Zeichnung: Jutta E. Schröder

 

Rosalie, die schwarze Nebelreiterin

 

Im sonnigen Lavatien lebte auf einer Burg einst Don Carlo mit seiner schönen Gemahlin Ramona. Deren Untertanen liebten und verehrten die beiden, denn sie waren gütige Herrscher. Das Land gedieh unter ihrer Hand, Mensch und Tier lebten zufrieden. Das Schicksal schenkte ihnen eine gesunde Tochter, die auf den Namen Rosalie getauft wurde. Sie war das Glück ihrer Eltern und wuchs zu einem hübschen, fröhlichen Mädchen heran. Wie der Wind ritt es über die Ländereien und durch die Wälder. Sein rabenschwarzes Haar glänzte im Sonnenschein und flatterte im Wind. Don Carlo  liebte seine Tochter über alles.

„Ach, Carlo, gewöhne dich an den Gedanken, dass unsere Kleine irgendwann die Burg verlässt, um das Leben auszukosten“, sprach Ramona nachdenklich zu ihrem Mann. Sie war davon überzeugt, dass sich schon bald Jünglinge aus dem Adel für Rosalie interessieren würden. „Daran möchte ich nicht denken, obwohl es zum Leben gehört, dass die Kinder flügge werden“, erwiderte Don Carlo ernst. Dann aber schoben sich schwarze Wolken über die Burg und großes Leid zog ein.                                               

Die Burgherrin verlor ihre Gesundheit, magerte ab, ihr sonst so strahlendes Gesicht wurde fahl, die Augen wurden glanzlos und der Blick leer. Don Carlo war verzweifelt und auch der Arzt stand vor einem Rätsel. „Ihre Gemahlin leidet unter einer unbekannten Krankheit“, sagte er kopfschüttelnd. Ramona rief ihre Tochter zu sich: „Liebling, ich möchte dir etwas geben.“ Sie ergriff Rosalies Hand und legte ein Amulett in Engelsform hinein, das ein geheimnisvolles Licht ausstrahlte. „Mama, was ist das?“, fragte die Tochter verwundert.                                                     

„Dieses Andenken habe ich von meiner Mutter erhalten, nun gebe ich es an dich weiter. Es möge dich vor Unheil bewahren, pass gut darauf auf.“ Rosalie drückte der Mutter einen Kuss auf die blassen Lippen und verließ rasch das Zimmer. Die Kranke sollte ihre Tränen nicht sehen. Ramona wurde von Tag zu Tag schwächer, ihr Körper war von dunklen Flecken übersät und dann starb sie. Don Carlo und Rosalie mussten von ihr Abschied nehmen.

Eine lange Zeit der Trauer brach an. Don Carlo gab allein der Gedanke an seine Tochter Rosalie Kraft. Die Vorstellung, dass er sie eines Tages auch verlieren sollte, konnte er einfach nicht ertragen. Wie aber sollte er es anstellen, das Mädchen an sich zu  binden?

Im Burgwald lebte der Gnom Kralax, der unsterblich in Rosalie verliebt war. Wenn sie durch den Wald ritt, saß er auf einer Baumwurzel und blickte ihr sehnsüchtig hinterher. „Warum nur kann ich kein Mensch sein?“, seufzte er. „Wäre ich einer, bekäme ich nicht nur das Mädchen, sondern auch die große, schöne Burg.“ Doch dann fiel ihm die Hexe Calleka ein. „Ich bin sicher, sie kann mir helfen!“ Kralax suchte die Alte auf und versprach ihr goldene Kirschen, wenn sie ihm behilflich sei. Er wusste, dass diese kostbaren Früchte im Garten von Don Carlo wuchsen. Allerdings, sollte ein Unbefugter nur eine von ihnen stehlen wollen, dann würde der Dieb sofort verbrennen.

