Das Christkind von der Kirchentreppe

 


Aufgrund besserer Arbeitsbedingungen war Paul vor drei Jahren mit seiner Frau Lina und den
Kindern Clara und Flori vom Land in die Stadt gezogen. Oma Erna lebte auch bei Ihnen, sie wurde
von Lina umsorgt, weil die alte Dame schon ein wenig tüdelig war. Beide Kinder gingen in die
Grundschule. Clara besuchte die vierte Klasse, ihr Bruder Flori wurde kürzlich erst eingeschult. Der
Herbst zeigte sich von seiner robusten Seite mit Regen, Sturm und buntem Laub. Kastanien und
Eicheln fielen zu Boden, die von Kindern aufgesammelt wurden, um lustige Männchen daraus zu
basteln.
Paul hatte eine Anstellung als Assistenzarzt in einer Kinderklinik, Lina konnte wegen Oma Erna
keiner Arbeit nachgehen. Ihren Lebensstandard bezeichneten sie als „Normal“, sie hatten nicht zu
wenig aber auch nicht zu viel. In der Woche vor dem ersten Advent brachte Paul schlechte
Nachricht mit nach Hause. Die wurde wegen Einsparungen geschlossen, nun war er arbeitslos.
„Oh je”, sagte Lina nach dem ersten Schock, „wenn ich doch nur arbeiten könnte, die Pflege von
Oma möchte ich trotzdem nicht in fremde Hände geben. Wie es aussieht wird's für unsere Kinder
ein mageres Weihnachten!“, endete Lina bedrückt. Paul legte tröstend einen Arm um ihre Schulter:
“Verhungern werde wir nicht, wer weiß, vielleicht bringt mir das Christkind einen neuen Job!“ Lina
musste schmunzeln und fragte nach: “In einem Paket mit Schleife oder in einer Weihnachtstüte?”
Oma Erna meldete sich zu Wort: “Kinder, wenn es keine andere Lösung gibt, dann gehe ich ins
Altersheim!“
„Schwiegermutter, dass kommt überhaupt nicht in Frage! Du bleibst bei uns, irgendwie geht alles
weiter!“, entgegnete Lina. Den Kindern wollten sie nicht verschweigen, dass sich nun einiges
ändern würde, jede Ausgabe müsste gut überlegt sein. Clara und Flori wollten freiwillig auf das
Schwimmbad, den Rummelplatz und die extra Portionen Eis im Sommer verzichten.
„Auf das Schwimmen werdet ihr nicht verzichten, weil dies nur Vorteile für euch bringt. Es hält
euch fit und ist gesund!“, endschied der Vater.
“Papa hat Recht, doch den Hundewelpen, den ihr euch vom Christkind gewünscht hattet, können
wir uns vorerst nicht leisten!“, gab die Mutter zu verstehen. „Mama, Papa, so ein Welpe ist doch
klein, er wird uns keinen Platz wegnehmen!“, quengelten die beiden.
„Der will aber ordentlich wachsen und dafür braucht er Futter und medizinische Versorgung. Die
Tierarztkosten können wir uns zurzeit einfach nicht leisten!“, versuchte Paul zu erklären. Flori
meinte: “Ich werde mein Essen mit dem Hündchen teilen!“ Lina schüttelte ihren Kopf und
widersprach: „Nein Flori, dann würdest du nicht ordentlich wachsen!“ Die Kinder schmollten. Paul
ging mit gutem Beispiel voran, schaffte das teure Auto ab und legte sich ein Fahrrad zu.
Der Winter kam mit großen Schritten. Der Frost verwandelte die Gräser in weiße Halme, schon bald
würde der erste Schnee fallen. Auf ihrem Weg zur Schule kamen Clara und Flori an einer Kirche
vorbei. Auf der Treppe zur Kirche saß an diesem Morgen ein Mann in zerlumpter Kleidung,
ungepflegt und nicht rasiert. Als er zu ihnen herübersah, flüsterte Clara: “Flori, sieh nicht hin, das
ist ein Bettler, wir gehen einfach schnell weiter.“
Nach Schulschluss saß der Bettler immer noch auf der Kirchentreppe, er sprach Clara an: “Mädel,
hast du vielleicht ein Stück Brot für mich?“ Clara musste an die Worte ihrer Oma Erna denken:
“Wenn ein Mensch dich nach Brot fragt, verweigere es ihm nicht, wenn du welches dabei hast, denn
dann ist er hungrig!“ Clara holte ihre Brotdose hervor und gab ihm die übriggebliebene
Pausenstulle, den angebotenen Apfel lehnte er ab mit den Worten: “Sieh, ich habe bereits einen
bekommen, von dem netten kleinen Jungen, mit dem du den gleichen Schulweg hast!“ Clara
erklärte: “Der ist mein Bruder Flori!“ Der Bettler bedankte sich und lachte Clara an, sie sah seine
auffallend gepflegten weißen Zähne.
