Zeichnung: Jutta E. Schröder

GGraf Georg und Gräfin Gabriela zu Grobanien waren dereinst mit drei Töchtern
gesegnet. Doch viel lieber hätte der Graf einen Knaben, der ihn eines Tages würdig
vertreten könnte. Die Töchter Anna, Maria und Lisa mussten auf Vaterliebe
verzichten, weil Georg die Mädchen nur duldete, aber nicht
liebte. Seiner Gemahlin Gabriela fuhr ein Stich ins Herz wenn sie beobachtete, wie
ihre Kleinen um die Liebe des Vaters bettelten. „Georg, mir bricht das Herz! Warum
nimmst du unsere Mädchen nicht einmal in den Arm?"
„Weil ich es nicht kann! Jedes mal wurde ich enttäuscht, keinen Stammhalter im
Leben begrüßen zu dürfen!“, lautete seine harte Antwort.
„Aber daran tragen doch unsere Kinder keine Schuld! Bist du gar nicht glücklich
darüber, Vater von drei gesunden, hübschen Prinzessinnen zu sein?“, fragte sie
flehentlich mit tränenerfüllten Augen.
„Wenn wir einen Sohn hätten, dann würde es mich nicht interessieren ob er hübsch,
hässlich, gesund oder krank wäre. Mit Stolz auf meinen Nachfolger ertrüge ich jedes
Schicksal!“ Herrisch verließ er den Raum. Gräfin Gabriela nahm sich vor, ihren
Gatten daraufhin nicht mehr anzusprechen.
Der gute Zauberer Arganar konnte sich das Leid der Gräfin und ihrer Töchter nicht
länger tatenlos mit ansehen. Er schmiedete einen Plan gegen den Grafen, dem die
ungeheuren Worte zu seiner Gattin noch leid tun sollten. Nur den Burggeist Warthos
weihte er ein.
Einige Zeit später kündigte sich erneut Nachwuchs in der gräflichen Burg an. Voller
Hoffnung, nun endlichen den ersehnten Sohn im Arm zu halten, wurde der Graf von
Tag zu Tag ungeduldiger. Immer wieder stellte er der Gräfin die gleiche Frage:
„Wann ist es denn so weit? Unseren Erbprinzen geben wir den Namen: Aaros!“,
beschloss er.
„Ein wenig musst du noch warten! Versteife dich nicht so sehr auf einen Prinzen“,
gab sie ihm ängstlich zur Antwort.
Um sich abzulenken, unternahm Georg fast jeden Tag einen Ausritt über die weiten
Ländereien seines großen Besitzes.
Als das Kind endlich geboren ward, bekam es die Gräfin nicht zu Gesicht. Schnell
wurde es aus dem Raum getragen und der Graf gerufen. Der Anblick seines heiß
ersehnten Sohnes schockte den sonst so hartgesottenen Grafen Georg doch sehr.
Was er einst seiner Gattin voller Überzeugung sagte, wollte er nun nicht mehr
wahrhaben. Denn die Bürde, die ihm das Schicksal mit diesem hässlichen Kind
auferlegte, konnte und wollte er nicht tragen. So wurde der Gräfin schonend
beigebracht, dass das Kind bei der Geburt verstorben sei.
„Bring das Kind ins Labyrinth unter unserer alten Mühle!“, gab er seinem vertrauten
Diener Cäsar in Auftrag.
„Aber Majestät, Ihr versündigt Euch an diesem Kind!“, gab der Diener zu bedenken.
„Wie soll ich den Jungen als mein eigen Fleisch und Blut anerkennen? Aber, er wird
auf jeden Fall aufgezogen!“, bestimmte der Graf.
„Wollt Ihr Euren Sohn, so lange er lebt, gefangen halten?
„Cäsar, nur so lange, bis ich Heilung für ihn finde, oder ihn von einem Fluch, der
möglicherweise auf ihm liegt, befreien kann! Ich weiß doch selber nicht, was
passiert ist und nun werden soll!“
Gräfin Gabriela wurde zu einer gebrochenen Frau. Ihre liebevolle, jugendliche
Ausstrahlung wich einem verhärmten, verbitterten Gesicht. Der Schmerz saß tief.