Die Hexe Calleka sagte zu ihm: „Nun gut, du bekommst die Tochter des Burgherrn und ich dessen goldene Kirschen. Rosalie werde ich hässlich zaubern und du wirst ein Mensch. Aber erwarte keine Glanzleistung von mir. Du musst Rosalie außerdem ehrlich lieben und sie heiraten, bevor ein anderer Mann ihre Lippen berührt. Hast du auch wirklich keinerlei Hintergedanken, Kralax?“                             

„Für solch ein schönes, reiches Mädchen tue ich alles“, versicherte er grinsend.                                                       „Ohne Hintergedanken!“, zischte Calleka. „Solltest du versuchen, mich zu betrügen, dann wirst du dein restliches Leben als kleiner Wurm fristen müssen. Ich weiß, dass Don Carlo sich von seiner Tochter nicht zu trennen vermag. Geh und überzeuge ihn davon, dass ein hässliches Mädchen vor jedem Freier sicher ist.“                                                                                                                                                                                         Tatsächlich ließ Don Carlo sich von Kralax beschwatzen, Rosalie hässlich zaubern zu lassen, damit sie ihm erhalten bliebe. Als Lohn für diese Vermittlung verlangte der Gnom die goldenen Kirschen und die Hand des Mädchens. Mit ihm würde er dann in der schönen Burg leben. Don Carlo sagte auch dazu JA und Kralax eilte blitzschnell zur Hexe. Calleka verwandelte Rosalie in ein hässliches Mädchen mit vorstehenden Augen, strähnigem, glanzlosem Haar und einer Knollennase, den Gnom in einen großen, grobschlächtigen Mann.                                                                                                                                                                                               „Gib mir die goldenen Kirschen!“, forderte die Alte.                                                                                                   „Oh nein“, grinste Kralax. „Die kriegst du erst, wenn Rosalie meine Liebe erwidert.“

Fortan lebte er neben der unansehnlichen Rosalie und dem überglücklichen Don Carlo auf der Burg. Nur eins wollte ihm nicht gelingen, die Liebe des Mädchens zu erringen. Deshalb quälte ihn eine Sorge besonders. „Sollte ein anderer Mann Rosalies Lippen berühren, dann erhält sie ihre Schönheit zurück. Er wird sich in sie verlieben, sie entführen und ich muss als Wurm umherkriechen!“, klagte er.                                                                                                                                                                               Don Carlo klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Kralax, wo denkst du hin, das wird nicht geschehen.“

Rosalie lebte niedergedrückt und still dahin. Sie schwor sich, bis zu dem Tag, an dem der Fluch von ihr genommen wurde, nur schwarze Kleidung zu tragen. Ihre einzige Freude waren die nächtlichen Ausritte zu Pferd. Da konnte sie sicher sein, keinem Menschen zu begegnen.                                         Calleka ließ Rosalie nicht aus den Augen. Damit niemand sah, was aus dem hübschen Mädchen geworden war, hüllte es die Hexe in Nebel, sobald die Unglückliche die Burg verließ. Auch hoffte sie, dadurch jeden anderen Mann von Rosalie fernzuhalten. Irgendwann würde das Mädchen Kralax schon heiraten und sie bekam endlich die goldenen Kirschen.

Don Carlo wurde allmählich bewusst, was er aus Egoismus angerichtet hatte. Nur kam die Reue zu spät, der Zauber ließ nicht mehr rückgängig machen. Rosalie ging dem Vater aus dem Weg. Mit Kralax sprach sie kein Wort. Nachts schloss sie sich in ihrer Kammer ein.

Eines Tages trat Rosalie wieder einmal vor den Spiegel, band ihr schwarzes, strähniges Haar zusammen und beobachtete, wie die Tränen über ihr Gesicht rannen. Eine davon tropfte auf das Engel-Amulett, das Einzige, was ihr von der Mutter geblieben war. Zärtlich glitt ihre Hand über das Schmuckstück. „Könnte ich doch nur diesem Fluch entfliehen“, dachte sie verzweifelt. Wie hatte der Vater sich nur auf diesen Kralax einlassen können?                                                                                                                                                           Sie stürzte zum Fenster, riss es auf und schrie in den Himmel hinauf: „Mutter, sieh mich an! Sieh, was dieses Ungeheuer aus deinem Mädchen gemacht hat. Mama, ich bin nur noch eine Fratze!“ Weinend brach sie auf ihrem Bett zusammen und schlief irgendwann ein.