Am nächsten Morgen machte die Mutter wie gewohnt die Schulbrote. Flori bat sie: “Mama gib mir
bitte wieder einen Apfel mit, der war so lecker!“
„Jetzt staune ich aber, du fragst nach Obst?“, wunderte sie sich. Clara betrat die Küche und fragte:
“Mama, machst du mir bitte eine Stulle mehr?“ Lina sah ihre Kinder verwundert an, in ihr kam ein
Verdacht hoch: “Ist ein Kind in euren Klassen, was ohne Pausenbrot zur Schule kommt?“
„Nein, wir haben jetzt nur mehr Appetit!“, antworteten sie wie aus einem Mund und machten sich
schnellen Schrittes auf den Weg.
„Möchtet ihr mir heute beim Plätzchen backen behilflich sein?“, rief Lina ihnen nach.
„Oh ja”, lautete die Antwort.
Schnurstracks gingen die beiden auf dem Bettler zu, gaben ihm Obst und eine Stulle. Er bedankte
sich höflich und bat sie, sich zu ihm zu setzen. Viel wollte er über sie erfahren: Wie sie hießen, was
der Vater beruflich arbeitet, womit die Mutter sich beschäftige, ob sie schon einen Weihnachtsbaum
hätten, und was sie sich vom Christkind wünschten.
„Flori gab auf all seine Fragen eine Antwort: „Das ist meine Schwester Clara und ich bin Flori.
Dieses Weihnachten nehmen wir Oma Ernas künstlichen Baum. Für sie wünsche ich ein
Fußbänkchen, damit ihre Beine nicht über den Boden baumeln müssen, schön wäre es, wenn das
Christkind unserem Papa einen Job schenken würde. Weiß du? Er ist Arzt für schwerkranke Kinder.
Papa ist nicht mehr glücklich, er lacht so selten!“, plapperte er los.
„Sagt mir, friert ihr nicht in diesen dünnen Jacken?“, wollte der Bettler auch noch wissen.
“Doch, unsere Winterjacken sind zu klein geworden, unser Papa hat keine Arbeit mehr, deshalb sind
wir immer Pleite!“, antwortete Flori keck.
“Florian, was redest du?“, wies ihn Clara zurecht.
„Ist doch wahr, weil Papa keine Arbeit hat, bekommen wir doch auch den Welpen nicht!“, zickte
Flori.
„Florian, wir müssen jetzt zur Schule!“, befahl Clara. Flori wusste, wenn er Florian genannt wurde,
war er nicht artig.
„Der Bettler ist uns fremd, du solltest ihm nicht so viel über uns erzählen!“, klärte Clara ihren
Bruder auf. Nach Schulschluss war die Kirchentreppe leer.
“Wo war der Bettler hin?“, fragte sich Clara.
Plätzchen backen, daran hatten alle Spaß. Der Duft von Kokos, Vanille, Zimt und anderen
Weihnachtsgewürzen zog durchs Haus. Besonders freuten sie sich auf die erste Kostprobe der
Kokosmakronen und Pfeffernüssen. Hm, lecker! Mama hatte die besten Rezepte.
In der Nacht hatte es durchgehend geschneit, der Schneeräumdienst war schon sehr früh unterwegs.
Flori beschwerte sich: “Mama, hier kann ich nicht rodeln, wir sehen keine Hasen durch den Schnee
hoppeln, hier ist alles doof! Warum mussten wir hierher ziehen, wenn Papa doch keine Arbeit hat?”
Mitleidig sah sie ihn an: “Kind, dass konnten wir nicht erahnen!“ Sie gab ihnen Selbstgebackenes
mit und wandte sich ihrer Hausarbeit zu.
Clara und Flori machten sich auf den Schulweg. Sie froren in ihren dünnen Jacken, nur Hände Hals
und Kopf wurden durch Selbstgestricktes von Oma Erna vor der Kälte geschützt.
Mit einer Schneeballschlacht machten sie sich warm. Sie sahen wieder den Bettler auf der
Kirchentreppe sitzen. Eine Decke hatte er sich umgelegt und winkte die Beiden zu sich. Sofort
gaben sie ihm von ihren Weihnachtsplätzchen ab und setzten sich neben ihn.
„Kokosmakronen, die esse ich für mein Leben gerne!“, freute er sich. Dann griff er hinter sich,
holte eine Tasche hervor und zog zwei Winterjacken raus. Clara und Flori sahen ihn mit großen
Augen an,und konnten nur ein „Danke“ stottern.
„Zieht sie gleich an, die dünnen Jacken haben in euren Ranzen Platz!“, riet er ihnen.