Die drei Prinzessinnen Anna, Maria und Lisa saßen stets bei ihr und waren nicht
weniger traurig ob der Kälte des Vaters.
Georg besann sich endlich und begann über die Gefühle zu seiner Gattin und
seinen Töchtern Gedanken nachzudenken. „Was bin ich doch für ein Narr!“, rief er
eines Tages laut und deutlich, dass es im gesamten Hause zu hören war. Eiligen
Schrittes marschierte er ins Gemach der Gräfin, fiel vor ihr auf die Knie und sprach:
“Liebes, ich habe dir Unrecht getan! Sieh dir unsere Kinder an, sie sind schön,
gesund und klug“, dabei umarmte er die Prinzessinnen zum allerersten Mal.
„Georg! Was ist geschehen? Deine Veränderung kommt mir so plötzlich vor, fast
unwahr!“
„Aber nein! Genauso hast du dir doch mein Verhalten stets gewünscht!“ Gabriela
sah ihn mit verwunderten Augen an und konnte seinen Worten kaum glauben.
Den uralten Burggeist Warthos quälte mittlerweile das Gewissen. Kopfschüttelnd
saß er bei dem kleinen Prinzen und dachte: „Arganar muss den Fluch unbedingt
rückgängig machen. Ich weigere mich, länger Mitwisser zu sein."
Wenig später saß er vor dem großen Zauberer und bat ihn, den Grafensohn von
seinem grausamen Schicksal zu befreien: „Bitte, Arganar! Wenn du das Kind siehst,
lenkst du sicher ein!“
„Warthos, du weißt, dass ich das nicht kann! Nur bedingungslose Liebe kann ihn
retten.“
„Aber der kleine Prinz wird doch bestimmt von seiner Mutter geliebt!“
"Das reicht nicht, denn der Vater lehnt ihn ab!“, versuchte der Zauberer zu erklären.
„Arganar, wie lange muss ich denn noch schweigen?“
„So lange, bis sich der Graf besinnt und seiner Gemahlin die Wahrheit sagt!“
Der Burggeist schwebte zurück. Ihm war gar nicht wohl dabei.
Der Zauberer saß grübelnd an seinem Tisch. „Vielleicht finde ich doch einen Weg!“
An seinem ersten Geburtstag war der kleine Aaros plötzlich aus dem Labyrinth
verschwunden. Cäsar, der treue Hausdiener, trat zum König:
„Majestät, bitte bleibt ruhig, aber Euer Sohn ist gestohlen worden!“
Georg reagierte entsetzt: „Wie ist das möglich? Außer uns beiden weiß niemand
von diesem Verlies!
Selbst die Gräfin ist ahnungslos. Und ein Kind von gerade mal einem Jahren ist
nicht in der Lage die Geheimtür zu öffnen! Hast du mich verraten?“, fuhr er den
verdutzen Diener herrisch an. Dieser schüttelte energisch seinen Kopf. "Aber
Majestät! Wo denkt Ihr hin? Ich bin Euch stets treu ergeben!"
Der Burggeist belauschte das Gespräch. „Ich muss zu Arganar!“, flüsterte er
entschlossen.
Vor des Zauberers Tür hörte er Kindergeplapper, wunderte sich, trat ein und rief
hocherfreut: „Lenkst du doch ein? Das freut mich sehr, dass du dieses kleine
Wesen aus diesem Labyrinth geholt hast!“
„Ja, Warthos, mir ist eine Idee gekommen! Wenn Georg seinen Stammhalter
vermisst, dann wäre es doch gut möglich, dass sich in ihm Vatergefühle regen!“
„Oh, Arganar, du bist großartig! Der kleine Prinz … meine Güte, na ja, an sein
Aussehen könnte man sich
gewöhnen … aber noch ist nichts verloren!“, füge der Geist hinzu.
Graf Georg war äußerst unruhig. Das Besteck während der Mahlzeit zitterte in den
Händen. Seiner Gemahlin mochte er nicht ins Gesicht sehen und der Schweiß perlte
auf seiner Stirn. Er zuckte zusammen, als Gabriela ihn ansprach: „Warum sprichst
du nicht mit mir darüber, was dir auf der Seele brennt?“ Doch der Graf sagte nichts,
er stand auf und verlief den Speisesalon. In seinem Gemach stellte er sich ans
Fenster und starrte hinaus. Ein Stich fuhr ihm ins Herz, als er an sein Kind dachte.