Am nächsten Morgen wachte Rosalie erleichtert auf. Der Gefühlsausbruch vom gestrigen Abend hatte ihrer Seele gut getan. Sie eilte ans Fenster. Draußen begrüßte sie das herrlichste Wetter. Doch was hatte sie davon? Andere junge Frauen saßen am Nachmittag in der Sonne bei einer Tasse Tee. Sie aber führte ein Schattendasein. Lange gab sie sich den traurigen Gedanken jedoch nicht hin. Sie musste stark bleiben.

In der darauffolgenden Nacht stieg sie auf ihr Pferd und ritt stundenlang querfeldein. Der Nebel, der sie umgab, glitzerte im Mondlicht. Die Hexe Calleka begleitete sie wie stets unbemerkt in Gestalt eines schwarzen Vogels. Rosalie liebte die Ausritte in der Dunkelheit und diese friedliche Ruhe. Tief atmete sie den säuerlichen Duft des feuchten Waldbodens ein. Sie hörte einen Reiter auf sich zukommen, riss das Pferd herum und trieb es im Galopp zurück. Der Reiter verfolgte sie, neugierig zu erfahren, wer da vor ihm floh. Außerdem hatte er im Dorf die Legende von der Nebelreiterin gehört. Vielleicht war sie das?                                                                                                                                                                                               Rosalies Pferd sprang über einen Busch, sie blieb hängen, stürzte aus dem Sattel und verlor das Bewusstsein. Der Nebel, der sie umgab, löste sich langsam auf. Als der letzte Nebelfaden verschwunden war, ging die Sonne auf und der erste Sonnenstrahl fiel auf das Engel-Amulett, das sofort hell erstrahlte. Der fremde Reiter bemerkte das Leuchten und fand die Ohnmächtige. Er rüttelte sie, doch sie schlug die Augen nicht auf. Da versuchte er, ihr seinen Atem einzuhauchen, wie ein alter Medikus es ihn einmal gelehrt hatte. Sobald er die Lippen des Mädchens berührte erwachte Rosalie. Kugelblitze schossen an ihnen vorbei und aus dem Baum schrie ein schwarzer Vogel: „Scher dich zum Teufel! Sie gehört Kralax!“                                                                                                                                                                                             Der Reiter hörte es nicht. Er betrachtete verwundert das bildhübsche Gesicht der jungen Frau, die eben noch hässlich gewesen war und Rosalie erkannte an seinem Blick, dass der böse Zauber von ihr genommen war.

Der Fremde brachte sie zur Burg zurück, wo Don Carlo seine Tochter überglücklich in die Arme schloss. Rosalie vergab ihrem Vater von Herzen. Don Carlo jagte Kralax aus der Burg. Rosalie verliebte sich in ihren Retter, der Peter hieß und nicht weit von ihnen auf der Burg seines Vaters lebte. Sie verbannte die schwarze Kleidung aus dem Schrank und sah nun in ihren farbenprächtigen Gewändern noch reizvoller aus.

Der Gnom eilte zur Hexe, um den Fluch, der ihn treffen würde, abzuwenden. Die forderte, er solle ihr alle goldenen Kirschen bringen und keine einzige auslassen. Vergäße er eine, dann träfe der Fluch dennoch ein. Also rannte Kralax los und versuchte, die Kirschen zu stehlen. Aber er vergaß, dass sein Vertrag mit Don Carlo  hinfällig war: Rosalie war wieder eine Schönheit geworden. Er griff nach der ersten Kirsche und – schon ging er in Flammen auf.

Rosalie und ihr Retter wurden vermählt und alle Dorfbewohner waren zur Hochzeit geladen. Während der Zeremonie hörte die Braut die Stimme ihrer Mutter, die aus dem Amulett zu kommen schien: „Ich habe dich die ganze Zeit beschützt, meine Tochter. Nun habe ich Ruhe gefunden und steige in den Himmel hinauf.“ Rosalie blieb mit ihrem Peter bei Don Carlos in der Burg wohnen.

Das alte Gemäuer erfüllte bald Kinderlachen. Und die goldenen Kirschen – man sollte es nicht glauben – schmeckten ausgezeichnet, wenn sie nur in die richtigen Hände gerieten.

 

© By Sissy Gross