Zeichnung: Jutta E. Schröder

                                                                                                                                       

                                                     


 

Flammen im Elfenland

 

 

 

Der Morgen erwachte und der Schneewald zeigte sich wie gewohnt in all seiner Pracht.

Tannen ganz in weiß glitzerten im Sonnenlicht. Schneehasen streckten ihre Näschen aus

dem Bau. Hirsche und Rehe begaben sich zur Futterstelle und Schneeeulen saßen

regungslos auf den Tannenzweigen. Der Winter herrschte hier das ganze Jahr, doch eisige

Kälte ließ er nicht zu.

Am Tage zog die Sonne ihre Bahn, bei Nacht fiel der Schnee in dicken Flocken herab.

Eine himmlische Ruhe lag über dieser idyllischen märchenhafte Winterwelt.

Winzige Häuschen, versteckt in den Ästen, wurden von kleinen Elfen bewohnt. Früh

schwirrten sie aus. Elegant wie Libellen und in tausend Farben schillernd tanzten sie ihren

Reigen. So leicht und vergnügt begrüßten sie

jeden neuen Tag. Den Blütennektar, von dem sie sich ernährten, sammelten sie im

Sonnenwald, in dem der Sommer nie endete.

Dort trugen die Bäume ihre Blätter und Früchte das ganze Jahr hindurch. Um Nahrung zu

besorgen, mussten die Elfen einen See überqueren, der den Sonnenwald

vom Schneewald trennte. Sein Wasser war so warm, dass die Elfen gerne darin badeten.

In diesem See lebten die Minkos, kleine rundliche Wassergeister mit kurzen, krummen

Beinchen und Zipfelmützen, die sich morgens gern am Ufer aufwärmten. Sie lebten

eigentlich unter Wasser, aber zeitlich begrenzt auch an Land. Als Freunde der Elfen,

waren sie blitzschnell zur Stelle, wenn Hilfe benötigt wurde.

Weihnachten! Noch einmal schlafen! Auf dieses Fest freuten sich die Elfen jedes Jahr

ganz besonders und luden dazu die Minkos und alle Tiere des Schneewaldes ein. Die

Einladungen wurden wie immer von den Schneeeulen ausgetragen.

Morgen, am Weihnachtsabend sollte jeder wunderbare Köstlichkeiten geschenkt

bekommen. Für die Minkos pflückten die Elfen schon seit Tagen gelbblau karierte

Raketen-Schrumpfbeeren. Wenn diese nicht gleich nach der Reife geerntet wurden,

zischten sie wie kleine Geschosse aus ihren Kelchen, fielen zu Boden, schrumpften und

verschwanden einfach. Und da niemand diese Früchte kannte, bekamen sie wegen ihrer

lustigen Eigenschaften diesen neckischen Namen. Diese Beeren schmeckten nicht nur

außergewöhnlich gut, sie verliehen den Minkos rasante Schnelligkeit. Ihre kurzen

Beinchen glichen im Lauf zwei Propellern. Einmal zu viel davon genascht, würde ihr

Tempo außer Kontrolle geraten. So gutherzig die Minkos auch waren, zählen und sich

etwas einteilen konnten sie nicht. Und da sie außerdem nicht zu lange an Land leben konnten, warteten

sie jedes Jahr voller Ungeduld auf dieses wunderbare Geschenk am Weihnachtsabend.

Als die Sonne hinter den hohen Tannen versank, legten sich die Elfen zur Nachtruhe. Ihre

Bettchen waren mit Federn der Schneeeulen gepolstert, weich und wohltuend für ihre zarten Körper.

Der Mond trat seinen Nachtdienst an. Dieser war oft so eitel, dass er die ganze Nacht über

sein Spiegelbild betrachtete und sich zufrieden zulächelte. Durch laute Gesänge und

Händeklatschen wurde der Schneewald jäh aus seinem Schlaf gerissen. Die Tiere

schnupperten verwundert in die Luft. Die Elfen schreckten hoch, reckten ihre Köpfe und

hörten zu, was im Sonnenwald gesungen wurde:

Flammen flackern, Flammen glühen.

Feuertrolles Funken sprühen.

Wenn Bäume knistern, Äste krachen,

müssen wir ganz herzhaft lachen.