„Wo mag er nur sein, wie konnte ich so gnadenlos handeln?“
Mit jedem weiteren Tag litt Georg mehr. Der Appetit ließ nach, seine Haut wurde
bleich, er magerte ab.
So schwor er sich: „Ich muss mit meiner Gemahlin sprechen. Alleine komme ich mit
meinem schlechten Gewissen nicht zurecht.“
Der Kleine Prinz fühlte sich sichtlich wohl beim Zauberer. So viele bunte Sachen
bekam er zum Spielen.
Er war ein fröhlicher Junge, den Arganar schnell in sein Herz geschlossen hatte.
Warthos sah ihm lächelnd beim Spiel mit dem Kind zu und merkte an: „Na sieh mal
einer an! Der Zauberer von Grobanien hat ein Herz für kleine Kinder!“
„Du Narr! Warum wohl kämpfe ich für dieses kleine Wesen?“, grinste er.
Georg wollte nun endlich der Gräfin sein Vergehen beichten. Er betrat ihr Gemach,
dann schüttete er sein Herz aus. Gabriela war der Ohnmacht nahe. „Was hast du
getan? Unser Kind in ein Labyrinth gesteckt? Seit wann haben wir so einen
Irrgarten unter der alten Mühle?“
Der Graf legte nun ein lückenloses Geständnis ab. Seine Gemahlin war fassungslos,
sie fragte tonlos:
„Und nun ist Aaros fort? Das darf nicht sein!
Geh und bringe mir mein Kind zurück! Ich werde es lieben, egal wie hässlich es ist!“
„Liebes, hast du schon einmal ein Kind mit dem Kopf eines Adlers gesehen? Ich
wollte dich doch nur schonen!“
„Schonen? Einem Mutterherz ist doch nicht wichtig wie ihr Kind aussieht!", brach
es aus Gabriela unterTränen heraus. Der Graf wusste um seine Todsünde, bereute
sein Handeln zutiefst und jammerte: „Ich möchte unseren kleinen Prinzen doch
auch zurück, nur weiß ich nicht, wo er steckt! Ich muss in Erfahrung bringen, wer
ihn entführt hat!“
In seiner Not ließ der Graf Boten aussenden, um seinen Sohn zu finden. Arganar
freute sich, dass Graf Georg endlich zu Vernunft kam. „Warthos, hast du schon
gehört? Der Graf hat Sehnsucht nach seinem Sohn.“
„Das weiß ich bereits, denn ich komme gerade aus der Burg. Und ich muss dir
sagen, er meint es wirklich ehrlich!“
„Wenn du dir ganz sicher bist, sollten wir nicht länger warten und den Knaben zu
seinen Eltern bringen!“, sprach Arganar und zwinkerte fröhlich mit den Augen.
So nahmen sie den Kleinen und brachten ihn zur Burg. Cäsar öffnete das Portal und
rief gleich nach der Herrschaft. Georg und Gabriela eilten herbei. Die Gräfin nahm
das Kind ohne jedweden Augenblick des Zweifels in ihre Arme und trug es hinein.
Arganar wurde von Georg reich belohnt, ohne nachzufragen, wo er den Prinzen
fand. Georg war einfach nur glücklich. Inzwischen hatten sich die Prinzessinnen
Anna, Maria und Lisa um ihren kleinen Bruder geschart. Mit Hingabe streichelten sie
ihn bereits, als Georg den Salon betrat. Als auch er sich dem Prinzen widmete und
ihm verstohlen einen Kuss auf den Schnabel drückte, verwandelte sich der
Kleine vollkommen in ein Menschenkind. Um seinen Hals trug er eine Kordel, an
dem ein Zettel hing. Georg nahm ihn ab und las laut vor:
"Liebe vermag alles, da sie unendlich ist und alles verzeiht! Viel Glück! Euer
Arganar.“
Auf Burg Grobanien war wieder Freude, Glück und Kinderlachen eingezogen. Der
Graf wurde von seinen Untertanen verehrt wie nie zuvor.

 

© By Sissy Gross