Zeichnung: Jutta E. Schröde

Thron und Erbe, oder Liebe und ein kleines Wunder

 

Vor vielen Jahren erwählte Prinz Eugen die bürgerliche Lale zu seiner Gemahlin. Das altehrwürdige Königshaus Brisani war strikt gegen diese Liebe und stellte ihn vor die Wahl: Entweder Thron und Erbe, oder diese Heirat. Eugen entschied sich für Lale. In Folge dessen wurde der junge Thronfolger enterbt, auch der Adelstitel wurde ihm entzogen. Verletzt verließ er daraufhin das elterliche Schloss und bezog mit seiner Lale ein altes, kleines Haus. Den Lebensunterhalt verdiente er sich mit schwerer Arbeit in einer Schmiede. Eugen und Lale waren nicht reich aber glücklich, nicht nach dem strengen Protokoll des Palastes leben zu müssen.

Bald kündigte sich Nachwuchs an und das Schicksal meinte es gut mit ihnen. Es schenkte dem Paar ein gesundes Töchterchen, das auf den Namen "Lucy" getauft wurde. Das Mädchen wuchs heran und an ihrem fünften Geburtstag erschien ihr die winzige Fee Leila. Nun hatte sie eine richtige Freundin, der sie alles anvertrauen konnte, was ihr auf dem Herzen lag. Mutter und Vater waren im Glauben, ihre Tochter hätte sich eine Fantasiegestalt erschaffen, wie so viele andere kleine Mädchen auch.

Weihnachten stand vor der Tür. "Lucy, achte auf ein bestimmtes Zeichen, wenn du auf dem Weihnachtsmarkt bist! Dann werden alle Sorgen, die noch auf euch zukommen, sich zum Guten wenden. Es wird ein kleines Wunder geschehen", sprach die Fee mit feiner, verheißungsvoller Stimme. "Auf welches Zeichen denn?", wollte Lucy wissen. "Das sollst du selbst herausfinden, wenn ich dir alles verrate, hältst du deine Augen nicht auf, du würdest es dann nicht erkennen."  Schon war die Fee verschwunden.                                                                                                                

Am späten Nachmittag des dritten Advent saß Lucy auf dem Boden der Stube und drehte nachdenklich an einer ihrer schwarzen Locken. "Was Leila bloß für ein Zeichen meint? Wie soll ich das denn finden und vor allem wo? Am Himmel? An einem Stand? Vielleicht an der großen Kirchturmuhr?" Ihr wurde ganz schwindelig.                                                  

„Lucy! Wo bleibst du denn?“, rief die Mutter. „Wir wollen doch alle zusammen zum Weihnachtsmarkt!“ Es dämmerte bereits und alle drei machten sich auf den Weg. Aus der Ferne hörten sie Weihnachtsklänge. Bald stieg der Duft von gebrannten Mandeln und Zuckerwatte in Lucys Nase. Ihre blauen Augen strahlten mit den Lichtern um die Wette, denn jedes Jahr gab es Neues und Schönes zu entdecken. Vaters Hand hielt sie fest umschlossen. Doch von allen Seiten drängelten, schoben und schubsten die Menschen, bis Vater sein Mädchen auf die Schulter setzte. Nun konnte Lucy die vielen Stände und Büdchen überblicken, in denen die Händler ihre Waren anboten. Wie fröhlich die Baumkugeln, Kerzen und Glöckchen in allen Formen und Farben glitzerten. An einem Stand mit Schnitzarbeiten blieben sie stehen. Lucys Mutter liebte diese Kunst, vor allem die schönen Engel. Da entdeckte Lucy ganz weit oben ein Holzhäuschen, in dem ein Männchen stand.„Papa, was ist das für ein Häuschen, was macht das Männchen darin?“                                        

„Das ist ein Wetterhäuschen. Das Männchen zeigt an, welches Wetter uns erwartet. Bei Sonnenschein steht es draußen, bei Regen bleibt es drinnen.“                                                                                                                                      Lucy konnte sich nicht vorstellen, wie das gehen sollte. Wie konnte das Männchen voraussagen, ob Sonne scheinen oder Regen fallen würde? Immer wieder blickte sie zum Regal hoch. Mit einem Mal glaubte sie, das Männchen hätte ihr zu gezwinkert. Verwirrt schaute sie weg, doch bald schon neugierig wieder hin. Da! Wieder dieses Zwinkern! Wie gerne hätte sie dieses Spielzeug haben wollen. „Mama“, bettelte sie und zeigte nach oben, "kannst du mir das Häuschen da kaufen?“ Erstaunt sah die Mutter ihre Kleine an: „Aber Kind, damit kannst du nicht spielen. In dieser Jahreszeit wird das Männchen wohl in seinem Häuschen bleiben. Das wäre doch bald langweilig, außerdem ist es doch kein Spielzeug für ein kleines Mädchen!“                                                                                                                                                                       