Ja, wir Trolle sind die Macht,

ham das Feuer hell entfacht.

Die Elfen sahen Rauch aufsteigen und die krächzenden Stimmen wurden unerträglich. Die

kleinste und schnellste Elfe machte sich auf den Weg in den angrenzenden Sonnenwald,

um nachzuschauen, welche üblen Gesellen sich dort tummelten.

Angekommen, setzte sie sich in einen Baum und konnte kaum fassen, was sie sah:

"Hoffentlich träume ich nur schlecht!", dachte sie, wurde aber eines Besseren belehrt.

Ohne Zeit zu verlieren, flog sie zurück.

Ganz außer Atem berichtete sie: "Ihr werdet mir nicht glauben, was ich gesehen habe: Kleine,

hässliche, laute Wesen mit roten Gesichtern und grünen Mündern klatschten in ihre

Hände. Dadurch entstanden Funken, mit denen sie Feuer entfachten!"

"Wir sollten den Minkos Bescheid geben!", sprach die älteste Elfe. Doch den kleinen

Wassergeistern war die Aufregung nicht entgangen. Sie füllten bereits ihre Mützen und

löschten nach und nach die Flammen. Die Elfen schwirrten geschlossen in den

Sonnenwald, setzen sich in die Bäume und hielten Ausschau. Jetzt konnten sie die

Feuertrolle beobachten, die patschnass um Hilfe schreiend umherliefen und tobten: "Was fällt euch

Wasserpanscher ein, unsere Feier so gemein zu stören? Na wartet, das nächste Feuer werdet ihr nicht

löschen können!"

Die Elfen machten auf sich aufmerksam und schimpften zurück: "Die Minkos sind keine

Wasserpanscher sondern Wassergeister und unsere Freunde! Wir brauchen den

Sonnenwald. Er schenkt den Tieren und uns Nahrung! Viele Nester der Vögel, Bäume und

Pflanzen hättet ihr beinahe vernichtet! Wie seid ihr eigentlich hierhergekommen? Dieses

Land ist völlig unbekannt, auf keiner Karte verzeichnet!"

"Mit dem Feuervogel waren wir auf großer Reise ins Flammenland. Allerdings verschwieg

er uns, dass er schon fast erblindet war! Gleich hinter diesem Wald ist er heftig gegen

einen Felsen gekracht und abgestürzt. Nun sind wir hier!"

"Nicht mehr lange, weil ihr ganz schnell wieder

verschwinden werdet!", riefen die Minkos wütend. Damit waren die Feuertrolle gar nicht

einverstanden. Lautes Gemurmel schwoll an, bis der frechste der Krakeeler brüllte:

"Niemals, werden wir freiwillig diesen Wald verlassen, nirgendwo klingt unser Flammenlied so schön wie

hier! Wenn ihr wünscht, singen wir es noch einmal, allerdings müssten wir dazu ein neues Feuerchen

machen!"

"Haltet eure Flammen von unserem Wald fern!", drohten die Elfen. Vor Wut stampften die Feuertrolle

mit ihren Beinchen auf den matschigen Waldboden, zornig riefen sie noch lauter: "Wir brauchen kein

Essen, wir  brauchen kein Trinken, nur die Freude am Feuer erhält uns am Leben! Ohne Flämmchen

sterben wir aus!"

Die Minkos glaubten die Lösung des Problems gefunden zu haben: "Geht in ein Land, wo Menschen

leben, dort dürft ihr sicher kranke Bäume abfackeln. So tut ihr noch was Gutes!" Wieder wollten die

Feuertrolle streiten, doch das Feuer war gelöscht, und die Elfen zogen sich genervt zurück.

Die Minkos drängte es ins Wasser, da ihre Haut zu trocknen begann.

Unruhig legten sich die Elfen in ihre Bettchen. Aus jeder Richtung glaubten sie Knistern

und Knacken zu hören. Außerdem quälte die Sorge, ob wohl in Frieden Weihnachten

gefeiert werden kann? Ihre Unruhe sollte nicht unbegründet sein. Plötzlich hörten sie

erneut dieses schreckliche Flammenlied.

