Zeichnung: Jutta E. Schröder


 

Ein letzter Tanz für den König

 

Der alte König Trebor von Baskanien , hatte sich von den meisten Geschäften
zurückgezogen und viele seiner königlichen Verpflichtungen an seinen Sohn, Prinz Dawes, übergeben. Nur noch wenige Monate blieben ihm bis zum Rücktritt und der Thronfolge seines Sohnes.
Königin Josianne lebte schon lange nicht mehr.
Wenn der alte König mal wieder in Trauer verfiel, setzte er sich an sein Schreibpult, nahm den Zinnsoldaten, der darauf stand, in die Hand und sprach: „Ach,Erik, du bist genauso einsam wie ich.‟ Dann griff er in eine der vielen Schubladen und holte eine Schachtel hervor, öffnete sie und entnahm ihr die Spieldose seiner Gemahlin Josianne. Sie hatte dieses Erinnerungsstück seit ihrer Kindheit in Ehren gehalten.
„Wie waren wir uns doch so ahnlich‟, seufzte er leise und zog die Spieldose auf. Bei ihren Klängen begann die Ballerina zu tanzen. Auch mit ihr sprach er wie mit einem lebendigen Wesen. „Du wirst des Tanzen wohl nie müde, meine Schöne? So viele Jahre hattest du meiner Josianne Freude bereitet und sie lächeln lassen.‟
König Trebor stellte sich besonders gern vor, wie die Ballerina lebendig auf dem
Tanzparkett dahinschwebte. Wieder seufzte er: „Schade, du bist leider nur ein kleines Püppchen aus Porzellan. Ich würde mir wünschen, dir und dem Zinnsoldaten Erik beim Tanz zusehen zu dürfen. Meine Gemahlin und ich hatten keinen Ball ausgelassen, mit Leidenschaft bewegten wir uns im Takt der Musik.‟
Nach einer Weile schloss Trebor die Spieldose und legte sie neben den Zinnsoldaten.
„Ihr solltet zusammen gehören, sagte meine Josianne immer.‟
Müde schlief der alte Herrscher in seinem Ohrensessel ein.

 

Flinsch, der gute Geist des Schlosses, schwebte schon seit hunderten von Jahren durch das alte Gemäuer. Immer wachsam die Könige beschützend, kannte er all ihre Gedanken und Geheimnisse. Nun hatte der alteKönig seinen Herzenswunsch ausgesprochen. Obwohl nur ein Geist, empfand Flinsch Mitgefühl und Verständnis. Darum beschloss er, Trebor diese Freude zu machen Nur benötigte er dabei die Hilfe der Waldfee Mirabella.
So machte er sich auf die Suche nach ihr.

 

Ihr Häuschen hoch im Baum war leer, so schwebe er zur Quelle, ihrem Lieblingsplatz. Die Sonne glitzerte im Wasser, Blätter schwammen und drehten sich darin wie kleine Boote.
Dort saß Mirabella im Gespräch mit den Schmetterlingen, die sich auf ihren Schultern und Händen niedergelassen hatten.
Flinsch genoss eine Weile diesen paradiesischen Anblick, ehe er sie ansprach. „Meine gute Freundin, ich möchte dich um Unterstützung bitten.‟
Die Waldfee lächelte. „Ich weiß um den Wunsch des Königs, deshalb sandte ich dir den Gedanken mich aufzusuchen. Im übrigen bekam ich von Königin Josianne, die in den Gärten des Himmels weilt, den Auftrag, die Ballerina und den Zinnsoldaten zusammenzuführen. Sollten sich die Beiden beim Tanz verlieben, dann dürften sie nicht mehr getrennt werden. Natürlich helfe ich dir gern, die Ballerina ein letztes Mal, unter den Augen unseres geliebten Herrschers tanzen zu lassen. Dem Zinnsoldaten Erik müsste sie allerdings die nötigen Schritte erst beibringen. Außer Strammstehen hat er nichts gelernt. Vielleicht kann er noch nicht einmal laufen. Wir werden sehen.‟

 