„Oh, Papa, sag du doch ja! Ich möchte das Häuschen nur zum Anschauen, nicht zum Spielen!“ Die Eltern blickten sich lächelnd an. Lucy sollte ausnahmsweise ihren Willen haben. Der alte Verkäufer griff nach oben ins Regal, holte das Häuschen herunter und gab es ihr.                                                                                                                               Lucy strahlte und fragte: „Hat meine Mama jetzt das letzte gekauft?“                                                                                 Er nahm die Brille von der Nase, beugte sich zu ihr runter und flüsterte: “Nein, nicht das letzte sondern das einzige. Nur dieses eine habe ich für ein ganz besonderes Mädchen hergestellt. Ja, und dieses Märchen bist du, ich weiß es!“

Lucy war überglücklich, nahm das Häuschen und reichte es der Mutter, die es in einer großen Einkaufstasche verstaute. Nun wollte Lucy schnell nach Hause, damit Vater das Wetterhäuschen noch am Fenster befestigen konnte, bevor sie schlafen ging.                        

Am nächsten Morgen stand sie frühzeitig auf und betrachtete das Wetterhäuschen. Das Männchen zwinkerte ihr nicht mehr zu, auch nicht nach dem Weihnachtsfest. "Vielleicht habe ich mich auf dem Markt durch die vielen Weihnachtslichter ja getäuscht", dachte sie.

Endlich kam der Frühling. Die Tage wurden länger, die Bäume trugen wieder ihr grünes Kleid und die Vögel bauten Nester. Am ersten wirklichen Sonnentag zeigte sich auch das Wettermännchen. Lucy war stolz. Jetzt konnte sie ihren Freundinnen sagen, ob ein Ballspiel auf der Wiese lohnte, oder es besser wäre, mit den Puppen im Haus zu spielen. Doch nach sieben Tagen blieb das Wettermännchen einfach wieder im Häuschen, obwohl die Sonne schien. Enttäuscht ging Lucy an diesem Tag zur Schule. Jetzt konnte sie kein Wetter mehr verkünden.

Mit hängendem Kopf kam sie auch nach Hause. Als sie die Küche betrat, saß ihr Vater am Tisch. Wieso war er um diese Zeit nicht bei der Arbeit? Eine merkwürdige Stimmung herrschte im Raum. "Setz dich, Kind“, sagte die Mutter, "und höre, was Vater zu sagen hat.“                                                                                                                               Vaters Stimme klang zittrig: „Meine Süße!“ Mir fällt es schwer, dir sagen das zu sagen: Ab sofort habe ich keine Arbeit mehr! Der Schmied musste seine Schmiede schließen. Aber dein Papa hat bestimmt bald wieder Arbeit!“         Lucy rannte weinend aus der Küche, stürmte in ihr Zimmer und riss das Fenster auf. Sie stellte das Wetterhäuschen aufs Bett, holte das Männchen heraus, hielt es fest mit beiden Händen und schimpfte los: „Du hast Schuld an allem! Nichts als Pech hast du uns gebracht! Das Wetter zeigst du nicht mehr an, meine Freundinnen lachen über mich, und mein Papa hat keine Arbeit mehr. Du bist Murks, deshalb hat dich der alte Mann verschenkt!“ Wut und Enttäuschung stiegen in ihr hoch: „Weißt du was? Im Ofen verbrennen sollte man dich, da gibst du wenigstens noch ein wenig Wärme ab. Was soll ich mit dir, wenn du uns nur Unglück bringst? Außerdem bist du wohl kaputt!“ Lucy wartete sehnsüchtige auf die kleine Fee Leila und rief verzweifelt. "Bitte, sag mir, was wir tun sollen!" Doch Leila ließ sich nicht blicken. Das kleine Mädchen sollte selbst erkennen, welchen großen Fehler es gerade begangen hatte. Die Eltern, die alles mit angehört hatten, riefen Lucy zu sich: „Warum gibst du dem Wettermännchen die Schuld an allem? Es besteht doch nur aus Holz!“, erklärte der Vater.                                                                                                                                                                                  

