwerem Herzen zur Nachtruhe nieder.
Ohne Erlaubnis, ohne noch einmal mit dem Vater gesprochen zu haben, schlich
sich die Müllerstochter davon. In neuen Tanzschuhen eilte sie zum Schloss
hinauf. "Wie unheimlich und geheimnisvoll dieses schöne, alte Gemäuer bei
Nacht wirkt", dachte sie entzückt. Lärm drang ihr entgegen, die ersten Gäste
mussten wohl schon betrunken sein. Eleni drückte die schwere Pforte auf und
ging hinein. Gestalten mit Warzen im Gesicht und geifernden Mündern begrüßten
sie. Angewidert wollte das Mädchen umkehren, doch sie wurde am Arm gepackt
und unsanft in den Saal geschoben.
Auf dem Thron saß der Rabe Chakun. Zu seinen Füßen lagen traurige, hübsche
Frauen und Mädchen.
"Du bist ja eine ganz besondere Schönheit. Irgendwie erinnerst du mich an
meine damalige Lieblingsfrau. Doch die ist jetzt alt und hässlich!", lachte das
schwarze Untier und winkte Eleni, näher zu treten. Das Mädchen hätte vor lauter
Angst und Ekel schreien mögen. So viele monströse Gestalten hatte sie nicht
einmal in ihren schlechtesten Träumen gesehen. Die Sinne schienen ihr zu
schwinden.
"Dich ernenne ich zu meiner neuen Lieblingsfrau. Solltest du allerdings in der
Lage sein, mir meinen Herzenswunsch zu erfüllen, werde ich auf dich
verzichten!", schnarrte es an Elenis Ohr. Diese Worte brachten das Mädchen in
die schreckliche Wirklichkeit zurück. Nur einen Moment später durchzuckte sie
ein Gedankenblitz und sie erwiderte fest: "Abgemacht! Aber ich verlange mehr
von dir!"
"So? Na, was willst du denn noch?", murrte Chakun.
"Ich verlange die sofortige Freilassung aller Gefangenen, auch die des König und
seines Sohnes!"
Der Rabe fühlte sich überrumpelt, doch musste er ob der Dreistigkeit dieser
Schönheit lächeln.
"Du hast ein schlaues Köpfchen. Der König und sein Sohn haben es gut
getroffen, besser, als ich es ihnen gönne. Sie leben im Elfenland und führen ein
Försterleben. Das haben sie ihren guten Schutzgeistern zu verdanken, gegen die
ich leider machtlos bin. Alle anderen befinden sich hier im Kerker des Schlosses!
Doch zuerst zu meinem Wunsch! Ich hätte gerne etwas, das nicht eckig ist, keine
Flügel hat und mir nicht davonschweben kann. Außerdem sollte es bunt sein!
Bisher wurden mir Seifenblasen angeboten, was soll ich mit solchem Unsinn!
Kaum berührt, zerplatzen sie und sind weg! Niemand brachte mir bisher dieses
bestimmte Ding. Ich weiß, wie es aussieht, aber nicht, wie es heißt. Ihr
Menschen kennt es!", krächzte der Rabe.
Die Müllerstochter dachte unvermittelt an ihre Spielzeugkiste aus Kindertagen
und glaubte, das Richtige darin zu finden.
"Chakun, ich denke, deinen Herzenswunsch erfüllen zu können. Nur, dafür
müsste ich nach Hause um es dir zu holen!"
"Nach Hause? Aber nicht ohne meine Wachen!"
Drei Warzengesichter begleiteten das Mädchen und warteten ungeduldig vor der
Mühle.
"Wo habe ich sie denn! Doch nicht etwa weggeworfen!" Nervös kippte sie die
kleine Kiste aus. Endlich hatte sie gefunden, was sie suchte. "Ich hoffe, ihr seid
das, was Chakun unbedingt besitzen möchte."
Bewacht von den hässlichen Ungeheuern machte sie sich auf den Rückweg.
Ungeduldig zappelte der Rabe auf dem Thron, rupfte sich kleine Federn aus und
steckte seinen Schnabel ab und zu in ein Weinglas.
Eleni betrat den Ballsaal. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Selbstbewusst und
sicher, keine Schwäche zeigend, trat sie vor Chakun: "Ich habe dir mitgebracht,
das deinem Wunsch entsprechen könnte, aber zuerst lässt du die Gefangenen
frei, sonst bekommst du gar nichts von mir!"
Dabei schüttelte sie das Säckchen, in dem der Inhalt klimperte.
Der Rabe kniff ein Auge zu, so als traue er Eleni nicht. "Zeig erst, was du hast!"
"Nein! Aber gerne lasse ich einen deiner Wachen in das Säckchen schauen,
wenn du es erlaubst!"
Chakun nickte. Die Müllerstochter öffnete ein wenig das Säckchen und gewährte
dem Wächter einen Blick hinein. Vor Begeisterung sprang dieser in die Luft und
schrie: "Meister, großer Meister, das ist es!"
Nun musste der Rabe seinen Teil des Vertrages erfüllen. Der Kerker wurde
geöffnet, Chakun bekam das Säckchen mit wunderschönen, bunten Murmel aus
Elenis Spielzeugkiste und erhob sich eilend und hochzufrieden in die Lüfte. Und
weder er noch seine hässliche Gesellschaft wurden je wieder gesehen.
Eine abgemagerte, leicht ergraute Frau mit lächelndem Blick stand plötzlich vor
der Müllerstochter und sah ihr tief in die Augen. Ein Gefühl von Vertrautheit kroch
in dem Mädchen hoch. Als sie das liebe Gesicht ihrer so lange vermissten Mutter
erkannte, fielen sich beide in die Arme und hielten sich fest, als wollten sie
einander nie mehr loslassen. Tränen der Freude benetzten ihre Gesichter. Eleni
nahm ihre Mutter an die Hand und brachte sie nach Hause.
Ignaz war voller Glück, endlich seine geliebte Helene wieder bei sich zu haben.
Aus der Mühle schallte wieder Lachen.
Der König kehrte mit seinem Sohn zurück ins Reich und aus Dankbarkeit erhielt
die Müllerstochter eine Einladung. Noch als Gast, sollte sie an der Seite des
Prinzen Platz nehmen.
Doch nach drei Monaten gab es eine wahre Märchenhochzeit, von der alle Leute
des Landes bis heute gern erzählen.

 

© By Sissy Gross