Zeichnung: Jutta E. Schröder

                   

Prinzessin Tausendschön und die Hexen vom Silberwald

 

 

Einst regierte König Richard mit Hingabe sein kleines Reich Tanoga. Seine Gemahlin, Königin

Eugenie, segnete schon vor langer Zeit das Zeitliche. Alleine mit seiner Tochter, Prinzessin

Susanna, bewohnte er das große Schloss. Inzwischen hatte sie ihr dreißigstes Lebensjahr vollendet,

doch den Pflichten, die ein Königshaus erfüllen musste, entzog sie sich geschickt. Einmal quälten

sie furchtbare Kopfschmerzen, ein anderes Mal wurde sie von Bauchweh heimgesucht. Ihr Interesse

galt einzig und allein ihrem Aussehen. Ständig neue, teure Kleider und Schuhe füllten ihre

Schränke. Die meiste Zeit des Tages verbrachte Susanna vor dem Spiegel und konnte sich nicht

sattsehen.

Das Volk nannte sie Prinzessin Tausendschön. Sicher neideten einige Untertanen ihr diese

außergewöhnliche Schönheit. Ihr rabenschwarzes Haar, das in Locken bis zum Gürtel reichte,

glänzte in der Sonne.

Die jungen Prinzen der angrenzenden Länder wurden von der Prinzessin jederzeit schlichtweg

abgewiesen, was dem König die Zornesröte ins Gesicht steigen ließ. Darum sprach der an jenem

Morgen beim Frühstück seine Tochter darauf an: „Susanna, denkst du nicht auch, dass es langsam

an der Zeit ist, mich abzulösen? Aber wie willst du das ohne Gemahl an deiner Seite schaffen? Sieh

mich an! Ohne Gehstützen kann ich nicht mehr laufen, deshalb möchte ich mich bald zur Ruhe

setzen! Ich kann nicht glauben, dass du allein alt und grau werden willst!“

„Ach Vater, fange nicht wieder damit an! Ich möchte keinen Gatten an meiner Seite wissen.

Größere Schränke benötige ich dringender. Außerdem kann ich unser Land, genau wie du, auch

allein regieren!“, antworte Susanna forsch.

„Du bist nicht in der Lage unser Land zu regieren! Hast du mich je begleitet und unterstützt? Nur

auf den Tanzbällen des Hochadels hast du dich präsentiert, wolltest überall die Schönste sein!“,

tadelte er sie.

Josef der Butler unterbrach die rege Unterhaltung von Vater und Tochter: „Majestät, Prinz Bruno

bittet um Audienz!“

„Nicht schon wieder dieser unscheinbare Jüngling, als Mann wäre er mir auch zu klein!“, gab

Susanna patzig zum Besten.

„Ja, genau dieser, wäre der richtige Gemahl an deiner Seite! Bruno ist anständig und großherzig,

aus gutem Hause und treu wie Gold, verteidigte der König den jungen Prinzen, verließ den

Speisesaal und marschierte verdrießlich zum Thronsaal hinüber.

„Josef, bringe uns bitte Tee in die Bibliothek“, bat König Richard, dabei begrüßte er freundlich den

jungen Prinzen.

Prinz Bruno hatte lange schon ein Auge auf Susanna geworfen, deshalb war auch sie der eigentliche

Grund, weshalb Bruno ab und an zum Schloss kam.

„Majestät, ich hoffe doch sehr, Ihr könnt mir eine andere Antwort geben als beim letzten Mal. Ich

bin Susanna so sehr gewogen, dass ich keine andere Prinzessin auch nur eines Blickes würdige.

Mein Herz wartet auf ein Zeichen, mich nicht umsonst nach ihr zu verzehren.“

Dem König war nicht wohl in seiner Haut, doch er konnte Bruno immer noch keine Hoffnung

machen. „Wie soll ich das nur anstellen? Als Schwiegersohn wärst du mir mehr als Willkommen,

aber ich kann meine Tochter nicht zu Gefühlen zwingen.“

Niedergeschlagen machte sich der Prinz wieder auf den Heimweg.

Der herzlose Charakter und die Hochnäsigkeit der Prinzessin sprachen sich bis weit über die

Ländergrenzen herum. Die guten Hexen des Silberwaldes hielten Rat, wie Susanna zum Umdenken

angehalten werden könnte.

„So leid wie mir das tut, aber wir müssen Susanna mit einem Fluch belegen!“, bestimmte Thara die

oberste Hexe und fügte hinzu: „Oder sollen wir riskieren, dass unser schönes Tanoga untergeht?

Denn irgendwann wird unser König abdanken und Susanna interessiert sich nicht für die

königlichen Pflichten!“

So stimmten die Hexen ab und waren sich einig, den Vorschlag ihrer Obersten anzunehmen.

