Elvis- Ein Schneemann auf Abwegen             

 

                                        

Seit dem Herbst fieberten der neunjährige Kilian und seine siebenjährige Schwester Nora dem Winter entgegen. Vor allem freuten sich sich auf den Schnee und natürlich aufs Weihnachtsfest, denn da gab es wieder viele Geschenke von den Eltern, Großeltern und
Verwandten.

 

Pünktlich zu den Winterferien fiel der erste Schnee.
Die Geschwister hockten am Fenster und sahen zu, wie die Schneeflocken im Wind tanzten. Sie lebten mit Mutter Elli und Vater Horst, auf dem Lande, für sie ein richtiges Paradies.
Wenn genug von der weißen Pracht gefallen war, durften sie nach draußen, hatte die Mutter versprochen. Warme Kleidung hing bereits an der Garderobe.
„Mama, wann liegt denn nun genug Schnee?“, rief Nora. „Wir wollen doch einen Schneemann bauen!“
Mutter Elli, die in der Küche beschäftigt war, antwortete: „Wenn es die Nacht hindurch so weiter schneit, wird morgen alles weiß sein!“
„Morgen!“, beklagte sich Kilian. „Das dauert ja noch eine Ewigkeit.“

 

Die Mutter behielt recht: Am nächsten Tag war die Welt weiß. Die Tannen des nahen Waldes bogen sich unter dem Gewicht der Schneelast. Vater Horst ging zu Fuß zur Sägemühle, in der er arbeitete. Das Auto wäre im tiefen Schnee stecken geblieben.
Kaum hatten sie gefrühstückt, waren Kilian und Nora auch schon dabei, alles für den Schneemann zusammenzusuchen.
„Kinder, ich habe nicht eine einzige Mohrrübe im Haus“, stellte die Mutter betrübt fest. „Nun bekommt euer Schneemann keine Nase!“
„Macht nichts“, tröstete Kilian. „In diesem Winter soll er mal ganz anders aussehen – nicht langnasig, sondern mit ganz großen Augen! Hast du etwas, das wir dafür benutzen können?“
Die Mutter überlegte. „Ach ja!“, rief sie dann. „Das wird euch bestimmt gefallen. Vater brachte gestern ein paar Riesenwalnüsse mit. Die gab es hier noch nie! Die sind genau richtig als Augen. Für die Nase nehmt ihr eine Mandel und den Mund formt ihr aus Bucheckern. Dann habt ihr den lustigsten Schneemann im Dorf.“ Sie verschwand in der
Vorratskammer und kam mit Nüssen, Mandeln und Bucheckern zurück.
Tatsächlich, die Nüsse waren riesig. Nora hatte auch noch eine Wunsch. „Im Keller stehen Papas Gartenschuhe. Darf ich sie nehmen?“, bat sie.
Mutter Elli lachte. „Soll der weiße Geselle Beine kriegen? Sicher dürft ihr die Schuhe haben. Der Ärmste bekommt ja sonst kalte Füße. Hoffentlich läuft er euch nicht davon.“
Den letzten Satz hörten Nora und Kilian schon nicht mehr, die Tür war hinter ihnen ins Schloss gefallen.
Nach einer fröhlichen Schneeballschlacht, gingen die Geschwister ans Werk. Ein freier Platz in Vorgarten wurde ausgewählt, damit jeder, der am Haus vorüberkam, den Schneemann auch bestaunen konnte.
Mit vereinten Kräften rollten sie eine dicke Kugel und setzten sie auf Vater Horsts alte Schuhe. Das sah sehr lustig aus. Nun noch eine zweite, nicht ganz so große Kugel und schließlich der Kopf! Ja, da stand er nun, der Schneemann, doch noch hatte er kein Gesicht.
Kilian drückte die großen Nüsse in die weiße Masse und sogleich sah der Schneemann hellwach aus. Die Mandel wurde zu einer frechen Stupsnase. „Ja, genau so sollte er aussehen!“, rief Nora begeistert. „Lass mich den Rest machen!“
In das bislang mundlose Gesicht drückte sie nun die Bucheckern in gerader Linie von einer Wange zur anderen ein und darunter in einem Bogen. Schon grinste der Schneemann sie fröhlich an. Mutter Elli trat vor die Tür, um den neuen Gartenbewohner zu
betrachten. „Kinder, den habt ihr prima hinbekommen“, sagte sie lachend. „Das ist wirklich ein besonderer Schneemann. Hoffentlich taut es nicht gleich wieder. Habt ihr schon einen Namen für ihn? Wer so gut gelungen ist, muss auch einen schönen Namen bekommen!“
Kilian betrachtete den Schneemann von oben bis unten. „Er soll Elvis heißen!“, entschied er.
Jemand lachte laut auf. Vater Horst, der gerade von der Arbeit heimkam,
hatte den Vorschlag seines Sohnes gehört. „Du könntest ihn ja auch 'mein Junge' nennen“, schlug er vor. Aber das gefiel Nora nicht und so blieb es bei Elvis. „Leider fällt das Taufen aus“, bedauerte sie. „Wenn wir ihn mit Wasser begießen, vereist er.“
An diesem Abend fielen die Geschwister todmüde, aber sehr zufrieden ins Bett.

