Der Weihnachtsstern und der Engel mit der Panflöte

 

Hoch im Norden, wo der Winter nie endet, befand sich Ivan nach der Jagd auf dem Heimweg. Der Hundeschlitten glitt knirschend durch den Schnee, den die tiefstehende, rote Sonne in vielen zarten Farben dahinglitzern ließ. Wölfe heulten in der Ferne, Schneehasen huschten am Jäger vorbei. Ivan liebte diese dämmrige Stimmung: „Bald haben wir es geschafft, dann gibt es
heißen Tee und Braten für mich und ihr bekommt euer Futter. Das
Wildschwein wird uns alle einige Tage satt machen“, sprach er aufmunternd zu den Hunden. Bitterkalt war es an diesem späten Nachmittag. Ivan kannte sowieso nur Schnee und Eis, aber in diesem Jahr war Väterchen Frost besonders streng mit Mensch und Natur. Der Jäger sah bereits die erleuchteten Fenster der einfachen Häuser seines Städtchens, das er so sehr liebte. Nur wenige Einwohner lebten dort, jeder kannte jeden und einer war
für den anderen da. Der aufsteigende Rauch aus den Kaminen und der Geruch von brennendem Holz, ließen in ihm ein wohliges, anheimelndes Gefühl aufkommen.
Unerwartet vernahm der Jäger feierliche Klänge einer Panflöte. Verwundert drosselte er das Tempo der Hunde. Über dem Tor zur Stadt leuchtete der Schweif eines Sternes, der eigenartigerweise nicht verlosch. Es schien, als kämen die Klänge von dort her. „So ein Unsinn, das träumst du nur! Wahrscheinlich ist dein Gehirn unterkühlt, oder es liegt an der vorweihnachtlichen Stimmung“, brummte er vor sich her. Er fuhr kopfschüttelnd weiter, schaute dabei trotzdem neugierig suchend in den Himmel und sah plötzlich auf dem Sternenschweif einen kleinen Engel sitzen,
dem Tränen über die Wangen rollten, während er auf einer Panflöte jetzt eine Melodie spielte, die Ivan mitten ins Herz traf. Er hielt an und stieg vom Schlitten. Doch plötzlich war der Engel verschwunden. Ivan rieb sich die Augen. „Ich bin zwar alt, aber doch nicht verrückt!“, dachte er verärgert.

 

Nachdenklich kam er zu Hause an, legte die Jagdbeute neben den Tisch auf den Boden, setzte sich schweigend und rührte nachdenklich in der Teetasse herum. Natascha, seine Ehefrau, beobachtete besorgt ihren Mann, während sie den Tee vom Herd nahm, um ihn in die bereitstehenden Tassen zu gießen. „Ivan, sag, ist dir ein Geist begegnet oder ist etwas passiert? Ist mit den Hunden alles in Ordnung?“
„Alles bestens“, antwortete er gleichmütig.
„Was ist denn los mit dir? In solch einer Verfassung bist du noch nie heimgekommen! Bisher hast du mit dem Umrühren wenigstens immer gewartet, bis der Tee eingegossen war“, versuchte sie ihn aufzumuntern. Doch ohne Erfolg. Ivan fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und sagte leise: „Frau, ich habe das Gefühl, ich werde verrückt! Erinnerst du dich noch an den Text und die Melodie, die unsere Maria immer auf ihrer Panflöte gespielt
hat?“Natascha sah ihren Mann verwundert an und antwortete schnell: „Aber ja! Das Lied von dem kleinen Vogel, der nicht flügge werden wollte, weil er Angst vor dem Leben hatte. Immer wieder flog er zurück zu seiner Mama ins behütete Nest.“
Natascha begann das Lied zu singen und Ivans Augen füllten sich mit Tränen. Sie brach abrupt ab und ließ ihren Mann weitersprechen. „Als ich heimfuhr, leuchtete über dem Stadttor ein Sternenschweif am Himmel, auf dem ein Engel saß und dieses Lied auf einer Panflöte spielte.“
„Bist du sicher, dass du dich nicht irrst? Dieses Lied hatte ich für unsere Tochter erfunden, auch die Melodie war von mir.“ Natascha erblasste, stellte die Kanne beiseite und setzte sich zu Ivan. Schmerzliche Erinnerungen kamen wie eine heiße Welle in ihr hoch. Mit Tränen in den Augen begann sie zu erzählen: „Ja, unsere Maria hatte sich entschieden, ihrem Mann zu folgen.
Im Streit sind wir auseinander gegangen. Da haben wir sie zum ersten Mal verloren. Dann kam diese unheilbare Krankheit und sie wurde uns zum zweiten Male und für immer genommen. Nun ist sie im Himmel und schaut auf uns herab. Mein Gott, sie war noch so jung! Und wir Alten krabbeln noch immer hier herum!“
„Nun übertreib mal nicht! So alt sind wir nun auch noch nicht“, beschwichtigte Ivan seine Frau, tätschelte ihren Rücken und meinte: „Wir wissen leider wenig über das kurze Leben unserer Tochter. Mit der Wahl ihres Ehegatten waren wir nicht einverstanden, also wandte sie sich von uns ab. Das war
sicher ein großer Fehler unsererseits. Aber wir hatten nun einmal bei diesem Mann kein gutes Gefühl. Doch halten kann man niemanden, der nicht gehalten werden will!“ Und im Stillen dachte er: „Das alles ist nun schon fast fünf Jahre her. Wer weiß, vielleicht war dieser Engel doch unsere Maria!“, sprach den Gedanken vor seiner traurig dreinblickenden Frau aber nicht aus.