In der folgenden Nacht geschah wundersames im Schreibzimmer des Königs.
Der kleine Zinnsoldat bewegte seinen Kopf nach rechts, nach links, sogar drehen konnte er ihn. Er streckte die Beine nach vorn und sah zum allerersten Mal seine Stiefel. Mutig wagte er die ersten Schritte. Klack.. klack... Klack...stampfte er unbeholfen auf dem Schreibpult umher. ‟Oh, wie schön, ich bin lebendig!‟, rief er begeistert.
Dann marschierte er los, hatte Spaß daran und wollte nicht mehr aufhören.
Unverhofft drangen dumpfe Geräusche aus der Spieldose. Die kleine Ballerina klopfte von drinnen an den Deckel. „Hört mich jemand? Dann öffnet mir doch!‟, rief sie zaghaft. Erik erschrak, beinahe wäre er vom Schreibpult geplumpst. Er hob vorsichtig den Deckel. Da sprang die Ballerina vom Tanzteller und drehte ihre Pirouetten auf dem Pult. Glücklich strahlend griff sie sich den verdutzten Zinnsoldaten, um mit ihm zum tanzen. Doch er wehrte sich gegen ihren ungestümen Überfall.
„Was machst du mit mir? Gerade erst habe ich laufen und marschieren gelernt! Nun kommst du und reißt an mir herum!‟
„Ich will doch nur mit dir tanzen!‟, verteidigte sich die Ballerina.
„Dreh du dich nur,ich marschiere!‟, sagte er fest.
„Sei kein Spielverderber bat sie, „lass uns miteinander tanzen. Ich führe dich, du brauchst nur meinen Schritten folgen.‟
Der Zinnsoldat war auch nicht dumm und schlug vor: „Marschiere doch mit mir, du
brauchst nur meinen Schritten folgen!‟
Die Ballerina lachte ihn aus. Ich bin ein Mädchen, dass kannst du nicht von mir erwarten!‟
Sie wirbelte wieder allein über das Pult und freute sich ihres Lebens. „Endlich darf ich meine Tanzschritte nicht nur im Kreis zum Besten geben!‟, rief sie glücklich. Ich, Liletta die Ballerina, gehöre auf das große Parkett und zwar mit dir, schöner Soldat, als meinen Tanzpartner!‟
„Und ich, Erik, sage dir, dafür sind wir zu klein!‟, schnarrte der Zinnsoldat. „Wer nimmt uns schon wahr?‟
Die Ballerina unterbrach ihren Tanz. „Ach, glaubst du das wirklich?‟, fragte sie leise. Ihre Niedergeschlagenheit war nicht zu überhören.

 

Draußen vor dem Fenster schwebten die Waldfee und der Schlossgeist.
Mit Vergnügen beobachteten sie das Schauspiel auf dem Schreibpult.
Ich sollte hineingehen und die beiden in unseren Plan einweihen.‟, meinte die Waldfee.
„Gut, dann warte ich hier auf dich‟, entschied der Schlossgeist. „Für die da drin bin ich eh unsichtbar.‟
„Gut, dann warte ich hier auf dich.‟
Die Waldfee schwebte ins Schreibzimmer. In einer Hand hielt sie den Zauberstab mit dem leuchtenden Stern. Die Ballerina und der Zinnsoldat erschraken bei ihrem Anblick nicht im Geringsten. Wer fürchtet sich schon vor einer lieblichen Fee?
Im Flüsterton sprach Mirabella zu ihnen: „Ich habe euch nicht umsonst für die Nacht Beweglichkeit verliehen. Sobald die Morgendämmerung eintritt, werdet ihr wieder dort sein, wo ihr vorher gestanden seid. Das wird sich nun mehrere Nächte lang wiederholen Der Schlossgeist und ich wollen nämlich dem alten König einen Herzenswunsch erfüllen. Schon bald wird ihn sein Sohn, der Prinz Dawes, zu einem Ballettabend einladen.‟
„Da möchte ich auch hin!‟, rief Liletta dazwischen.
Die Waldfee lächelte. „Natürlich bist du dabei, du sollst doch für unseren Herrscher mit dem Zinnsoldaten tanzen. Nur an diesem Abend werdet ihr so groß sein wie Menschen.
Sobald der Ball zu Ende ist, nehmt ihr eure richtige Gestalt wieder an.‟
„Für einen Tanz auf dem Parkett, bin ich mit allem einverstanden.‟, freute sich Liletta.
Dem Zinnsoldaten graute vor dem Tanzen, deshalb suchte er nach einer Entschuldigung.
„Ich kenne den Herzenswunsch des Königs, doch ich kann nur marschieren!‟
„Alles lässt sich lernen‟; versicherte die Waldfee. „Es gibt nichts Schöneres als sich im Tanz zu drehen. Du wirst es niemals bereuen.‟
Dem Zinnsoldaten brach der Schweiß aus, „wie soll das denn bloß alles vor sich gehen!‟ Zu guter Letzt ließ er sich jedoch überreden.
Von nun an übte die Waldfee mit den beiden Nacht für Nacht das gemeinsame Tanzen.