Nach ein paar Tagen begann die Prinzessin zu kränkeln. Sie magerte sichtlich ab, ihre Haut wurde

bleich und schälte sich ohne erklärbaren Grund. Der Leibarzt der königlichen Familie stand ratlos

und kopfschüttelnd am Bett der Prinzessin. „Majestät, ich kann Euch nicht sagen, woran Eure

Tochter erkrankt ist. Nichts Vergleichbares habe ich bisher gesehen, oder davon gehört. Es kann nur

eine neue Seuche sein, die unsere Soldaten vom Schlachtfeld in unser Land getragen haben.“

Der König weinte den ganzen Tag, er konnte sich nicht beruhigen.

Als Prinz Bruno vom Schicksalsschlag des Königs erfuhr, kam er täglich, um nach Susanna zu

sehen. Einen Strauß Blumen hatte er immer dabei, ihr Gemach glich einem Blütenmeer. Die starken

Medikamente ließen die Königstochter jedoch vor sich hindämmern, während der Prinz an ihrem

Krankenlager saß und seine Lieblingsmärchen aus Kindertagen vorlas. Ab und zu lächelte Susanne.

„Träumt sie nur, oder versteht sie, Komma was ich ihr vortrage?“, fragte er sich.

Die Oberhexe machte sich auf den Weg zum Schloss. Ihr Flugbesen knackte gefährlich, denn er

stammte noch von ihrer Großmutter. Draußen auf dem Fensterbrett saß Thara nun und blickte in den

Raum. Sie wollte nur sehen, wie es der Prinzessin erging. Sie lächelte, als sie Prinz Bruno erblickte.

Der König betrat das Zimmer, kaum konnte er den jämmerlichen Anblick von Susanna ertragen.

„Sieh nur Bruno, was aus meinem schönen Kind geworden ist.“

Der Prinz blickte zu ihm hoch und antwortete: „Trotzdem empfinde ich jetzt noch mehr für

Susanna“, dabei liefen ihm Tränen die Wange herab.

Der König konnte nicht mehr an sich halten, verließ den Raum und daraufhin auch sein Schloss. Er

lief und lief völlig ziellos umher, bis er schließlich im Silberwald stand. Jetzt erinnerte er sich an die

guten Hexen. Wo aber sollte er sie finden? „Ich muss mit Thara sprechen, sie ist meine letzte

Hoffnung um, mein Kind nicht zu verlieren“, beschloss er.

Thara flog auf ihrem alten Besen zurück ins Hexendorf. „Mädels, so eine reine Liebe, wie die von

Prinz Bruno, gibt es nirgendwo noch einmal!“, rief sie von weitem.

„Wann willst du Susanna von dem Fluch befreien?“, fragte Redy, die kleine rothaarige Hexe.

„Bald!“, lautete die kurze Antwort.

König Richard irrte durch den Silberwald. In diesen entlegenen Winkel des Reiches hatte er noch

nie einen Fuß gesetzt. Wie ein Zauber zog der Wald den Herrscher in seinen Bann. Glitzernde,

silberne Bäume und Blätter strahlten in der Sonne. Er blickte hoch und staunte darüber, dass sogar

die Vögel silbern erstrahlten. Trollkinder spielten in den Baumwurzeln und sahen ihn keck an.

„Was suchst du hier, wo willst du hin?“, fragten sie wie aus einem Munde.“

„Ich muss unbedingt die guten Hexen finden.“

„Oh je, habt ihr gehört? Diese große Gestalt sucht die guten Hexen! Wir sind böse Trolle und

werden nie gesucht!“, dabei lachten sie schrill und schlugen Purzelbäume.

„Frag den gelben Specht, du wirst ihn nicht übersehen.“, riet ihm der Trollvater, der dem Treiben

der Kleinen mit seinen Worten Einhalt gebot.

So setzte der König seinen Weg fort.

Nach kurzer Zeit sah er den Specht in seiner auffälligen Farbe hoch in einer Tanne bei der Arbeit.

Ihm berichtete er vom Unheil auf dem Schloss. Der gelbe Vogel wies ihm den Weg ins Hexenreich,

dann klopfte er weiter.

Richard fand sofort das Hexenvolk, doch Thara war seines Besuches wegen nicht überrascht.

„König, was kann ich für dich tun?“, fragte sie freundlich.

„Ich habe nur einen Wunsch. Bitte hilf mir! Meine Tochter muss wieder gesund werden!“, bettelte

der Herrscher.

„Gerne helfen wir dir, aber erst, wenn Susanna ihre Gesinnung ändert. Du bist ein gütiger König

und von einer Königin mit der Haltung unserer Prinzessin, darf unser schönes Tanoga einfach nicht

regiert werden!“

Richard hatte plötzlich eine Vermutung: „Thara, sage mir, bist du vielleicht für den

gesundheitlichen Zustand der Prinzessin verantwortlich?“

Die guten Hexen blieben ihrem Vorsatz treu, niemals lügen.