 

Am nächsten Tag fragte der Jäger die Nachbarn, erkundigtes sich in der Schänke, ob nicht irgendjemand auch die Himmelserscheinung gesehen hätte. Aber niemand in der Kleinstadt hatte einen Engel mit einer Panflöte gesehen, geschweige denn eine Melodie gehört. Sogar die alte Trude, der
man Hexenkünste nachsagte und die immer alles wusste, konnte nichts zu dieser Sache beitragen.
Traurig kehrte Ivan am Abend zurück in sein Haus, setzte sich erschüttert zur Frau an den Tisch und sagte seelenwund: „Niemand außer mir soll die Erscheinung wahrgenommen haben? Das ist doch nicht möglich! Doch es muss wohl so sein! Es war nur eine Täuschung! Eine Einbildung! Aber es war so wirklich, so echt! Na, ja! Wahrscheinlich war ich vom Schnee geblendet
oder zu müde! Ich weiß es nicht!“                                                      „Lass gut sein!“, tröstete Natascha und trug das Abendessen auf.

 

Einen Tag vor Heilig Abend kam Ivan mit einem herrlichen Weihnachtsbraten und einer Tanne auf dem Schlitten heim. Er blickte über dem Stadttor zum Himmel empor. Kein Sternenschweif, kein Engel war zu sehen. Alles schien wie immer. Jedoch ein Duft von Lebkuchen, Zimt und anderen Gewürzen
stahl sich aus manch einer Tür und schlich um seine Nase. Wieder einmal umgab den Jäger das wohlige, anheimelnde Gefühl und es drängte ihn nach Haus.
Friedliche Stille lag über der schneeweißgezuckerten, kleinen Stadt. Wie in Watte gepackt standen die Häuschen da. Ivan hielt den Schlitten an, schaute sich um und genoss den Anblick, den er um diese Zeit so sehr liebte. Fenster waren mit Lichtern geschmückt oder von Kindern gemalte Bilder klebten hinter den Fensterscheiben. Doch zum länger Verweilen war es einfach zu
kalt. Er trieb seine Hunde an und war schon bald an seinem Hause
angekommen, klopfte sich den dicken Schnee von den Stiefeln und wollte gerade in die Stube treten, da ertönte plötzlich ganz nahe eine Panflöte mit lieblichem Klang. Neben dem Fenster des Jägerhäuschens saß derselbe Engel, den er am Himmel gesehen hatte, auf einem hell leuchtenden Sternenschweif. Ivan stand wie erstarrt und eine unerklärbare und unbändige Sehnsucht erfasste ihn. Tränen rannen über seine runzligen Wangen und
schmolzen kleine Löcher in den Schnee. Die Türe öffnete sich und Natascha stürmte heraus. „Ivan!“, rief sie. „Da bist du ja! Hör nur! Du hast dich nicht getäuscht. Ich höre mein Lied auch!“
Ivan zeigte mit zitterndem Finger auf den Engel und sprach mit bebender Stimme: „Schau nur! Der Engel! Es ist unsere Maria!“ Doch ebenso plötzlich wie der Engel aufgetaucht war, verschwand er auch wieder, an seiner Statt schwebte ein Zettel zu Boden. Natascha wich jegliche Farbe aus dem Gesicht. Sie begann zu zittern. Ivan griff sie bei den Schultern und rief total aufgelöst:
„Natascha! Das war sie … unsere Tochter! Ich habe Maria erkannt! Erinnerst du dich an die Narbe unter ihrem Auge! Sie hatte sich doch an der Tischkante verletzt, als sie zu laufen anfing. Unverkennbar auch ihre grünen Augen! Ich bin mir ganz sicher!“ Der Jäger beruhigte sich allmählich wieder, hob den Zettel auf, griff nach der Hand seiner blassen Frau und führte sie zurück ins