 

Erik und Liletta machten schnell Fortschritte und hatten eine Menge Spaß.
Mit der ersten Morgendämmerung wurde der Zinnsoldat wieder zum steifen Wächter auf dem Schreibpult des alten Königs und die Ballerina verschwand in der Spieldose.
Nur noch eine Nacht, dann sollte das Ereignis stattfinden. Die Waldfee trug noch einmal Soge dafür, dass alles gut lief und gab dem Königssohn den Gedanken ein, für seinen Vater einen Ballabend auszurichten.
Der König war über den Einfall seines Sohnes hocherfreut.
„Das ist mein letztes öffentliches Erscheinen als Majestät, danach ziehe ich mich zuruck‟, sagte er.
Am Ballabend nahm er ein letztes Mal auf dem Thron Platz. Der Prinz saß neben ihm. Beim Anblick der Tanzfläche eilten Trebors Gedanken zurück in die Vergangenheit. Er sah seine geliebte Josianne, leicht wie eine Elfe, über das Parkett schweben. Erst das Einsetzen der Musik brachte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück.
Viele Paare drehten sich zu den beschwingten Klängen, doch eines viel dem alten König besonders ins Auge. Er wandte sich dem Sohn zu. „Dawes, sicher wirst du über mich lachen, aber sag mal, fällt dir nichts auf?‟
„Nein, Vater. Was sollte das sein?‟
„Ein Tanzpaar auf dem Parkett gleicht Mutters Ballerina und meinem Zinnsoldaten."                                                                                                                             Prinz Dawes betrachtete das Tanzpaar genauer. „Du hast Recht, Vater, die Ähnlichkeit ist groß, aber Spielpüppchen werden mit Sicherheit
nicht zu lebendigen Menschen!‟, antworte er lächelnd. Der König sagte nichts mehr aber er dachte schmunzelnd:
„Vielleicht gibt es sie doch, diese guten Feen, die Herzenswünsche erfüllen. Dann wäre alles möglich. Vielleicht hat meine Josianne sogar ihre Fingerchen in diesem Spiel.‟
Für König Trebor, war dieser Abend ein ganz besonderer. Unverwandt folgten seine Augen dem dahinwirbelnden Paar, als gäbe es nur diese beiden Tänzer im Saal. So glücklich war er schon lange nicht mehr gewesen.
Auch Flinch und Mirabella beobachteten, unsichtbar für alle, das Glück des alten Herrschers. „Unsere Mühe hat sich sichtlich gelohnt‟, hauchte der Schlossgeist.
Die Begegnung der Ballerina mit dem Zinnsoldaten sollte auch nicht ohne Erfolg bleiben‟, flüsterte die Waldfee voller Hoffnung. Doch es liegt nun allein an den beiden, was sie daraus machen.‟
Als der Ball zu Ende war, verließen die Gäste allmählich den Saal. Auch Prinz Dawes begleitete den Vater in seine Gemächer zurück. Zuletzt standen Erik und Liletta allein auf dem Parkett. Sie konnten die Augen nicht voneinander lassen.
„Ich darf nicht daran denken, dass wir gleich wieder winzig sein werden‟, sagte der Zinnsoldat traurig.
„Nur Püppchen aus Zinn und Porzellan und für immer getrennt‟, fügte die kleine Ballerina hinzu. Viel lieber würde ich weiter mit dir tanzen, und nie mehr marschieren.‟, gestand Erik. Unbemerkt war Mirabella zu ihnen herabgeschwebt. „Das brauchst du auch nicht mehr, Soldat‟, sagte sie fröhlich. Gegen eure Liebe ist mein Zauberstab machtlos. Ich kann euch nicht wieder schrumpfen lassen. Also werdet glücklich miteinander.
Sie entschwand.
Erik und Liletta fassten einander bei der Hand und eilten leichten Fußes aus dem Schloss, hinaus in die Welt der Menschen.

 

Der alte König aber suchte, sobald sein Sohn ihn verlassen hatte, sein Schreibzimmer auf. Den Blick aufs Pult gerichtet, stellte er fest, dass der Zinnsoldat Erik verschwunden und die Spieldose leer war.
Trebor lachte herzlich, „Liebes, das hast du gut gemacht‟; sagte er dann laut, als sei seine Gemahlin anwesend. „Oder war es das Werk einer Fee?‟, fügte er hinzu. „Du glaubst doch fest an Feen! Und das werde ich nun auch tun.‟
Glücklich legte er sich zur Ruhe und am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass der von allen geliebte Herrscher zu seiner Königin Josianne in die Himmelsgärten umgezogen war.

 

© By Sissy Gross

          

 

 

 

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