Zeichnung: Jutta E. Schröder

 



 

Holzpferdchen und Puppenträume

 

Verstaubt stand in der großen Bodenkammer auf Schloss Rankenburg das
Holzpferdchen des Prinzen Hubertus. „Loni“ nannte er es zu Kinderzeiten
liebevoll und Loni liebte den kleinen Prinzen. Doch Hubertus war erwachsen
geworden und zählte inzwischen zweiundzwanzig Jahre. Sein Holzpferdchen
wartete auf die unfreiwillige Reise ins Schlossmuseum, wohin aller Trödel, der
nicht mehr gebraucht wurde, eines Tages landete. Durch eine Glasscheibe
betrachtet zu werden, danach stand ihm freilich nicht der Sinn. Lieber würde es
ein richtiges Reitpferd sein und die Welt bereisen. Mit dem Prinzen über die
Ländereien der Königs galoppieren, ja, davon träumte Loni. „Wenn ich nur
wüsste wie ich hier rauskommen könnte?“, sprach es zu sich selbst.
„Nimmst du mich mit? Ich möchte auch nicht ins Museum!“
Das Holzpferdchen schaute sich um, blickte zum Regal hinauf und entdeckte
Isolde, die alte Puppe der Prinzessin Geraldine. Ihr Gesicht zum Teil schon
abgeblättert, dicker Staub in den Wimpern hängend, so stand sie neben dem Kasperletheater.
„Ich werde eine Weltreise antreten, auf die ich kein Mädchen mitnehmen werde!“, sprach Loni schnippisch.
„Aber zu zweit ist es doch lustiger, wir würden viel Spaß zusammen haben!“, bettelte die Puppe.
„Ich weiß nicht so recht, Mädchen heulen doch immer!“
„Bist selber eins! Ich verspreche, keine Träne wirst du von mir sehen. Wir wollen
doch beide dieser muffigen Kammer entfliehen, oder? Wenn ich einen Wunsch
frei hätte, dann wäre ich gerne des Prinzen Braut. Als Hubertus noch klein war,
konnte ich ihn nicht leiden. Er nervte, kreischte oft. Wenn er seine kleine
Schwester ärgern wollte, riss er an meinen Haaren und schleuderte mich durch
die Spielkammer. Hätte ich mich nur wehren können, gerne wären meine Zähne
zu Nasenbeißern geworden. Aber jetzt ist aus ihm ein fescher Jüngling
geworden. Einfach zum Verlieben!“, schwärmte Isolde.
„Ich hab wohl nicht richtig gehört? Hubertus wird sich eine Braut aus dem Adel
nehmen und nicht die Puppe seiner kleinen Schwester!“
„Ja, ja!! Ich weiß selber, dass ich nur eine Puppe bin! Aber darf ich nicht auch Träume haben so wie du?"
„Na schön, hast ja recht!“
„Loni, was ist jetzt? Nimmst du mich nun mit?“
„Eines sag ich dir! Heulst du, schick ich dich zurück! Verstanden?“
Die beiden merkten nicht, dass sie vom Kasperle belauscht wurden, der hinter
dem Theatervorhang stand. Voller Zuversicht machten sich das Holzpferdchen
und die Puppe auf den Weg. Nur langsam kamen sie voran, vernahmen auf
einmal Tippelschritte hinter sich und bemerkten, dass ihnen Kasperle folgte.
„Wir können dich nicht mitnehmen, kehr um!“, schimpfte Isolde.
„Nein, tu ich nicht! Ihr werdet gar nicht merken, dass ich da bin. Ich will auch frei sein!“
Das konnten die beiden Ausreißer nachfühlen und zu dritt ging es weiter. Auf der
Schlosswiese legten sie Rast ein. Der Weg bis dahin kam ihnen endlos weit vor.
„Seht nur, dort steht eine Tränke, wir sollten unseren Durst stillen!“, schlug Loni vor.
„Ich werde sicher nicht daraus trinken, worin Pferde und Rinder ihre Mäuler
eintauchen. Pfui Teufel!“, zeterte die Puppe. Loni sah Isolde genervt an. „Das
hab ich nun davon, kaum in Freiheit, geht die Heulerei los!“
„Ich heule nicht! Und das Wasser schmeckt bestimmt wie jedes andere auch“,
lachte Kasperle, sprang mit einem „Platsch“ mitten in die Tränke und spritzte