 

Im Wald, nicht weit vom Haus entfernt, lebte die weiße Eichhorn-Dame Nüsschen. Diesen freundlich klingende Namen hatte sie sich selbst gegeben. In Wahrheit war sie eingebildet, selbstsüchtig und faul. Im Winter stahl sie ihren braunen Artgenossen die mühsam gesammelten Wintervorräte. Waren die erbeuteten Nüsse zu klein, verstreute die Räuberin sie einfach achtlos im Schnee.
Nüsschen war mit der Federhexe Hemuna befreundet, die im Wald wegen ihrer Boshaftigkeit so unbeliebt war wie die Eichhorn-Dame wegen ihrer Raubzüge. Wie schon der Name verriet, schwebt die Federhexe leicht und unhörbar durch die Luft. Sie verstand sich auf Verwandlungen, tauchte unverhofft auf und stiftete Unfrieden. Ihre Boshaftigkeit sollten auch die Geschwister Kilian und Nora zu spüren bekommen.

 

Elvis stand schon ein paar Tage im Vorgarten. Inzwischen hatten ihn die meisten Dorfbewohner bereits bestaunt und die Schulkameraden beneideten Nora und Kilian.
Auch der Federhexe Hemuna kam zu Ohren, dass dies ein besonderer Schneemann war mit Nüssen als Augen und einer Mandel als Nase. Hemuna liebte Mandeln. Eilig besuchte sie ihre weißpelzige Freundin. „Nüsschen“, zischelte sie aufgeregt, „Nüsschen, im Vorgarten des Hauses am Dorfrand steht ein Schneemann mit Nuss-Augen, einer Mandel-Nase und einem Bucheckern-mund.“
Nüsschen stellte den buschigen Schwanz auf und schnupperte aufgeregt in die Luft. „Du machst mir die Schnauze wässerig“, piepste sie. „Also hauch dich in die Luft und besorge mir diese Köstlichkeiten. Ich kann es ja nicht selbst tun. Wenn die Menschen mich erwischten, würden sie mir den hübschen weißen Pelz über die Ohren ziehen.“
In Wahrheit war Nüsschen viel zu faul, sich selbst zu bewegen.
„Ich kriege das Zeug nicht aus dem Schnee heraus“, nuschelte Hemuna. „Es steckt zu fest drin!“ Tatsächlich passte ihr nicht, dass Nüsschen sich von ihr bedienen ließ.
„Na, dann mach dem Schneemann Beine“, verlangte die faule Freundin. Du weißt schon – hex hex hex!“
Du hast ständig Sonderwünsche“, knurrte die Federhexe. „Ich kann es versuchen, versprechen nicht. Wann tust du auch mal etwas für mich?“

 