„Ja, sonst ändert sie sich nie! Wir wissen doch, wie schwer du es mit ihr hast.“

„Thara, nun habt ihr es zu weit getrieben! Du wirst von mir hören!“

„Na, na, schon gut! Bleib ganz ruhig und hör mir zu! Nimm dieses Silberwasser und betupfe damit

ihre Haut, dann verdünnst du drei Tropfen davon mit Wasser und gib ihr davon zu trinken“, lächelte

sie.

Wutentbrannt griff der König nach dem Fläschchen und verließ das Hexenlager. Die Trollkinder

waren immer noch beim Spiel. „Haben die guten Hexen dich geärgert, du blickst recht grimmig

drein? Wärst du bei uns bösen Trollen geblieben, dann hättest du für Ärger nicht soweit laufen

brauchen!“, höhnten die frechen Zwerge, lachten dazu schrill und schlugen Purzelbäume. Der

Herrscher schüttelte verächtlich den Kopf und beschleunigte seinen Schritt, bis er endlich den

Silberwald hinter sich ließ.

Als König Richard das Schloss betrat, kam ihm ein strahlender Josef entgegen.

„Unsere Prinzessin hat ihre Augen aufgeschlagen! Ich bin mir sicher, dass wieder alles gut wird.“

Eilig betrat der Vater das Gemach seiner Tochter. Prinz Bruno wich nicht von Susannas Seite. Der

König gab dem Arzt das Silberwasser und sagte ihm auch, wie er es anwenden solle. Der Arzt zog

beleidigt die Augenbrauen hoch, tat aber hernach, was der König von ihm verlangte. Gleich nach

der ersten Anwendung verbesserte sich die Haut der Prinzessin, das Schälen ließ nach und sie kam

zu Bewusstsein. Ihre ersten Worte waren für alle wie eine Erlösung aus einem bösen Traum.

„Vater! Kannst du mir verzeihen? Wie dumm war ich, dass ich tatsächlich glaubte, Schönheit wäre

das einzig Wahre.“

Richards Augen füllten sich mit Tränen. Am liebsten hätte er sein Kind in die Arme geschlossen,

doch sie war noch nicht schmerzfrei.

„Bruno, du hast an meinem Bett ausgeharrt, mir vorgelesen und meine Hand gehalten. Deine

Zuneigung hat mich durch die schwerste Zeit getragen und mein Herz tief berührt. Mit dir an

meiner Seite fühle ich mich wie die schönste und glücklichste Frau auf der Welt, auch ohne

Spiegel.“

Unbemerkt entfernte sich der König aus dem Raum und machte sich abermals auf den Weg zum

Silberwald. Keine bösen Trollkinder ließen sich blicken, alles war friedlich.

Im Hexenlager sangen Thara und ihre Mitschwestern wunderschöne Melodien. Niemand hätte

geglaubt, dass Hexen mit glockenreinen Stimmen gesegnet sein könnten. Eine Weile hörte er zu,

dann trat er zu ihnen und sprach seinen Dank aus: „Thara, du hast ein Wunder vollbracht! Aus

meiner Prinzessin ist ein herzliches Wesen geworden. Solltest ihr einmal meine Hilfe benötigen,

dann bin ich für euch da.“

Prinzessin Susanna wurde vollkommen gesund und ihr liebenswertes Wesen machte sie noch

anmutiger. In Bruno hatte sie ihre große Liebe gefunden. Doch noch eine Frage quälte sie: Wem

schuldet sie ihre Wandlung? Angenehm war sie nicht, aber erfolgreich, musste sie sich eingestehen

und befragte eines Tages dazu ihren Vater, ob er nicht mehr wüsste. Dieser zwinkerte mit den

Augen. "Kommt morgen Mittag in mein Gemach."

In gemütlicher Runde erzählte er beiden am nächsten Tag von den guten Hexen im Silberwald. Die

Prinzessin beschloss, ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen und ließ ihnen im Hexendorf neue, schöne

Häuschen bauen. Auch lud sie Thara und ihre Mitschwestern zur Hochzeit ein. Sie unterschieden

sich in Aussehen und Benehmen nicht vom Hochadel. In festlichen Kleidern kamen sie und wurden

gebeten, ihre schönsten Lieder zu singen. Jedermann glaubte, ein Engelschor wäre erschienen. Eine

der prächtigsten Hochzeiten, die es je gab, wurde drei Tage und Nächte hindurch gefeiert.

König Richard lebte noch viele Jahre bei seiner Tochter, der Königin Susanna, und ihrem Gemahl,

König Bruno.

© By Sissy Gross