Haus. In der Küche nahmen sie auf der Ofenbank Platz. Den Zettel strich Ivan auf seinem Bein glatt, dann las er vor:                          „Geliebte Eltern! Nie habe ich mich bei euch gemeldet. Mir ging es bei meinem Manne nicht gut. Er hat mich für seine immer schlechter gehenden Geschäfte verantwortlich gemacht. Irgendwann ertrug ich das alles nicht mehr. Er verbot mir, zu euch
zu kommen. Er verbot mir einfach alles, was mein Leben auch nur ein wenig lebenswert gemacht hätte. Meine Seele und mein Körper wurden krank davon. Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr. Ihr hattet ja so Recht! Dafür hat mich das Schicksal hart bestraft. Aber ich finde erst meinen wahren Frieden, wenn ihr mir verziehen habt und mein Liebstes bei euch sein wird.“
Für Nataschas Mutterherz war das zu viel. Ein Weinkrampf überkam sie. Ivan konnte seine Tränen auch kaum unterdrücken. Er flüsterte leise: „Wir verzeihen dir mit Freuden, geliebtes Kind! Doch was meinst du mit dein
Liebstes?“ Doch der Zettel enthielt keine Antwort.

 

Endlich Heilig Abend. Aber Natascha tat die ganze Nacht kein Auge zu. Immer wieder weilten ihre Gedanken bei Maria und dass es ihr so schlecht  erging, brachte sie fast um den Verstand. In aller Frühe erhob sie sich, schlurfte schwerfällig die Stiege zur Stube hinunter und wurde von einem hellen Schein so geblendet, dass sie beinahe die letzte Stufe verfehlt hätte. Augenblicklich rief sie nach ihrem Mann. Auf der Ofenbank saß ein Engel. Es war nicht ihre Maria und er hatte auch keine Panflöte in der Hand, aber eine
goldene Schriftrolle. Auf seinem Haupt prangte ein Weihnachtsstern.
Inzwischen kam auch Ivan angetappt und machte große Augen, als der Engel beide anlächelte und sie bat, neben ihm Platz zu nehmen. „Ich bin das Christkind und habe eine Botschaft für euch!“, begann es. „Außerdem eine besondere Bescherung heut zum Fest!“ Mit diesen Worten übergab es die goldene Schriftrolle. Mit zittrigen Händen rollte Ivan sie auf. Er war jedoch nicht in der Verfassung, auch nur einen Satz zu entziffern.
Mit lieblicher Stimme erfasste das Christkind die Situation und sprach: „Der Engel, der sich zweimal zeigte, war eure Maria. Sie ist im Himmel vorzeitig aufgenommen worden, da sie so jung und unschuldig an gebrochenem Herzen starb. Ihr Ehemann behandelte sie schändlicher als einen Straßenköter und er trägt die alleinige Schuld an ihrem so frühen Ableben.
Doch ihre Seele kommt erst zur Ruhe, wenn ihr aufgenommen habt, was ihr auf Erden am meisten am Herzen lag.“
„Wir wissen so gar nichts von ihr“, hauchte Natascha tonlos, sah das Christkind jedoch hoffnungsvoll an.
„Ich weiß! Deshalb bin ich zu euch gesandt worden. Maria hat vor fünf Jahren einem Knaben das Leben geschenkt. Nach ihrem Tod war das Kind dem Vater im Wege und er gab es in ein ärmliches Waisenheim. Es war für den Kleinen nicht leicht, ohne Eltern leben zu müssen. Nun bin ich hier, um euch zu fragen, ob wir euren Enkel an euer Herz drücken dürfen? Die Engelsgemeinschaft ist sich sicher, dass der kleine David viel Freude ins Haus bringen würde.“
Natascha griff nach Ivans Hand, drückte sie fest und ihre Augen leuchteten, wie in jungen Jahren. „Wir haben einen Enkel! Ein schöneres Weihnachtsgeschenk hätte Maria uns nicht machen können!“