Sobald es dunkel wurde schwebte Hemuna davon und dem Dorf zu.
Kilian und Nora lagen in tiefem Schlaf und träumten vom Christkind.
Wie hätten sie ahnen sollen, dass ihr Schneemann in Gefahr war? Hemuna konnte in aller Ruhe ihren Plan ausführen. Einfallsreich, wie Hexen sind, verwandelte sie sich in ein Schnee- Mädchen und und glitt wie ein Schlitten auf Elvis zu. „Oh, mein Schöner!“, säuselte sie honigsüß. „Kommst du mit mir?“
Elvis lachte das Schnee-Mädchen fröhlich an. Er konnte ja nicht anders! So hatte Nora nun mal seinen Mund geformt. Aber reden - nein, das ging nicht!
Hemuna flötete weiter: „Wenn du mir folgst, mache ich dich lebendig, wenn nicht, wirst du in der warmen Sonne tauen für immer verschwinden!“
Elvis hätte gern gesagt, das er das gewiss nicht wollte, aber die Bucheckern-Lippen bewegten sich nicht.
Das begriff wohl auch die Federhexe, denn sie klimperte ein paar Mal mit den kohlschwarzen Zauberaugen und der Schneemann spürte plötzlich überall ein heftiges Kribbeln. Seine Walnuss-Augen rollten hin und her, sein Bucheckern-Mund klappte zu, die Mandel-Nase roch den Schnee, auch die Arme wurden beweglich. Zuletzt zuckte es in den Schuhen
unter seinem Walzenkörper, als steckten darin richtige Füße.
„Ach, ach!“, seufzte er. Ja, wirklich: Er konnte reden!
Entzückt starrte Elvis das Schnee-Mädchen an. Ach, war die schön!
„Ich – ich – komme mit!“, stammelte er und verließ tatsächlich mit der arglistigen Hemuna den sicheren Vorgarten.
Oh je, würden Kilian und Nora traurig sein, wenn sie am Morgen von dem Ausreißer nur noch die Spuren von Vaters Horst Schuhen vorfanden!

 

Der Wind wehte Elvis heftig um den kahlen Schnee-Kopf. Zu ersten Mal spürte er, dass seine Nase eisig kalt wurde. Und das Gehen war auch nicht so einfach! „Wie weit ist es noch?“, jammerte er. „Du bist zu schnell. Ich kann nicht mehr! Meine Füße tun weh! Die Schuhsohlen haben Löcher!“
„Hör auf zu wimmern!“ Das falsche Schnee-Mädchen lachte spöttisch und glitt leicht neben ihm dahin. „Du bist nur zu dick und nicht ans Laufen gewöhnt. Wir sind gleich da.“
Auf einer Lichtung im Wald hielt Hemuna an, öffnete ihre Schneehand und reichte Elvis eine Kräuterkaramelle: „Immer schön lutschen! Die tut deinem Hals gut und gibt dir Kraft!“
Dankbar griff der Dicke danach und steckte sie in den Bucheckern- Mund.
Das hätte er besser nicht tun sollen! Er erfuhr niemals, wie das Bonbon schmeckte, denn nach dem ersten Lutsch, fiel er einfach um.
Augenblicklich verwandelte sich das Schnee-Mädchen wieder in die Federhexe. Sie stieß einen schrillen Pfiff aus – das Zeichen für Nüsschen.
Flink huschte die ungeduldig Wartende von ihrem Baum herab, wurde fast unsichtbar auf dem weißen Schnee, hüpfte und sprang, hüpfte und sprang ... und nörgelte dennoch, sobald sie Hemuna erblickte: „Einen besseren Platz hättest du schon aussuchen können! Ich kann nicht fliegen. Fast wäre ich nicht durch den Schnee gekommen!“
„Meckere nicht!“, zischelte die Federhexe unwillig. „Puhl ihm das Zeug aus dem Gesicht und dann verschwinden wir!“
„Und wie soll ich das jetzt schleppen?“, bescherte sich Nüsschen, sobald sie dem Schneemann Augen, Nase und Mund gestohlen hatte.
„Halt mal deine Schürzentasche auf.“
Damit hatte Hemuna gerechnet. Sie war auch nicht dumm! Nüsschen belud die Federhexe mit den erbeuteten Vorräten und sprang leichtpfotig davon.
Hemuna beugte sich über den Schneemann und zog die Luft tief ein: Da fuhr das letzte bisschen Lebendigkeit aus ihm heraus. Danach erhob sie sich in die Luft, nicht ganz so hoch wie sonst, denn der Raub zog sie nach unten, und schwebte Nüsschen hinterher.
Den armen, gesichtslosen Elvis ließ sie einfach liegen. Was für ein jammervoller Anblick .