dabei Isoldes Kleid tüchtig nass. Loni lachte und Isolde zeterte: „Kasperle, ich
wusste es, du machst nur Probleme! Schau, mein Kleid ist patschnass! Ohne
dich wären wir besser dran. Geh zurück!“
„Ich will aber nicht zurück!“, trotzte es. „Außerdem würde ich mich ganz alleine bestimmt verlaufen!“
Wie aus dem Nichts stand plötzlich eine Fee vor ihnen, lächelte und sprach:
„Holzpferdchen, hast du nicht den Wunsch, dich als Turnierpferd zu beweisen?
Und du, Isolde, möchtest du nicht das Leben einer jungen Frau führen, vielleicht
sogar an der Seite des Prinzen? Aus dir, Kasperle, kann ich leider kein
anmutiges Wesen zaubern. Es sei denn, du möchtest der Hofnarr der Königs werden?"
"Nein, ein Narr möchte ich nicht werden, dann lieber im Museum stehen!", kam
es traurig aber bestimmt von Kasperle.
Was gab es für die beiden anderen da zu überlegen? Die Fee fuhr mit ihrem
Zauberstab durch die Luft, erst ein greller Blitz, dann ein lauter Donner, einen
Wimpernschlag später standen ein Rappe und eine schöne junge Frau auf der
Blumenwiese. Beide begriffen nur langsam, dass ihr größter Wunsch in Erfüllung
gegangen war und riefen wie aus einem Munde: „Wir leben!“ Gerne hätten sich
beiden noch bei der Fee bedankt, doch sie war verschwunden.
„Isolde, sieh nur, ich trage sogar einen reichverzierten Sattel!“, rief Loni
begeistert. „Komm! Steig auf! Wir werden uns jetzt im Schloss bemerkbar machen!“
Hoch zu Ross, das Kasperle vor sich sitzend, fühlte sich Isolde wie eine
Prinzessin. Der Wind spielte mit ihren goldroten Haaren und der langen Mähne
des Pferdes.
„Oh, Loni! Ist es nicht schön, lebendig zu sein?“, rief Isolde begeistert.
Im Schloss stöberte zur gleichen Zeit die Prinzessin in der riesigen
Bodenkammer herum. Am Regal angekommen stutze sie, stieg die steile Treppe
wieder hinunter, lief ins Gemach der Königin und fragte: „Mutter, hast du meine
alte Puppe weggegeben? Sie steht nicht mehr auf dem Regal, auch das
Holzpferdchen von Hubertus ist fort!“
„Ach, Kind! Ich dachte, sie wären schon längst im Museum!“
„Noch nicht! Unser Museumsvorsteher sprach mich an. Er möchte wissen, wann
er die Spielsachen abholen kann!“
Die Königin schickte die Kammerzofe Irma, sie sollte nochmals nachschauen.
Das Holzpferd und die Puppe könnten ja nicht einfach so verschwinden. Doch
auch Irma zuckte nach gründlichem Suchen verneinend mit den Schultern.
„Was nun? Die Spielsachen sind sehr kostbar! Sie wurden ausnehmend für dich
und deinen Bruder gefertigt!“, ärgerte sich die Königin.
„Majestät! Soll ich den Polizeioberhauptmann benachrichtigen?“, fragte ein
Diener, der mit einem Teetablett in der Tür stand. Die Königin winkte ab: „Nein,
Josef, lassen wir das erst einmal!“
Prinz Hubertus war ausgeritten und kam am späten Nachmittag ins Schloss. Er
humpelte, was der Königin natürlich nicht entging. „Hubertus, was ist mit dir, bist du gestürzt?"
„Ja, Mutter, mein Pferd und ich. Mit einem blauen Knie bin ich noch gut bedient,
aber Sausewind musste erlöst werden. Ihm konnte nicht mehr geholfen werden,
beide Vorderbeine waren gebrochen!“
„Oh, mein Sohn, das tut mir leid! Was wird nun mit dem Reitturnier?“
„Weiß ich nicht! Wenn ich kein ebenso gutes Pferd auf dem Markt bekomme,
werde ich das Turnier nicht gewinnen."
Währenddessen ritten Loni und Isolde die Schlosswiese auf und ab.