 

Am Abend kündigte sich mit schellenden Glöckchen der Schlitten des Christkindes vor dem Haus an. Völlig verschüchtert kletterte ein kleiner Junge vom Schlitten und schaute zu den Fenstern des Jägerhauses empor. In froher Erwartung traten Ivan und Natscha vor die Türe und gingen dem Jungen lächelnd entgegen. Aus ängstlichen Augen sah er sie an. „Ich bin dein Großvater und neben mir steht deine Großmutter. Deine Mama war unsere Tochter. Was meinst du, willst du von nun an bei uns leben? Wir
würden dich sehr gern bei uns aufnehmen…“
„… und dich aufwachsen sehen und verwöhnen wollen“, fiel ihm Natascha haltlos ins Wort, breitete die Arme aus, umfing liebevoll den kleinen Körper ihres Enkels und küsste ihn zärtlich auf die Stirn. Seit David denken konnte, war es das erste Mal, dass er umarmt wurde. Ein wohlig, anheimelndes Gefühlt kribbelte dem Jungen vom Kopf bis zu den Zehen. Er lächelte und nickte zustimmend. Großvater Ivan und Großmutter Natascha nahmen das Liebste ihrer Tochter zwischen sich an die Hände, bedankten sich herzlichst beim Chriskind und gingen lachend ins Haus.

 

Großmutter Natascha bereitete
ein festliches Abendessen, denn schon seit einigen Tagen werkelte sie in der Küche und bereitete feine Leckerbissen für das Fest. Nach dem Essen schmückten Großvater und Enkel gemeinsam den Weihnachtsbaum mit Lichtern und buntern Glaskugeln. So etwas Schönes hatte David noch nie gesehen. Aus der Küche duftete es bald köstlich. Jedes Jahr kaufte Ivan bei der alten Trude eine Gans zum Fest. Es gab weit und breit keine besseren. Und als der Junge am Heiligen Abend auch noch
Süßigkeiten und das Steckenperdchen seiner seeligen Mutter bekam, auf dem er durch die Stube toben konnte, fiel er seinen Großeltern glücklich um den Hals und bedankte sich, indem er jedem einen dicken Kuss auf die Wange drückte. David fühlte, dass er willkommen war in seinem neuen Zuhause. Das Glück dieser Familie war vollkommen.

 

Noch einmal blickte Maria als Engel mit der Panflöte in die hellerleuchtete Stube und sah David auf dem Schoß des Vaters sitzen. Auf dem Boden lag ihr heißgeliebtes Steckenpferdchen. Die Tanne war genauso geschmückt wie in ihren Kindertagen.
David strahlte mit den Lichtern um die Wette. Maria sah ihnen eine Weile zu und lächelte glücklich. „Nun habe ich meinen Frieden gefunden“, flüsterte sie und stieg für immer in den Himmel auf.