 

Am Morgen eilten die Kinder gleich zum Fenster, um nach dem Schneemann zu sehen. Doch er war nicht mehr da!
„Mama, Elvis ist weg!“, schrie Nora entsetzt auf und begann zu weinen.
Die Mutter sagte, das wisse sie bereits. „Der Vater hat es bemerkt, als er zur Arbeit ging. Und stellt euch vor, man erkennt die Spuren seiner alten Gartenschuhe! Das Ganze ist ziemlich unheimlich, es sei denn, es hat sich jemand einen dummen Scherz erlaubt.“
„Einen Scherz? Bestimmt nicht!“ Kilian schüttelte den Kopf. „Elvis ist sicher weggelaufen, weil es ihm zu langweilig war, immer auf einer Stelle zu stehen.“
„Ach was! Ein Schneemann kann nicht laufen!“, widersprach Nora.
„Er kann sich aber auch nicht in Luft aufgelöst haben“, murmelte Kilian.
Mutter Elli versuchte, ihre Kinder aufzuheitern. „Baut euch einen neuen Schneemann, aber diesmal ohne Schuhe“, riet sie lächelnd.
Doch die beiden betrachteten nach dem Frühstück nur traurig die Spuren im Schnee und zogen sich dann lustlos in ihr Zimmer zurück.
An diesem Tag fiel keine einzige Flocke von Himmel.
Als Vater Horst von der Arbeit heimkam, fragte er seine Frau, wie die Kinder das Verschwinden des Schneemanns aufgenommen hätten.
„Sie sind untröstlich“, antwortete Mutter Elli.
Der Vater klopfte an die Tür des Kinderzimmers, öffnete sie ein Stückchen und fragte er freundlich; „Warum sitzt ihr hier herum? Die Spuren sind deutlich sichtbar und führen in den Wald. Vielleicht sollten wir ihnen folgen?“
Daran hatten Kilian und Nora noch gar nicht gedacht. Sogleich ging es ihnen besser. Und dass der Vater mitkommen wollte, war eine gute Idee.
Warm angezogen verließen sie zu dritt das Haus. Der Schnee reichte den Kindern bis zu den Waden.
„Euer Schneemann war gut zu Fuß“, scherzte der Vater nach einer Weile. „Mir fehlt schon die Puste.
„Was hat er nur neben sich hergezogen?“, fragte Kilian und wies auf eine kaum sichtbare Schleifspur neben den Tapsen.
„Keine Ahnung“, gab der Vater zu. Wie hätte er wissen sollen, dass diese Spur zur federleichten Hexe gehörte?
Sie liefen weiter und kamen zu einer Lichtung. Dort verloren sich die Spuren, denn hier hatte es nachts doch ein wenig geschneit.
Nora stieg auf einen Baumstumpf, spähte über die weiße Fläche und rief auf einmal: „Ich glaube, da gucken Papas Schuhe aus dem Schnee!“
Um die Wette wateten die drei zu dieser Stelle und da lag Elvis – ohne Augen, ohne Nase, ohne Mund.
„Oh je, flüsterte Nora. „Was ist mit ihm passiert?“
„Den haben Eichhörnchen überfallen“, sagte der Vater. „Man sollte eben nie von daheim ausreißen!“
„Ich möchte nur wissen, wie er hierher gekommen ist“, grübelte Kilian.
„Na, auf meinen Schuhen. Vielleicht waren sie zauberkräftig“, bot Vater Horst grienend als Lösung an. Er war davon überzeugt, dass sich jemand mit den Kindern einen üblen Scherz erlaubt hatte. „Die Schuhe nehme ich jedenfalls wieder mit, falls ihr den nächsten
Schneemann bauen wollt“, sagte er und band die Schnürsenkel zusammen.
„Erst mal nicht“, sagte Nora leise und kämpfte mit den Tränen.
„Und ganz bestimmt keinen mehr auf deinen Schuhen“, setzte Kilian hinzu.
„Er war soooo schön, unser Elvis“, klagte Nora.
„Und vor allem so lecker“, ergänzte Vater Horst. „Gönnt den Eichhörnchen auch etwas. Es war ja nur ein Schneemann, selbst wenn er einen Namen hatte.“
Halbwegs getröstet traten die Kinder mit dem Vater den Heimweg an. Nicht weit von der Lichtung entfernt saß zu dieser Zeit Nüsschen satt, aber finster vor sich hin brütend in ihrem Kobel. So eine Gemeinheit!
Die Federhexe hatte die Mandel-Nase für sich behalten als Lohn für
verrichtete Dienste. Aus war es mit der Freundschaft. Für immer!