„Bist du schon das Christkind?“, fragte Flori und machte große Augen. Der Bettler lachte: “Ja! Das
Christkind von der Kirchentreppe!“ Dabei strich er ihm über seine verschneite Mütze. Nun mussten
sie sich beeilen, um nicht zu spät zukommen. Flori fragte: “Clara woher hatte der Bettler jetzt so
viel Geld, wie konnte er das Christkind bezahlen?“ Clara hatte sich auch ihre Gedanken darüber
gemacht, aber welche Antwort sollte sie ihrem kleinen Bruder geben, sie hatte nur eine Erklärung
dafür: “Entweder hatte er die Jacken geschenkt bekommen, oder sich das Geld zusammengebettelt.“
Heute mussten sie Zuhause Farbe bekennen. Als ältere der beiden nahm Clara ihren ganzen Mut
zusammen und beichtete den Eltern die Sache mit den Stullen, den Äpfeln und den
Weihnachtsplätzchen. Dann zeigte sie die neuen Jacken. Lina sah genauer hin und fragte aufgeregt:
“Wie kann ein Bettler solch teure Ware kaufen? Kinder, das sind Markenklamotten, vielleicht hatte
er sie gestohlen!“ Paul versuchte sie zu beruhigen: “Vielleicht auch nicht, dann sollten wir uns
wenigsten bedanken. Morgen Nachmittag könnte er zum Kaffee kommen, wir werden uns dann den
Herrn Bettler mal genauer ansehen.“
“Klasse", rief Flori! “Ihr werdet dann sehen, dass er ein netter Mensch ist."
Am nächsten Morgen überbrachten die Kinder dem Bettler freudig die Einladung ihrer Eltern, er
nickte nur und verließ sofort die Kirchentreppe. Clara und Flori hatten ihren letzten Schultag vor
den Weihnachtsferien. Nach Schulschluss blieb die Treppe leer, sie konnten nicht ahnen, dass er
dort auch nie wieder sitzen würde.
Lina kochte eine große Kanne Kaffee, die Familie wartete auf ihren Gast. Clara saß am Fenster und
meinte: “Vielleicht kommt er ja gar nicht, weil er sich für sein Aussehen schämt!“ Sie sah einen
großen Wagen, der direkt vor ihrem Haus hielt. Ein gut gekleideter Herr stieg aus, öffnete den
Kofferraum und holte einen Weihnachtsbaum heraus. In seiner anderen Hand trug er eine
Transportkiste und einen Blumenstrauß, damit stieg er die Stufen zur Haustüre hoch. Es klingelte.
Paul und Lina öffneten und vor ihnen stand ein Herr, er sich mit dem Namen Professor Peter Knoop
vorstellte und Lina den Blumenstrauß überreichte. Erst als er nach Clara und Flori fragte, ließen sie
ihn eintreten. Er wandte sich den verdutzten Kindern zu und fragte: “Ihr erkennt mich wohl nicht?
Ich bin euer Christkind von der Kirchentreppe!“, lachte er. Jetzt erkannte Clara ihn an seinen
weißen, gepflegten Zähnen. Paul bedankte sich für den Weihnachtsbaum, und Herr Knoop stellte
die Kiste auf den Boden. “Wollt ihr sie vielleicht aufmachen?“, fragte er die immer noch
sprachlosen Kinder. Flori war mutig und öffnete die Kiste. Ein Freudenschrei: “Ein Welpe! Wir
haben ein Hundebaby geschenkt bekommen!“ Nun kam auch Clara, um sich das süße Knäuel
anzusehen. AuchOma Erna wurde nicht vergessen, sie bekam ihr Fußbänkchen. Langsam lockerte
sich die Stimmung, die Kinder waren glücklich, und die Erwachsenen verstanden sich gut.
Professor Knoop holte ein Formular aus seinem Jackett und schob es Paul zu: “Ich bräuchte
dringend einen Stationsarzt für meine neue Kinderklinik, wenn Sie Interesse haben, müssen Sie
diesen Arbeitsvertrag nur noch unterschreiben.“ Paul las den Vertrag und wurde stutzig: “Sie sind
dieser berühmte Kinderkardiologe? Warum um alles auf der Welt sitzen sie dann auf der
Kirchentreppe?“
“Ja, der bin ich, so habe ich mir meine medizinischen Mitarbeiter zusammengestellt. Aber diese war
meine erste und letzte Aktion im Winter, so hart habe ich es mir nicht vorgestellt!“ Er lachte und
sprach weiter: “Ich lege Wert auf Hilfsbereitschaft, Verantwortungsgefühl und Menschlichkeit. An
ihren Kindern konnte ich erkennen, dass Sie der richtige Onkel Doktor für meine kleinen Patienten
sind. Meine Angestellten sind mit Freude dabei, ich hoffe auch Sie bald in unserer Mitte begrüßen
zu dürfen!“
Das Christkind von der Kirchentreppe hatte eine ganze Familie glücklich gemacht.