Die Feuertrolle sangen unausstehlich laut, kreischten und johlten dazu, dass sogar die

Adler vom Märchenfelsen davonflogen. Mit Entsetzen sahen die Elfen, dass der

Sonnenwald lichterloh brannte. Je höher die Flammen schlugen, desto lauter sangen die Feuertrolle.

"Um Himmelswillen!", schrien die Elfen entsetzt, schwirrten eilig zu ihren Freunden und

ließen sich wie drei Stunden zuvor auf den Bäumen nieder. "Wenn doch nur jemand helfen

könnte!", jammerte die Jüngste.

"Da muss schon ein Wunder geschehen", sagte tonlos eine ältere Elfe. Sie alle fühlten

sich schrecklich, da sie den Wassergeistern so gar nicht helfen konnten.

"Löschen, löschen! Schneller, schneller!", riefen die Minkos verzweifelt durcheinander.

Eifrig waren sie damit beschäftigt, abermals ihre Mützen mit Wasser zu füllen.

"Haltet ein! Dieser Brand ist nicht zu löschen, die Hitze ist zu stark für uns. Wir haben den

Sonnenwald verloren!", riefen und weinten die Minkos.

Eine hohle Stimme drang zu den Elfen in den Ästen: "Hört mir zu! Ich könnte euch

behilflich sein!" Am Himmel sahen sie den Mond, der ihn zuwinkte und nur so laut sprach,

dass seine Worte nicht bis zur Erde drangen: "Vertraut mir einfach, der Sonnenwald ist noch nicht

verloren!"

Ungläubig fragten die Elfen: "Wie willst du das schaffen?"

Der Mond lächelte: "Die dicksten Schneewolken werde ich über den Sonnenwald

schieben! Durch die Hitze öffnen sie ihre Schleusen, aus dem Schnee wird Wasser und das Feuer

erlischt!"

"Die Idee ist ausgezeichnet", tuschelten die Elfen begeistert und nickten dem Mond dankbar zu.

Die Wolken waren prall gefüllt. Mit gewaltiger Kraftanstrengung schob er sie über den

Sonnenwald. Eilig hatte es der eitle Mond obendrein, schließlich wartete ein

Wasserspiegel auf ihn, in dem er sich wieder nächtelang ansehen und zulächeln konnte.

Endlich prasselte Regen herab und auch dieser Brand war bald gelöscht. Die Elfen und

die Minkos bedankten sich ganz herzlich beim Mond und lauschten in die

Nacht. Doch von den Feuertrollen war nichts

mehr zu hören, nichts mehr zu sehen. Es herrschte nur noch große Stille im Sonnenwald.

"Seht nur, alles ist überschwemmt! Vielleicht sind die Winzlinge ertrunken!", mutmaßten die Minkos.

Hoch über ihnen riefen die zurückgekehrten Adler vom Märchenfelsen: "Der Spuk ist vorbei!

Verspeisen werden wir diese Giftzwerge nicht, aber wegschaffen ins ferne

Flammenland, wo sie hingehören!" Nun zappelten die Nichtsnutze hoch in der Luft, fest in

den Fängen der Adler und um Hilfe schreiend. Doch niemand erhörte sie.

 

Weihnachtmorgen!

Nach dieser unruhigen Nacht waren die Elfen trotzdem bestens gelaunt. Ihre schönsten

Kleidchen streifen sie sich über, bürsteten ihr langes, glänzendes Haar und verzauberten

den Schneewald in einen Weihnachts-Märchenwald. Die weißen Tannen berieselten sie mit Elfenstaub, sodass

diese golden und silbern blinkten und glitzerten.

Glühwürmchen aus dem Sonnenwald setzten sich auf die Tannenspitzen und strahlten wie tausend Kerzen.

Auf winzigen Musikinstrumenten erklangen Weihnachtsmelodien und die Elfen sangen

dazu mit ihren glockenklaren, feinen Stimmchen. Die Minkos und die Tiere lauschten den

feierlichen Klängen. Es war das schönste Weihnachtsfest, das sie je erlebt hatten.

Der Mond ließ viele, viele Sternschnuppen als ganz persönlichen Weihnachtgruß am Schneewaldhimmel

erglühen.

So sah sein Spiegelbild, an dem er sich kaum satt sehen konnte, noch viel prächtiger aus.

Über die Feuertrolle sprach schon bald niemand mehr.