„Sag mal! Wirst du genauso gut sein wie Sausewind, das Reitpferd vom Prinzen?“
„Das Einzige, was ich im Moment möchte, ist Futter und ein Stall mit Stroh zum
Schlafen! Ich bin müde. Schließlich muss ich mich erst ans Lebendigsein gewöhnen!“
Isolde lachte: „Ja, sicher, du hast zu lange steif rumgestanden. Aber pass auf! Ich
hab eine Idee! Da uns hier keiner bemerkt, werden wir in die Stadt reiten. Dort ist
heute Pferdemarkt. Frisches Wasser und Grünfutter wird sich sicher finden.“
Nach kurzer Zeit angekommen, verfolgten sie gespannt die Versteigerungen der
Pferde. Schimmel, Rappen und Ackergäule wechselten die Besitzer. Für jeden
Geldbeutel und Zweck gab es das passende Tier.
Isolde stieg ab und führte Loni zu einer Futterraufe mit nebenstehender Tränke.
Eine bekannte Stimme drang Isolde ans Ohr. Sie drehte sich um und schaute
unmittelbar ins Gesicht des Prinzen Hubertus. Neben ihm stand eine alte Frau,
die sich eigentümlich verhielt. Ihre Augen verrieten sie jedoch. Es war die gute
Fee. Wie beim ersten Mal war sie plötzlich wieder verschwunden.
Prinz Hubertus sprach Isolde an: „Schönes Fräulein, darf ich fragen, ob dieses
Pferd verkäuflich ist? Die alte Frau gab mir Auskunft, Euer Pferd sei von edlem
Geblüt. Meines habe ich gestern verloren, mit zwei gebrochenen Beinen musste
ich es erlösen! Der Preis soll keine Rolle spielen.“
Isolde sah ihn an und errötete. „Das weiß ich nicht, da müsste ich erst mein Pferd fragen!“
„Ihr könnt mit Pferden sprechen?“, lächelte der Prinz ungläubig. „Nun, dann fragt
Euern Rappen, ob er nicht in meine Dienste treten möchte“, amüsierte sich der
Prinz. Loni bemerkte die leichte Frotzelei nicht. Sie konnte die Freude kaum
fassen, ihren geliebten Prinzen vor sich zu haben, errötete erneut und blickte
verlegen zur Seite.
Der Kasperle zupfte Isolde am Ärmel. „Versteck mich in Lonis Satteltasche,
bevor Hubertus mich erkennt. An dem Flicken in meiner Hose würde er mich
erkennen. Was dann kommt, möchte ich gar nicht wissen. Bestimmt würdet ihr
von der Fee zurückverzaubert werden, wenn ihr euch so dumm anstellt.“
„Kasperle, wie recht du hast!“, gab Isolde zu und stopfte den kleinen Kerl
kopfüber in die Tasche. Nun musste er durchhalten. Denn Prinz Hubertus ließ
nicht ab. Da ihm Isolde ausnehmend gut gefiel, lud er sie samt Rappen ins
Schloss ein. Loni war unbeschreiblich glücklich und Isolde erst.
Das schöne Fräulein wurde von der Königin herzlich willkommen geheißen.
Prinzessin Geraldine kam die Treppe herunter, sah in Isoldes Gesicht und
stutzte: „Wenn ich nicht wüsste, dass aus einer Puppe kein Mensch werden
kann, würde ich behaupten, du wärst meine Isolde!“
„Isolde heiß ich auch, aber das ist ja nur ein Name.“
Kasperle nutzte die Gelegenheit. Da bei der Unterhaltung niemand auf ihn
achtete, schlich es sich unbemerkt in die Bodenkammer und verschwand wieder
hinter dem Vorhang.
Prinz Hubertus war in die mitgebrachte junge Dame verliebt wie nie zuvor in
seinem Leben. Das war dem König und der Königin sehr recht.
Mit Loni siegte der Prinz in jedem Turnier. Hubertus erfuhr nie, dass er die Puppe
seiner kleinen Schwester zu seiner Braut und späteren Königin gemacht hatte.
Auch nicht, dass er mit seinem einstigen Holzpferdchen triumphale Erfolge feierte.
Der Kasperle, welches bald von der Bodenkammer geholt wurde, erfreute sich
größter Beliebtheit beim ersten Prinzchen als Einschlafgeselle.

 

© By Sissy Gross