„Ach, Papa! Ich bin so enttäuscht.“

Zurück in ihrem Zimmer, stellte Lucy fest, dass das Häuschen leer war. Wohin war das Männchen verschwunden? Wie sie auch suchte, sie konnte es nicht finden. Lucy, warf sich aufs Bett und weinte bitterlich. Das hatte sie nicht gewollt! Warum hatte sie so ungerecht gehandelt? Plötzlich spürte sie ein Kitzeln im Gesicht. Neben ihr saß das Männchen. Mit seinen winzigen Fingern wischte es ihr eine Träne fort. Hatte sie das gerade geträumt? Behutsam nahm sie es in die Hände, drückte es ganz sacht an ihre Wange und flüsterte: „Ich bin so froh, dass du wieder da bist, obwohl ich so schrecklich böse zu dir war.“ „Bitte verbrenn mich nicht im Ofen! Ich möchte bei dir bleiben. Es wird alles gut!“Erschrocken ließ sie das Männchen aufs Kissen plumpsen. „Wieso kannst du sprechen?“ Als sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte, sah sie goldene Münzen auf ihrem Kopfkissen liegen. „Woher kommen die denn?", Lucys Stimme überschlug sich fast bei diesem Anblick.                              

„Ich will es dir erzählen", erwiderte der kleine Kerl. „Seit ich bei dir bin, hast du mich nur betrachtet, niemals das Fenster geöffnet, mich nie angesprochen. Heute geschah es zum ersten Mal. Zwar hast du mich angeschrien, aber egal, die Hauptsache war, ich wurde mit Leben erfüllt! Das hätte gleich nachdem ich bei dir eingezogen war, geschehen müssen. Doch das wusstest du nicht und die Fee war der Meinung, dass du für euer Glück auch selbst etwas tun solltest. Na ja, ein wenig spät, aber ich lebe endlich!" Das Männchen sprach mit ihr wie Vater und Mutter. Lucy kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und entschuldigte sich ehrlich. Doch wollte sie nun genau wissen: „Was bedeuten aber die Münzen?"                                                                             

Das Wettermännchen setzte sich auf ihren Bauch und schmunzelte: “Die Goldmünzen sind meine getrockneten Tränen. Ich will sie euch schenken! Als ich dir auf dem Weihnachtsmarkt zuzwinkerte, wünschte ich, dass du mich mitnimmst!“                                                                                                                                                                               Lucy schüttelte ihren Kopf: „Aber ich möchte nicht, dass du für uns weinst, auch wenn es Goldmünzen sind!“ „Sorge dich nicht, ich muss nicht nur weinen, wenn ich traurig bin. Ich weine auch, wenn ich mich freue und dann lache ich Glückstränen!“

Und so war das kleine Wunder geschehen. Die Familie zog aufs Land, der Vater züchtete Pferde und Lucy wuchs in gesunder Luft auf. Was machte das Wettermännchen? Es sagte noch immer das Wetter voraus, was sich bei der Heuernte als äußerst nützlich erwies. Aber von nun an weinte es nur noch Glückstränen. Da das Männchen sich über so viele Dinge unendlich freuen konnte, gingen die Goldmünzen nie zur Neige.

Als Lucy sieben Jahre alt war, erzählte ihr der Vater, dass er eigentlich Prinz und Thronfolger dieses Königreiches war. Auf Drängen der Kleinen besuchten alle gemeinsam Eugens königliche Eltern und Lucy lernte ihre Großeltern kennen. Endlich söhnte sich der Prinz mit Vater und Mutter aus. Zurück ins Schloss kehrte Eugen nicht, auch nahm er den Titel nicht wieder an. Sein freies Leben als jemand aus dem Volke wollte er gerade jetzt nicht gegen die Krone eintauschen. So blieb alles wie es war, allerdings mit allen im Frieden. Und wer weiß, vielleicht wird ja Lucy einmal Regentin dieses Königreiches.

Ein allerletztes Mal zeigte sich die Fee Leila, als Lucy bereits im Bett lag, lächelte und sagte: "Na, habe ich dir zu viel versprochen? Du hast letztendlich alles gut gemacht und nun wünsche ich euch alles Glück dieser Erde." Am Fenster drehte sie sich noch einmal um, warf Lucy einen Handkuss zu und winkte dem Wettermännchen zum Abschied, worauf dieser vor seligem Entzücken sofort ein paar Goldmünzen weinen musste.

© By Sissy Gross

 

   

 

 

 

 


 


 


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